Gut behütet: Die Blutkonserven werden im Labor im Kühlschrank gelagert und auf Anforderung bereitgehalten. - © GERALD DUNKEL
Gut behütet: Die Blutkonserven werden im Labor im Kühlschrank gelagert und auf Anforderung bereitgehalten. | © GERALD DUNKEL

Bünde / Kirchlengern / Rödinghausen Heute ist Weltblutspendetag: Blut gilt als eine der kostbarsten Arzneien

Ein Tag, der uns alle verbindet: 1.425 Blutkonserven wurden im Lukas-Krankenhaus im vergangenen Jahr verbraucht. Nur etwa jede zweite Konserve wird bei Operationen benötigt. Viele Menschen brauchen regelmäßig eine Transfusion. Dr. Thomas Rath im NW-Gespräch zum Weltblutspendetag.

Gerald Dunkel

Bünde/Kirchlengern/Rödinghausen. 1901 veröffentliche der österreichische Mediziner Karl Landsteiner seine Entdeckung der verschiedenen Blutgruppen. Bis dahin wusste niemand etwas von den Unterschieden. Allerdings gab es schon Bluttransfusionen. Erst mit späterem Wissen verstand man, dass ein geringer Teil davon nur zufällig erfolgreich war und die Transfusionen mehr Tod als Leben brachten. Die Bedeutung von Blut in der heutigen modernen Medizin erklärt Intensivmediziner und Narkosearzt Thomas Rath. Er ist gleichzeitig Transfusionsverantwortlicher des Lukas-Krankenhauses. 1.425 Blutkonserven in Form von roten Blutkörperchen bekamen im vergangenen Jahr Patienten im Lukas-Krankenhaus verabreicht. Nur etwa die Hälfte davon wurden bei Operationen gebraucht. Die anderen rund 700 Konserven erhielten Patienten der Inneren Medizin mit einem regelmäßigen Transfusionsbedarf. „Dazu zählen Menschen mit Blutbildungsstörungen, oder Patienten, die aus verschiedenen Gründen immer wieder Blutungen bekommen", erklärt der Leitende Oberarzt Thomas Rath. Als Transfusionsverantwortlicher des Hauses wacht er über Organisation und die Einhaltung aller rechtlichen Grundlagen im Zusammenhang mit Bluttransfusionen. Moderne Methoden in der Chirurgie helfen, Blut zu sparen Etwa seit dem Jahr 2000 ist die Zahl der Transfusionen, die allein während oder infolge von Operationen verabreicht werden, zurückgegangen. „Das hängt einerseits mit der Weiterentwicklung von Operationsmethoden zusammen", so Rath. Dazu zählen die minimalinvasive Chirurgie („Schlüsselloch-OP") oder auch die Elektrokoagulation, bei der mit elektrischem Strom krankes Gewebe entfernt wird und Blutgefäße unmittelbar wieder verschlossen werden. Darüber hinaus fand in der Medizin aber auch ein Umdenken statt und seit 2011 fordert die Weltgesundheitsorganisation die Umsetzung des so genannten „Patient Blood Managements". Die bereits genannten Blut sparenden OP-Methoden sind eine Säule davon. Auch werden Transfusionen nicht mehr so frühzeitig wie in den 1990er Jahren vorgenommen, als noch ein Grenzwert von 10 Milligramm Hämoglobin (Blutfarbstoff an den roten Blutkörperchen, der Sauerstoff bindet) pro Deziliter galt, ab dem von oben gesehen eine Transfusion eingeleitet wurde. Eine weitere Säule bezieht sich vor allem auf länger geplante Eingriffe und beinhaltet die rechtzeitige Diagnose und Behandlung einer Blutarmut (Anämie) beim Patienten – und die ist gar nicht so selten. Zwei Möglichkeiten stellen die Behandlung mit Eisenpräparaten oder mit einem Stoff dar, den man schon mal im Zusammenhang mit Doping im Sport gehört hat: Erythropoetin, oder kurz „Epo". Medikament zur Blutbildung ist auch beim Doping beliebt „Dabei müssen wir zunächst aber feststellen, was die Ursache für die Anämie ist", so Thomas Rath. „Ist es Eisenmangel, wird man mit der Gabe von Epo auch nichts erreichen. Sind beim Patienten die Eisen- und Vitaminspeicher aber gefüllt, kann Erythropoetin – eigentlich ein Stoff aus der Niere – dafür sorgen, dass im Knochenmark mehr Blut gebildet wird." Aber besonders bei älteren Patienten oder Risikopatienten kann der Einsatz von Epo problematisch sein, denn durch die angeregte Blutbildung steigt zwar der Hämoglobinwert und das Blut befördert durch die höhere Zahl roter Blutkörperchen (Erythrozyten) mehr Sauerstoff, es verändert sich aber auch die Konsistenz des Blutes. Es wird dickflüssiger, wodurch die Gefahr für Schlaganfälle und Herzinfarkte steigt. Eine weitere Form der Vorbereitung auf eine Operation ist die Eigenblutspende. „Dafür spricht, dass sie keine Flüssigtransplantation von Fremdgewebe darstellt", erklärt der leitende Mediziner. Und weiter: „Ihr Vorteil ist die absolute Verträglichkeit, wenn sie ihrem Spender wieder zugeführt wird. Nachteilig ist, dass dem Patienten vor einem geplanten Eingriff in mehreren Schritten Blut entnommen wird – und er mit einem geringeren Hämoglobinwert als üblich in die OP startet." Eigenblutspenden sind verträglich, schwächen aber auch Das Erythrozytenkonzentrat, das landläufig das Urbild einer Blutkonserve darstellt, ist maximal 42 Tage haltbar. Die Zahl der Eigenblutkonserven wäre also sehr begrenzt, wenn man bedenkt, dass Männer sechsmal und Frauen viermal pro Jahr Blut spenden dürfen – selbst wenn bei diesem Verfahren auch wesentlich geringere Abstände als Maßstab gelten. „Eigenblutspenden werden in der Präparation auch völlig anders behandelt", sagt Thomas Rath. „Sie unterliegen keiner Quarantäne oder weiteren labortechnischen Untersuchung, die bei Blutspenden üblich sind." Denn sie würden ausschließlich dem Organismus wieder zugeführt, dem sie entstammen. „Deshalb müssen wir diese Konserven auch vernichten, wenn wir sie nicht benötigen." Dass Blutkonserven bei Operationen vergleichsweise selten eingesetzt werden, zeigen zwei Zahlen: Im Lukas-Krankenhaus standen 2017 in den operativen Disziplinen 700 verbrauchte Blutkonserven 5.500 Operationen gegenüber. Bei den meisten Eingriffen wird kein Fremdblut benötigt. Der Blutverlust beim Einbau einer künstlichen Hüfte liegt durchschnittlich zwischen einem halben und einem Liter Blut. „Dieser Verlust wird von den Patienten bei ausreichender Flüssigkeitsgabe problemlos toleriert", erklärt der Leitende Oberarzt. Dringend benötigt würden die Konserven aber eben auch für Patienten, die aufgrund einer Erkrankung regelmäßig eine Transfusion brauchen, um überhaupt leben zu können. Besonders mit Blick auf die Sommerferien stehen den Blutspendediensten, die die Krankenhäuser mit Blut versorgen, die Sorgenfalten auf der Stirn. Denn in den sechs Wochen dauernden Ferien kommen bei konstant hohem Verbrauch kaum Spenden nach. Und sechs Wochen ist die Lebenszeit einer Blutkonserve. Eine Revolution in der Medizin Die Entdeckung der Blutgruppen: Karl Landsteiner sorgte seit Beginn des 20. Jahrhunderts dafür, dass Bluttransfusionen Leben spenden. Bis dahin waren sie ein reines Glücksspiel.  Der Weltblutspendetag wurde zu Ehren von Karl Landsteiner (14. Juni 1868 – 26. Juni 1943), dem Entdecker der Blutgruppen, auf dessen Geburtstag gelegt. Der österreichische Mediziner entdeckte das so genannte „AB0-System" und erhielt 1930 dafür den Nobelpreis. Landsteiner fiel auf, dass das Blut zweier Menschen oft verklumpte, wenn man es miteinander mischte (Kreuzprobe). Bevor er das 1900 entdeckte, nahm man in der Medizin allerdings schon Bluttransfusionen vor, weil man annahm, dass das Blut bei allen Menschen identisch ist. Das war demzufolge aber ein makabres Glücksspiel, ohne dass man es wusste, denn oft führten diese Transfusionen zwangsläufig zum Tod der Patienten. Erst nach Landsteiners Veröffentlichung im Jahr 1901 und seiner Entdeckung, dass die Transfusion zwischen Menschen gleicher Blutgruppen erfolgreich verlief, etablierte sich die Blutübertragung ab der ersten erfolgreichen Transfusion im Jahr 1907 nach und nach in der Medizin. In früheren Jahren konnte man ausschließlich Vollblut transfundieren. Eine Auftrennung in Erythrozyten (rote Blutkörperchen), Thrombozyten (Blutplättchen) sowie Blutplasma erfolgte später erst durch das Zentrifugieren einer Vollblutspende. Seitdem kann man mit einer Blutspende verschiedene Blutprodukte herstellen, mit denen wiederum auch mehreren Menschen geholfen werden kann. Heute können auch spezifische Spenden nur für Erythrozyten, Thrombozyten oder Plasma abgegeben werden. ERYTHROZYTEN Die roten Blutkörperchen transportieren den Sauerstoff von der Lunge durch den gesamten Körper zu den Zellen und nehmen von dort das Kohlendioxid wieder mit zurück zur Lunge. An den Blutkörperchen befindet sich das Hämoglobin. Das ist der rote Blutfarbstoff, der den Sauerstoff bindet. Hat ein Mensch zu wenig Hämoglobin im Blut, leidet er an einer Blutarmut (Anämie). Ein großer Teil der Erythrozytenkonzentrate wird für Patienten mit Blutarmut benötigt. Ferner werden sie Patienten bei Operationen verabreicht – aber längst nicht bei allen Eingriffen. Am Beispiel des Bünder Lukas-Krankenhauses bedeutet das, dass im vergangenen Jahr bei etwa 5.500 operativen Eingriffen 700 Blutkonserven verbraucht wurden. THROMBOZYTEN Die Blutplättchen sorgen dafür, dass das Blut gerinnen kann – eine Blutung also gestillt wird. Sie werden recht häufig bei Krebserkrankungen während einer Chemotherapie eingesetzt. BLUTPLASMA Unser Blut besteht zu mehr als der Hälfte aus dem Blutplasma. Das Plasma wiederum besteht zu 90 Prozent aus Wasser. Die übrigen 10 Prozent teilen sich in Nährstoffe sowie Faktoren unter anderem für die Infektionsabwehr auf. Über das Plasma werden vor allem Nährstoffe zu den Körperzellen transportiert. In der Medizin kommt das Plasma bei starkem Blutverlust, Verbrennungen oder auch bei geschwächter Immunabwehr zum Einsatz. Quelle: DRK

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