Erinnerung: Eines frühen Morgens kamen die russischen Soldaten und sammelten alle Armbanduhren ein. Rolf Heinke gelang es, die Uhr seines Vaters unter der Kleidung zu verstecken. Sie liegt bis heute in einer kleinen Schachtel. Nur die Armbänder fehlen. Foto: Meiko Haselhorst - © Meiko Haselhorst
Erinnerung: Eines frühen Morgens kamen die russischen Soldaten und sammelten alle Armbanduhren ein. Rolf Heinke gelang es, die Uhr seines Vaters unter der Kleidung zu verstecken. Sie liegt bis heute in einer kleinen Schachtel. Nur die Armbänder fehlen. Foto: Meiko Haselhorst | © Meiko Haselhorst

Bünde Morgens um fünf kamen sie

Kriegskinder (8): Rolf Heinke erinnert sich an die letzten Kriegstage in seiner Heimat Pommern und an das Verlorensein zwischen Fronten und Grenzen. Er spricht auch über eine sehr ungewöhnliche Therapieform

Meiko Haselhorst

Bünde. Plötzlich, es war noch dunkel draußen, ging ein Zischeln und Flüstern durch die Enge im Luftschutzkeller. „Uhren weg, Uhren weg“, hieß es nur. Und da kamen sie auch schon, die russischen Soldaten. Und sammelten alles ein, was die deutschen Flüchtlinge an ihren Handgelenken trugen. Der damals neunjährige Rolf Heinke schob das Erbstück seines Vaters auf seinen dünnen Oberarm. Dort blieb es unentdeckt. Heute liegt die Uhr in einer kleinen Schachtel seines Hobbyzimmers. Und erinnert ihn regelmäßig daran, was er vor über 73 Jahren mitmachen musste. Krieg? Bis Februar ’45 war das für Rolf Heinke noch fast ein Fremdwort. In seiner pommerschen Heimatstadt Rummelsburg war davon nichts zu spüren gewesen. Drei Jahre zuvor war zwar sein Vater gefallen, „aber das war halt so, damit war man als Kriegskind ja nicht allein“, sagt der heute 82-Jährige. Die Front kam dann allerdings näher und näher. Man bereitete sich auf die Flucht vor. „Wir Kinder wurden angezogen ins Bett geschickt, mit den Schuhen an den Füßen“, erzählt Heinke. Eines kalten Morgens – bei etwa minus 20 Grad – ging es dann tatsächlich los. Rolf Heinke, sein Bruder, seine kleine Schwester, die Mutter und zwei Koffer. „In der Ferne hörte man schon Schüsse“, erinnert sich Heinke. Zunächst auf Schusters Rappen, dann in einem Lazarettzug, in dem ein einziges Stöhnen und Wehklagen herrschte, machte sich die Familie auf den Weg zur Ostsee. „Obwohl meine Mutter sich die Karten hatte legen lassen – da war ihr von einer Schiffsreise dringend abgeraten worden“, erinnert sich Heinke. "Nur das Gequietsche und Geklirre der russischen Panzerketten war zu hören“ Die letzten Kilometer Richtung Danzig nahmen deutsche Soldaten sie mit. In einer Vorstadt – mittlerweile war es der 12. März – holten die Russen sie ein. Heinke erinnert sich an „eine gespenstische Ruhe – nur das Gequietsche und Geklirre der russischen Panzerketten war zu hören“. Da der Weg zur Ostsee nun versperrt war, fasste man kurz nach der Episode im Luftschutzkeller folgenden Beschluss: „Wieder nach Hause!“ Den Rückweg bestritt man allerdings komplett zu Fuß. In Gesellschaft von zwei weiteren Frauen und ihren Kindern. „Meine Mutter hatte einen Bollerwagen gefunden“, erzählt Heinke. „Da kamen die Kinder rein – die beiden Koffer waren längst weg.“ Unterwegs sah Heinke zahlreiche gescheiterte Trecks – Material, totes Vieh und tote Menschen lagen wild durcheinander. „Zähl doch mal die Toten“, habe seine Mutter ihm als Zeitvertreib vorgeschlagen. „Schon nach kurzer Zeit war ich bei 40 – an die Zahl erinnere ich mich genau“, sagt Heinke. Der Neunjährige sah einen zerquetschten deutschen Soldaten, der nur noch ein halbes Gesicht hatte. „Wir zogen ihn von der Straße – für mehr hatten wir keine Zeit“, erzählt der Bünder. Wortlos seien sie auch an einem Berg Leichen vorbeigezogen, auf dessen Spitze ein winziges Baby lag. „Es hatte seine Mütze verloren, das kahle Köpfchen leuchtete in der Sonne“, sagt Heinke. „Die Nacht war bitterkalt, das Baby war ganz bestimmt schon tot“, hätten sich die Frauen etwas später zu trösten versucht. „In unserem Keller lagen zwei tote Frauen, wahrscheinlich vergewaltigt und erwürgt" Ab und an, so Heinke, hätte das kleine Grüppchen von mitleidig dreinblickenden russischen Soldaten einen Teller Suppe bekommen. „Andere haben uns nachts besucht. Einmal haben sie ein Mädchen mitgenommen, das ist nie wieder aufgetaucht“, erzählt Heinke. Mehr möchte er zu diesem Thema nicht sagen. Nach zehn Tagen sei man in Rummelsburg angekommen. „Am Bahnhof stand eine Sammlung von Klavieren, woanders Nähmaschinen“, erzählt Heinke. Alle Schränke in der Wohnung seien ausgeräumt gewesen, die komplette Stadt geplündert. „In unserem Keller lagen zwei tote Frauen, wahrscheinlich vergewaltigt und erwürgt, vor der Haustür der erschossene Nachbar“, schildert Heinke. Anderthalb Jahre hielt man hier noch aus. „Es entwickelte sich sogar so etwas wie ein Zusammenleben zwischen Deutschen und Polen“, sagt Heinke. „Manchmal war es gar nicht so schlimm.“ Aber dann folgte etwas später die Zwangsausweisung – und damit das nächste schwierige Kapitel im Leben des damals noch so jungen Rolf Heinke. Gibt’s irgendwelche psychischen Spätfolgen? Heinke schüttelt den Kopf. „Meine Pensionierung als Lehrer vor ein paar Jahren war schlimmer“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Eine echte Therapie habe er nie gemacht. Vor einigen Jahren hat er allerdings eine sehr originelle Art entdeckt, Fluchterlebnisse und Heimatverlust zu verarbeiten: „Manchmal gehe ich nachts durch die Straßen meiner alten Heimatstadt – mit google street view.“

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