Schreibt die eigene Geschichte auf: Doch auch das Verarbeiten am Computer nimmt Waltraud Große Loheide manchmal so sehr mit, dass sie mehrtägige Pausen einlegen muss. - © Meiko Haselhorst
Schreibt die eigene Geschichte auf: Doch auch das Verarbeiten am Computer nimmt Waltraud Große Loheide manchmal so sehr mit, dass sie mehrtägige Pausen einlegen muss. | © Meiko Haselhorst

Kirchlengern Flucht, Rückkehr, Vertreibung

Kriegskinder (6): Als Kind empfand Waltraud Große Loheide manches als Abenteuer. Heute fällt ihr das Sprechen über das Erlebte trotzdem schwer

Meiko Haselhorst

Kirchlengern. Übernachten an fremden Orten, in den Ruinen fremder Häuser. Essbares im Wald und auf dem Feld suchen. Abende am Lagerfeuer und unter freiem Himmel – für ein Kind kann all das wie ein großes Abenteuer sein, auch wenn drumherum der Krieg tobt. So war es auch bei Waltraud Große Loheide. Doch wenn sie heute darüber spricht, stockt ihr häufig die Stimme. Darum schreibt sie ihre Geschichte auf. „Und selbst da kommen mir manchmal die Tränen“, räumt die 82-Jährige ein. Wie so viele andere Menschen aus den damaligen deutschen Ostgebieten, musste sich auch die im schlesischen Öls aufgewachsene Waltraud Große Loheide gleich zweimal auf eine unfreiwillige Abenteuerreise begeben: „Ende Januar 1945 sind wir zunächst vor den Russen geflüchtet“, sagt sie. Nach vorübergehender Rückkehr in den Heimatort im Mai ’45 habe sie sich im November desselben Jahres ein weiteres Mal auf den Weg machen müssen. „Das war dann die Zwangsausweisung durch die Polen“, erklärt sie. Öls, heute das polnische Olesnica, befindet sich in der Nähe von Breslau. „Außerdem waren wir Garnisonsstadt – und einen Flughafen gab es etwas außerhalb auch“, erzählt sie. „Deshalb haben wir auch schon während des Krieges viel mitbekommen.“ Auch dass ihr Vater und der ältere Bruder als Soldaten kämpften, hing wie ein Schatten über der Familie. "Ein bisschen Schmuck und Geld in die Kleidung eingenäht – und los ging’s“ So richtig brenzlig wurde es für die Familie aber erst am 20. Januar 1945. „Lärm und Krach“ sei in den Straßen gewesen, bei 20 Grad Kälte habe man sich unter die vielen anderen Flüchtlinge gemischt, die auf der Straße unterwegs waren. „Meine Mutter hat noch ein paar Oberbetten mitgenommen, ein bisschen Schmuck und Geld in die Kleidung eingenäht – und los ging’s“, erzählt Große Loheide. Nach kurzem Aufenthalt in Schweidnitz sei man in einen pickepackevollen „Zug nach Nirgendwo“ gestiegen. Über eine Zwischenstation im Riesengebirge landete man schließlich im Februar in Herrnskretschen an der Elbe, heute das tschechische Hrensko. „Dort wohnten wir mit sieben Leuten in einem Hotelzimmer, es war allerdings ein Turmzimmer mit Blick auf die Elbe“, erinnert sich Große Loheide. Urlaubsstimmung herrschte trotzdem nicht – im Gegenteil. Ein deutsches Flugzeug, erinnert sich Große Loheide, wurde über den Bergen abgeschossen. „Die Menschen machten sich auf den Weg, fanden die Piloten und beerdigten sie – den Propeller legten sie aufs Grab.“ „Meiner Mutter nahmen sie Trauring und Armbanduhr ab" Inmitten des Chaos fand ihr jüngerer Bruder für kurze Zeit Arbeit bei einem tschechischen Schuster, musste dann aber mit seinen 16 Lenzen beim verzweifelten „Volkssturm“ mitmachen. „Er blieb aber nicht lange“, sagt Große Loheide. „Eines Nachts klopfte es an der Tür. Es war mein Bruder. Er war abgehauen.“ Weitere deutsche Soldaten seien in Scharen aus den Bergen herabgekommen, hätten ihre Waffen ans Ufer der Elbe geworfen und versucht, auf die andere Elbseite zu kommen. „Dort waren die Amerikaner, von denen versprachen sie sich eine bessere Behandlung“, erklärt Große Loheide. Kurz darauf kam „der Russe“ in die Stadt. An weitere Flucht war nicht zu denken. Wohin auch? „Meiner Mutter nahmen sie Trauring und Armbanduhr ab, ansonsten haben sie uns aber nicht schlecht behandelt“, sagt die 82-Jährige. Nach der offiziellen Kapitulation habe man sich mit dem Bollerwagen auf einen dreiwöchigen Marsch in Richtung alte Heimatstadt begeben. Völlig ausgemergelt sei man in Pöls angekommen – nur, um festzustellen, dass die eigene Wohnung von russischen Soldaten besetzt war. Ein halbes Jahr hielt man es bei einer Tante aus. Dann kam die Zwangsausweisung, die nächste große Reise. Waltraud Große Loheide und ihre Familie verloren die alte Heimat für immer.

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