Bünde 1. Bünder Hateslam: Wenn der Journalist zum Hassobjekt wird

NW-„Hateslam“: Fast 250 Besucher staunten am Mittwoch im Universum über bitterböse Leserbriefe – gelacht wurde aber auch

Meiko Haselhorst

Bünde. Den meisten Applaus und die lautesten Lacher erntete NW-Lokalchef Stefan Boscher. Da ging es aber ausnahmsweise mal um einen wohlwollenden und lustigen Leserbrief. An anderen Stellen verschlug es den Besuchern des Hateslams am Mittwochabend im Universum die Sprache, angesichts des offensichtlichen Hasses, der den Redakteuren aus manchen Leserbriefen entgegenschlug. „Hätte nicht gedacht, dass Sie sich solche Dinge gefallen lassen müssen", war eine oft zu hörende Reaktion an diesem Abend. Der Start der Veranstaltung war Moderator Sven Stickling vorbehalten. Der ehemalige NW-Mitarbeiter – mittlerweile eine Kombination aus freiberuflichem Schauspieler, Autor, Poetry-Slammer und Comedian – brachte die knapp 250 Besucher in die richtige Stimmung für das, was da noch kommen sollte. Zur allgemeinen Überraschung des Publikums war es dann ausgerechnet Ralf Petring, Medienanwalt der NW, der seine Qualitäten als „Rampensau" unter Beweis stellte. Im typischen Juristen-Duktus und mit todernster Miene, und gerade dadurch witzig, trug er Gedichte und Leser-Pamphlete vor – und sorgte auf diese Weise ein ums andere Mal für großes Amüsement im Publikum. „Jetzt bald mit einer eigenen Show im Universum!", kommentierte Sven Stickling das Talent Petrings, als mal wieder laut gelacht wurde. "Sachen dabei, die gehen gar nicht" Für zahlreiche Schenkelklopfer zeichnete recht früh auch Annika Falk-Claußen, Leiterin der Digital-Redaktion nw.de, verantwortlich – mit einem Leserbrief, in dem sich ein Mensch aus Lippe über eine vermeintliche Diskriminierung von Lippern in der NW beklagt. An anderen Stellen dominierten ungläubige Blicke und Kopfschütteln die Szenerie: Begrifflichkeiten und Formulierungen wie „Lügenbolde", „linksversiffte Journaille", „geistig zurückgeblieben", „einzigartig hohl in der Birne", „allerletzter Scheißdreck", „Fresse polieren" und „Dreckspack" sind nur eine kleine Auswahl dessen, was Menschen sich einfallen lassen, wenn es darum geht, Journalisten zu beschimpfen. „Da sind Sachen dabei, die gehen gar nicht", befand nicht nur Hateslam-Besucher Michael Hundt zur Pause. Nach einem unterhaltsamen Gedicht von Sven Stickling war es NW-Chefredakteur Thomas Seim, der auf seinem hingestellten „Büßerstuhl" kübelweise Häme und Spott ertragen musste. Die ebenfalls verlesenen sachlichen Antworten, mit denen Seim auch den provokativsten Leserbriefen begegnete, sorgten im Rund der Zuschauer für anerkennenden Beifall. „Was ist das eigentlich für ein Menschenschlag, der Journalist?", fragte sich der Schreiber des letzten Leserbriefes, der an diesem Abend vorgelesen wurde – um den seiner Meinung nach passenden Umgang mit dieser „Spezies" gleich selbst mitzuliefern: „Wer einen sterbenden Journalisten sieht, guckt am besten weg und kümmert sich nicht (...). Oft genug hat man (...) dumpfe Parolen vernommen, nun verhallt ihr Wehklagen im modernden Blätterwald. Darüber wollen wir genüsslich schweigen und uns entspannt zurücklehnen."Wie drückte es Besucher Sascha Buchenau-Strüwer mitfühlend am Ende der Veranstaltung aus? „Die Redakteure sollten sich so was nicht allzu sehr zu Herzen nehmen."

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