Von der Flucht aus Schlesien gibt es keine Fotos. Ist auch nicht nötig – die Bilder haben sich unauslöschlich in Manfred Brendels Gedächtnis eingebrannt. - © Meiko Haselhorst
Von der Flucht aus Schlesien gibt es keine Fotos. Ist auch nicht nötig – die Bilder haben sich unauslöschlich in Manfred Brendels Gedächtnis eingebrannt. | © Meiko Haselhorst

Bünde Auf der Flucht zur Waise geworden

Kriegskinder (3): Manfred Brendel erlebte den kompletten Krieg in Niederschlesien – und verbrachte dort eine sehr glückliche Kindheit. Dafür war es kurz danach umso schlimmer

Meiko Haselhorst

Bünde. Zum Krieg selbst verliert Manfred Brendel nur wenige Worte: „Ich bin in Niederschlesien auf dem platten Land aufgewachsen. Im Kindergarten herrschten zwar Zucht und Ordnung, aber ich war ein absolut glückliches Kind.“ Auch die Gehirnwäsche in der Schule habe ihn nicht gestört. „Ich habe ja dran geglaubt“, sagt Brendel und zuckt mit den Schultern. Den Schrecken des Krieges sollte der heute 86-Jährige erst ab Frühjahr ’45 kennenlernen – und zwar in geballter Form. „Mein Vater war Pferdewirt, meine Mutter Hausfrau – ich bin als jüngstes Kind von sechs Geschwistern auf einem Hof aufgewachsen, ich wurde verwöhnt“, beginnt der Bünder seine Geschichte. Bis kurz vor Kriegsende sei die Gegend vom schrecklichen Geschehen in halb Europa unberührt geblieben. „Mein Vater war schon zu alt für den Einsatz, meine Brüder waren im Krieg, sind aber lebend zurückgekommen“, erzählt Brendel. So arglos sei man gewesen, dass man sogar mal in eine größere Stadt gefahren sei, nur um einen Fliegeralarm zu erleben. Dann, am 13. Februar 1945, – Brendel weiß es noch ganz genau – hätten plötzlich fünf russische Panzer im Dorf gestanden. „Wir lagen am Rande des Breslau-Kessels – die hatten sich wohl verfahren“, erzählt er. Deutsche Soldaten hätten zwei Panzer abgeschossen, die übrigen drei seien geflüchtet. Und trotzdem habe man gewusst: „Jetzt müssen wir ganz schnell weg hier.“ „Schon nach fünf Kilometern hatten uns die Russen eingeholt" Fünf Familien hätten sich am darauffolgenden Tag auf den Weg gemacht – mit Pferden in einem guten Dutzend Planwagen, bei Schnee und 18 Grad unter null. Der Plan: Durch Tschechien, durchs Sudetenland, in etwa fünf Tagen die 200 Kilometer nach Bayern schaffen. Daraus wurde nichts: „Schon nach fünf Kilometern hatten uns die Russen eingeholt und nahmen uns die Pferde weg“, erzählt Brendel. Weil er um seine beiden Hannoveraner Bella und Liebling ein Heidenspektakel machte, durfte der fast 14-Jährige seine Tiere zunächst behalten. „Lass dem Jungen die Pferde“, habe ein russischer Offizier gesagt. Die nächste Gruppe Russen nahm sie ihm dann aber doch ab – und gab ihm dafür zwei kleine russische Panjepferde. „Das wäre mir fast zum Verhängnis geworden“, erzählt Brendel. „Die nächsten Russen haben dann nämlich geglaubt, ich hätte die Tiere geklaut“, erzählt er. „Einer zückte sofort die Pistole. Zum Glück kam jemand dazwischen, der etwas Deutsch konnte.“ Ohne Pferde und ohne das Hab’ und Gut auf dem Planwagen – aber mit heiler Haut – habe man die Odyssee fortgesetzt. Drei Monate sei man durch Schlesien geirrt, habe mal hier, mal dort gewohnt. Über die Grenze gelangte man nicht. "Der Frieden wird fürchterlich“ Brendel lernte in dieser Zeit viel über den Krieg – auch darüber, dass jede Medaille zwei Seiten hat. „Einmal saßen wir, Deutsche und Russen, zusammen beim Essen“, erzählt Brendel. „Wo ist dein Bein?“ habe ein Russe einen versehrten Deutschen gefragt. „In Woronesch“, habe der Mann geantwortet. „Was machst du in Woronesch?“, fragte der Russe. „Was machst du hier?“ , wollte der Deutsche den Spieß umdrehen. Darauf der Russe: „Ich bin hier, weil du in Woronesch warst.“ Es fielen noch weitere lebenskluge Worte in jenen Tagen: „Wann ist dieser Krieg zu Ende?“, habe seine Mutter mal einen ranghohen deutschen Militär gefragt. „Liebe Frau, seien Sie froh für jeden Tag, den der Krieg andauert – der Frieden wird fürchterlich“, habe dessen Antwort gelautet. Was er damit meinte, erfuhr man nach der Rückkehr aufs heimische Gestüt. „Die Polen behandelten uns schlimmer als die Russen“, erzählt Brendel. Im Oktober 1946 kam es zur Enteignung und Zwangsausweisung. Wieder ging es auf eine qualvolle Reise. „Meine Mutter starb unterwegs mit 58 Jahren in Sachsen – an Erschöpfung und Kummer“, erzählt Brendel. Der Vater schied nur wenige Wochen später aus dem Leben – die gleiche Todesursache. "Das Bedürfnis, darüber zu reden, wird größer“ „Als Kind kann man solche Dinge besser verarbeiten – den Krieg nimmt man als eine Art Abenteuer wahr“, sagt Brendel, der nach eigenem Bekunden kein Trauma erlitten hat und sich auch in den Jahrzehnten danach gut im Leben zurechtfand. Er arbeitete als Landwirt, später als Bergmann, und machte letztlich Karriere als Polizeibeamter. Es verschlug ihn nach Bünde. Brendel gründete auch eine Familie. Über den Krieg – und die Zeit danach – wurde wenig gesprochen. „Es ist nicht so, dass es mich heute quält“, sagt Brendel. „Aber das Bedürfnis, darüber zu reden, wird größer.“

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