Bünde Vergessene Heldentat bei Cordes

Vor 50 Jahren: Wilfried Gärtner rettete in der einstigen Druckerei einem Gabelstaplerfahrer das Leben. Heute wüsste er gerne, was aus dem damaligen „Jungspund“ geworden ist

Meiko Haselhorst

Bünde. Ein oder zwei Sekunden waren’s, mehr nicht. Aber ganz entscheidende Sekunden. In diesem knappen Zeitfenster rettete Wilfried Gärtner einem jungen Kollegen das Leben. „Müsste jetzt ziemlich genau 50 Jahre her sein“, sagt der heute 80-Jährige. Tatort war die damalige Druckerei Cordes. „Und weil das Gebäude zurzeit so häufig in der Zeitung steht, denke ich da im Moment sehr oft dran“, erklärt Gärtner. Die meiste Zeit seines Berufslebens hat der Holser als Kraftfahrer bei Grotemeier gearbeitet. Bei Cordes war er nur viereinhalb Jahre. An seine geistesgegenwärtige Rettungsaktion kann er sich aber noch sehr gut erinnern. „Wir hatten damals einen neuen Kollegen bekommen, etwa zehn Jahre jünger als ich“, erzählt er. Ein ziemlicher Draufgänger sei der Mann gewesen, und eine recht große Klappe habe er auch gehabt. Direkt unter dem wackeligen Turm aus Paletten: der Kollege In dem Gabelstapler, den er fahren sollte, habe er wohl eher so eine Art Spielzeug gesehen. „Ich hatte selbst einen Staplerschein und hatte ihm mehrfach gesagt, wie er das Fahrzeug bedienen sollte – und wie besser nicht“, erinnert sich Gärtner. Doch der junge Mann habe sich als ziemlich resistent gegen jegliche Form von Beratung erwiesen. Eines Tages kam Gärtner in die Halle – in jenen Gebäudeteil, der vor Jahren abgerissen wurde – und sah einen sehr wackeligen Stapel aus fünf Paletten. „Alle mit Papier beladen, jede um die 800 Kilo schwer“, sagt der Holser. Direkt unter dem wackeligen Turm: der nichts ahnende neue Kollege mit seinem Stapler. Gärtner betont: „Der Stapler hatte kein Dach, Arbeitsschutz war damals noch nicht so wichtig.“ Er begriff sofort, dass der Palettenstapel jeden Moment einstürzen würde. „Ich habe noch gerufen, um den Mann zu warnen. Aber das brachte in der kurzen Zeit nichts mehr“, sagt Gärtner. Also sei er hingeeilt, habe den Kerl am Kragen gepackt und mit einem kräftigen Ruck aus der Gefahrenzone befördert. „Was machst du mit mir?“, schrie der Kollege im Flug Gärtner hat große Hände und sieht auch mit 80 Jahren noch ziemlich kräftig aus. Wer sich seine Schilderungen anhört, schenkt ihnen durchaus Glauben. Noch während des „Fluges“, so erzählt er weiter, habe der Kollege ihn angeschrien: „Was machst du mit mir?“ Gärtner muss heute lachen, wenn er das erzählt. Eine Sekunde später seien vier schwere Paletten heruntergekommen und in den Gabelstapler gekracht. „Oh“, habe der vorher so selbstbewusste Mann auf einmal recht kleinlaut vor sich hingestammelt, als er das stark beschädigte Fahrzeug erblickte. „Ich glaube, jetzt hast du mir gerade das Leben gerettet.“ Der Betriebsleiter sei damals zu ihm gekommen. „Da hast du gut reagiert“, habe er ihm bescheinigt. Damit war die Sache abgehakt. Mit dem jungen Kollegen selbst habe er nach dem Vorfall nicht mehr viel gesprochen, eine Männerfreundschaft sei daraus nicht entstanden. „Aber heute frage ich mich oft, wie es ihm im weiteren Leben wohl so ergangen ist“, sagt Gärtner. Vielleicht könne man ja mal eine Tasse Kaffee zusammen trinken. ´ Sollte der damalige Jungspund – heute dürfte er so um die 70 sein – diese Zeilen lesen, darf er sich gerne unter Tel. (0 52 23) 9 24 50 an die Lokalredaktion der NW wenden. Der Kontakt wird dann hergestellt . Auch für nähere Infos zu dem Mann wären wir dankbar.

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