Los geht?s: Jürgen Schmidt und Jörg Hölscher unmittelbar vor ihrem Einsatz auf den Straßen von Bünde. - © Foto: GERALD DUNKEL||
Los geht?s: Jürgen Schmidt und Jörg Hölscher unmittelbar vor ihrem Einsatz auf den Straßen von Bünde. | © Foto: GERALD DUNKEL||

Bünde Auf Streife in der Abenddämmerung

Unterwegs mit der Polizei: Zwei Hauptkommissare wollen Präsenz zeigen und Gaunern das Handwerk erschweren

Gerald Dunkel

Bünde. Präsenz zu zeigen ist eines der vorrangigen Anliegen der Polizei, die sie mit der Dämmerungsstreife verfolgt. Mit geübtem Blick fahren oder gehen die Bezirksbeamten durch ihr Revier - Ausschau haltend nach potenziellen Einladungen für Einbrecher. Doch nicht nur das: Als Bezirksbeamte sind sie nicht einfach nur Polizist und Ordnungshüter. Immer öfter sind sie auch Helfer in sozialer und gesellschaftlicher Not - erst recht, wenn sie einen Haftbefehl in den Händen halten und die Lebensumstände sehen, die dahinter stecken. Ein paar Hundert Euro sind es, die ein Mann von etwa 30 Jahren aus dem Bünder Westen als Strafe zahlen muss. So steht es auf dem Haftbefehl, den Jürgen Schmidt auf seinem Schreibtisch hat. "Ich könnte da jetzt hinfahren, ihn festnehmen und ins Gefängnis bringen", sagt Schmidt, denn der Mann könnte alternativ auch knapp 30 Tage absitzen. "Dann wäre die Sache für mich erledigt. Aber wollen wir das wirklich?" Weil Jürgen Schmidt seit vielen Jahren Bezirksbeamter für Ahle, Hunnebrock, Hüffen und Werfen ist, kennt er viele Menschen dort und weiß um ihre Lebensverhältnisse. "Dieser Mann hat eine Frau und mehrere Kinder, aber kein Geld. Da setzen wir als Bezirksbeamte uns auch schon mal mit der Staatsanwaltschaft in Verbindung und vereinbaren zum Beispiel eine Ratenzahlung. Denn der, der den Haftbefehl ausstellt, weiß nicht, wie es vor Ort aussieht. Wir als Bezirksbeamte schon." Polizisten wollen Kontakt zu den Menschen halten Mit "Wir" meint Jürgen Schmidt auch Jörg Hölscher, der Bezirksbeamter in Ennigloh ist. Die beiden Hauptkommissare sind auf ihren Dämmerungsstreifen oft zusammen unterwegs. Vorrangig, um nach dem Rechten zu sehen, aber auch, um Kontakt zu den Menschen zu halten, Ansprechpartner zu sein. Und immer mehr auch, um nach Stellen Ausschau zu halten, an denen es potenziellen Einbrechern von den Bewohnern der Häuser zu leicht gemacht wird. "Das kann schon eine Mülltonne unter einem Balkon sein, die jemandem dabei hilft, schnell dort hochzuklettern. Oder auch die Leiter, die einfach so im Garten an der Hauswand lehnt. Vor allem aber sind es gekippte Fenster in Häusern, wenn die Bewohner gerade unterwegs sind - und sei es auch nur kurz", erklärt Jörg Hölscher auf dem Weg zum Streifenwagen. Kurz nach 18 Uhr, 5 Grad und Nieselregen. Nicht unbedingt das Wetter, bei dem Bezirksbeamte viele Kontakte zu Bürgern in ihrem Bezirk haben. Aber Präsenz zeigen und die Augen offen halten - das wird heute der Schwerpunkt der Streife sein. Und auch die Orte aufzusuchen, an denen sich ihre Pappenheimer oft abends aufhalten. Der Bereich für einen Bezirksbeamten der Polizei soll in etwa 10.000 Einwohner umfassen, was nicht immer so ganz passt. Jürgen Schmidt lenkt den Wagen zunächst in Richtung Hunnebrock. Wohngebiete mit kleinen Nebenstraßen, Firmengebäude und immer wieder auch Häuser, die zurzeit von Asylbewerbern bewohnt werden, liegen auf der Strecke. Eine junge Frau an der Bushaltestelle In einer schlecht beleuchteten Ecke wartet eine junge Frau an einer Bushaltestelle. "Das ist genau das, was wir mit Präsenz zeigen meinen", sagt Jürgen Schmidt und fährt etwas langsamer an der jungen Frau vorbei, die kurz Notiz vom Polizeiwagen nimmt, um sich dann wieder ihrem Smartphone zu widmen. Vielleicht hat es ihr ein gutes Gefühl vermittelt, als sie merkte, dass sie jetzt im Dunkeln nicht allein ist und jemand auf sie achtet. Beliebte Punkte, die zur Streife gehören, sind Schulhöfe. "Hier sehen wir häufig Jugendliche, die sich hier abends treffen", sagt Jürgen Schmidt, als er am Schulhof der Pestalozzi-Schule Halt macht. In manchen Ecken sind dann Zigarettenkippen, manchmal auch leere Flaschen zu finden. Mit seiner Taschenlampe leuchtet er auf seinem Rundgang noch einmal die dunklen Ecken ab. Doch heute, bei diesem ungemütlichen Wetter, hält sich hier niemand auf. Dass es bei abendlichen Fußballspielen auf dem Schulhof wohl auch schon zu Schäden gekommen ist, belegt ein Gitter, das um eine Lampe am Gebäude angebracht wurde. "Das ist noch nicht so lange da." Ein Hauch von Großstadtrevier und Kiez Auf ihren Wegen nutzen die beiden Bezirksbeamten oft Nebenstraßen und Wohnsiedlungen, um an den Häusern vielleicht doch noch ein halb geöffnetes Fenster zu finden, oder sonstige Auffälligkeiten, auf die sie die Bewohner hinweisen könnten. Doch heute Abend scheint alles so zu sein, wie es sein soll. "Im Sommer sind viele Menschen noch in ihren Gärten", sagt Jörg Hölscher. "Da gibt es dann viele Gespräche am Gartenzaun." Gespräche, die für die Polizisten wichtig sind, weil sie Hinweise auf Missstände liefern können, wegen denen sich sonst vielleicht niemand extra zur Polizei bemühen würde. Ein wenig an die Fernsehserie "Großstadtrevier" wird man erinnert, wenn Schmidt und Hölscher von ihren Kontakten zu eher "zwielichtigen Jungs" erzählen. Denn so wie Dirk Matthies alias Schauspieler Jan Fedder in Hamburg Informationen von seinen "guten Bekannten" bekommt, funktioniert es auch bei Jürgen Schmidt und Jörg Hölscher. Kontakte, die oft schon seit vielen Jahren bestehen. Dass die beiden Bünder seit über 30 Jahren ihren Dienst in ihrem Wohnort verrichten, ist eine der Voraussetzungen. "Es geht aber auch um Jugendliche", sagt Jürgen Schmidt. "Wenn die einen schon aus der Kindergarten- oder Grundschulzeit kennen, weil man mit ihnen Verkehrserziehung oder in der vierten Klassen den Fahrradführerschein gemacht hat, haben die Kinder und Jugendlichen gleich ein anderes, persönlicheres Verhältnis zu uns - auch wenn sie vielleicht mal Mist gebaut haben. Dann vertrauen sie sich uns sicher eher an als Kollegen, die sie noch nie gesehen haben." Hier ist der Bezirksbeamte auch immer ein Stück weit Sozialarbeiter. Das Schulzentrum Nord, wo sie einen Radfahrer auf sein defektes Licht aufmerksam machen, der es sofort repariert, und mehrfach der Bahnhof sind weitere Stationen auf ihrem Weg. Eine Dämmerungsstreife wird nicht jeden Tag die "großen Einladungskarten für Einbrecher" oder gar Kriminalität an den Tag bringen, aber sie sorgt für ein Gefühl der Sicherheit bei den Menschen, die sie wahrnehmen. Und wenn dann in Hunnebrock, Hüffen, Werfen, Ahle, Holsen oder Ennigloh etwas passiert, dann sind Jürgen Schmidt und Jörg Hölscher ganz nah dran an der Basis - im Grunde mittendrin, in ihren Bezirken.

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