Mobiler Arbeitsplatz: Der Kaunitzer Möbeldesigner Jochen Flacke ist viel unterwegs. Im Auto entstehen häufig die ersten Entwürfe, die später am Rechner in fotorealistische Animationen umgesetzt werden. Für den Rödinghausener Küchenhersteller Häcker hat er einen Oberschrank mit neuer Art der Öffnung entwickelt. - © Roland Thöring
Mobiler Arbeitsplatz: Der Kaunitzer Möbeldesigner Jochen Flacke ist viel unterwegs. Im Auto entstehen häufig die ersten Entwürfe, die später am Rechner in fotorealistische Animationen umgesetzt werden. Für den Rödinghausener Küchenhersteller Häcker hat er einen Oberschrank mit neuer Art der Öffnung entwickelt. | © Roland Thöring

Verl/Rödinghausen Verler erfindet Küchenschrank, der sich stufenweise öffnet

Der Designer Jochen Flacke hat einen besonderen Küchenoberschrank entworfen. Dieser lässt sich stufenweise öffnen. Er ist sicher, damit die letzte Variante der Schranköffnung

Roland Thöring

Verl/Rödinghausen. In seinem Auto liegt stets ein Stapel Papier bereit. Wie auch auf dem Nachttisch. Jochen Flacke benötigt eigentlich kein Büro, ihm genügen eine feste Unterlage für das Skizzenpapier, ein Stift und das iPad. Der 67-Jährige, der seit eineinhalb Jahren in Kaunitz zu Hause ist, gehört zu Deutschlands bekanntesten Möbel-Designern. In seiner Vita stehen Auftraggeber wie Hülsta, Musterring und Wöstmann, Kaldewei, Keuco, Ideal Standard und Grohe, Rosenthal und Villeroy und Boch. Jetzt hat er für den Rödinghausener Küchenhersteller Häcker einen neuen Oberschrank entworfen, den dieser auf der Möbel-Messe M.O.W. in der kommenden Woche als Weltneuheit präsentieren wird: den zweigeteilten SlightLift. Die Idee dazu, erzählt Flacke, der natürlich nicht nur im Auto kreativ ist, sondern auch ganz herkömmlich an seinen Schreibtischen in Oelde und Kaunitz, sei ihm buchstäblich beim Kochen gekommen. Oberschränke in Küchen verfügen über Türen, eine oder zwei, aus Holz oder Glas; sie haben nach oben schwenkende Klappen oder ein Lamellen-Rollo. „Im Grunde ist jede Art der Öffnung bereits erfunden." Aber, fragte sich der Möbeldesigner, „warum muss man immer den ganzen Oberschrank öffnen, wo doch im oberen Teil sowieso bloß Dinge aufbewahrt werden, die man nur einmal im Jahr benötigt?" Flacke teilte den Hängeschrank in eine A- und eine B-Ebene, halbierte ihn sowohl in der Form wie der Funktion. Das Ergebnis seiner Entwürfe und der folgenden technischen Umsetzung, an der auch der Beschlaghersteller Kesseböhmer aus Bad Essen beteiligt ist, liegt nun nach zweijähriger Entwicklungsarbeit vor: der SlightLift. Eine hinter der oberen Fronthälfte versteckte LED-Leiste beleuchtet die untere Front und die Arbeitsplatte. Wird die untere Schrankebene geöffnet, schiebt sich deren Frontplatte unsichtbar hinter die obere und das Licht erhellt das Schrankinnere. Soll der Schrank komplett geöffnet werden, legen sich beide Fronthälften in einem 30-Grad-Winkel auf den Oberschrank. Die Modellrechte hat Jochen Flacke an die Firma Häcker Küchen, drittgrößter deutscher Küchenmöbelhersteller, abgetreten. Häcker hat sich den SlightLift patentieren lassen und wird die manuelle Variante jetzt erstmals vorstellen. „Damit ist die letzte Möglichkeit der Schranköffnung von mir erfunden", korrigiert Flacke mit schelmischem Grinsen seine Eingangsfeststellung, alle Varianten gebe es bereits. 50 bis 60 Zeichnungen habe er im Vorfeld angefertigt, was nicht die Regel sei. „Wir sind sehr schnell an den Punkt gekommen, wo es um die technische Entwicklung ging, um die Frage, wie man die Mechanik dahinter verstecken kann." Im Wohnmöbelbereich seien durchaus 100 bis 150 Entwürfe üblich, ehe das Design steht. In einem Fall, dem Entwurf für drei Schlafzimmer, waren es gar 1.000: „Früher hatten die Möbelhersteller für die Produktion von Prototypen eigene Tischler", sagt Flacke, der selbst in der väterlichen Tischlerei groß geworden ist. Heute sei diese Arbeit auf die Designer verlagert. Die Ideen, die der 67-Jährige mit dem Stift zu Papier bringt, werden auf der Grundlage eines umgehend per E-Mail verschickten Fotos von Spezialisten in Düsseldorf oder Wiesbaden am Computer in fotorealistische Animationen umgesetzt. „Das geht heute innerhalb von einer Stunde und von jedem Ort der Welt aus." Die Zeiten, in denen Flacke seine Ideen während einer Reise mit dem Postschiff in Norwegen per Fax versenden musste, sind lange vorbei. Einen 30-Zoll-Computer-Monitor benötigt er auch nicht. Es reichen, Stifte, ein Stapel Papier und das iPad.

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