Symbolbild. - © dpa
Symbolbild. | © dpa

Verl Zweifel an sexuellem Missbrauch führt zu Freispruch

Das Amtsgericht entschied für den Angeklagten, weil es zu viele Unklarheiten gab

Rolf Birkholz

Verl. Sie war 14, er 20. Das sei in dem Alter schon eine „gehörige Spanne", fand die Staatsanwältin. Und das Paar übte „ungewöhnliche Sexualpraktiken" aus. Die junge Frau, heute selber 20, hatte nun ihren Ex-Freund wegen zweifachen sexuellen Missbrauchs einer widerstandsunfähigen Person angezeigt. Doch er wurde nach dem Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten" freigesprochen. Die jungen Leute waren seit März 2011 ein Paar. Den aus der nicht öffentlichen Vernehmung der Frau eingeführten Informationen nach pflegten die beiden äußerst rege körperliche Beziehungen. Doch bald habe sie sich „unwohl in ihrer Haut" gefühlt, ohne dies zunächst dem Freund mitzuteilen, so die Vorsitzende Richterin in ihrer Urteilsbegründung. Dann habe sie es doch gesagt, das Paar sei auf Distanz gegangen, habe sich gleichwohl noch berührt und manchmal im selben Bett geschlafen. Dabei soll das Mädchen im Jahr 2012 laut Anklage einmal erwacht sein, als er auf ihr gelegen und den Beischlaf vollzogen habe. Einen weiteren Übergriff soll es in der ebenfalls in ihrem Verler Elternhaus verbrachten Silvesternacht 2013 gegeben haben, wiederum beim Erwachen. Diesmal lief die junge Frau zu ihrer auch im Haus übernachtenden Schwester und schilderte den Vorfall. „Sie sah richtig fertig aus", erinnerte sich diese. Daraufhin fuhren die Schwester, deren Verlobter, die Opfer-Zeugin und der dazu auch aufgeforderte Freund zur therapeutischen Wohngruppe nach Bielefeld, wo die unter psychischen Problemen leidende Schülerin damals wohnte, um beide Vorkommnisse zu besprechen. Dabei soll der offenbar überrumpelte Angeklagte zugegeben haben: „Ich habe mit ihr geschlafen, als sie geschlafen hat." Anzeige erstattete die Frau erst 2016, da sie im Rahmen eines therapeutischen Prozesses auch diese Sache erledigen wollte. Die Staatsanwältin hielt die Schilderung des ersten Falles für glaubhaft, beantragte 15 Monate Freiheitsstrafe, plädierte im zweiten auf Freispruch. Für den Verteidiger bargen beide Vorfälle zu viele Unklarheiten. So sei ungewiss, ob sein Mandant „die Situation des Aufwachens richtig eingeschätzt hat". Da sahen auch die drei Richterinnen die Problematik. Es sei nicht positiv festzustellen, ob er dachte, sie schlafe, so die Vorsitzende. Auch sei unsicher, in welchem Kontext der Angeklagte damals in der Wohngruppe geredet habe. „Wir kriegen diese Zweifel nicht ausgeräumt." Der Angeklagte, ein Bielefelder Student, hatte geschwiegen und in seinem letzten Wort erklärt, er hätte „nichts gemacht", bei dem er „gedacht hätte, dass es sie belastet hätte".

realisiert durch evolver group