Überfüllt: 100 Gerettete liegen an Deck des Kutters.
Überfüllt: 100 Gerettete liegen an Deck des Kutters.

Verl Wie aus einer Krankenschwester eine Flüchtlingsretterin vor der libyschen Küste wurde

„Ich habe nie was Sinnvolleres gemacht“

Roland Thöring

Verl. Was Diane Glossop in diesen 17 Tagen erlebt hat, wird sie nicht mehr loslassen. Das Einsatzprotokoll der „Seefuchs", als deren Crewmitglied sie Mitte Juni vor der libyschen Küste kreuzte, listet 664 gerettete Bootsflüchtlinge auf, darunter 14 Kinder und drei Babys, das jüngste vier Wochen alt. Seit einer Woche ist die 53-jährige gelernte Krankenschwester wieder zu Hause in Verl, erholt sich von den mentalen und körperlichen Strapazen und wirbt um Verständnis für die Flüchtlingsretter: „Man darf Menschen doch nicht einfach ertrinken lassen." Dass Nichtregierungsorganisationen (NGO) wie der in Regensburg ansässige Verein Sea-Eye für ihr lebensrettendes Engagement öffentlich beschimpft werden, macht ihr zu schaffen. „Wir leisten keine Fluchthilfe, wir helfen Schiffsbrüchigen. Die Europäische Union hingegen tut nichts." 10 Tage mit dem Fischkutter "Seefuchs" auf See Wer wie Diane Glossop bei Sea-Eye hilft, tut das freiwillig, in seiner Freizeit und auf eigene Kosten. Mitte Mai hatte sich die Verlerin bei dem Verein gemeldet, um bei einer der nächsten Missionen mitzuhelfen. Dann ging alles sehr schnell: Nur drei Wochen später schon flog sie nach Malta, wo sie gemeinsam mit neun anderen Deutschen und einem Österreicher im Alter von 24 bis 67 Jahren – darunter ein Kapitän, ein Funker, ein Maschinist und ein Arzt – auf den Einsatz im Mittelmeer vorbereitet wurde. An den folgenden zehn Tagen war sie mit dem 28 Meter langen umgerüsteten Fischkutter „Seefuchs" zu fünf Patrouillefahrten auf See. Der Verein bewegt sich mit seinen beiden Booten in internationalen Gewässern und hält nach Schiffbrüchigen und Ertrinkenden vor der libyschen Küste Ausschau. Sichtungen werden der Seenotleitzentrale der italienischen Küstenwache in Rom gemeldet, die Schiffe schickt, die die Flüchtlinge übernehmen. Derweil versorgen die Helfer von Sea-Eye die Menschen in den Schlauchbooten mit Schwimmwesten und Wasser, versuchen die seeuntüchtigen Schlauch- und Holzboote zu stabilisieren und nehmen Verletzte an Bord, denen sie in der kleinen Krankenstation erste Hilfe leisten. 17 schwangere Frauen an Bord geholt und versorgt Das muss allerdings regelmäßig sein, hat Diane Glossop erfahren. 260 Menschen musste die „Seefuchs" auf ihrer „Mission 3" direkt aufnehmen. „Die Menschen sitzen in den Booten oft auf Holzbrettern, aus denen lange Schrauben gucken. Sie haben sich daran verletzt oder Verätzungen erlitten, weil sie in einem Gemisch aus Salzwasser, Benzin, Urin und Fäkalien hocken." 17 schwangere Frauen wurden von den Helfern sofort an Bord geholt und dort versorgt. Innerhalb der libyschen 24-Meilen-Zone wird es für die Helfer gefährlich. Es gebe Berichte, dass NGO-Boote von der libyschen Küstenwache beschossen wurden, sagt Glossop. Bei einem Einsatz, der die „Seefuchs"-Besatzung bis an die 12-Meilen-Zone heranführte, sorgte im Hintergrund die irische Marine für Schutz. Denn bedroht werden die Helfer auch von Piraten, die mit den Schleppern zusammenarbeiten und für diese die Flüchtlingsboote bergen und für den nächsten „Einsatz" zurück an die Küste bringen – möglichst bevor die Boote von europäischen Marineschiffen versenkt werden oder selbst untergehen. Einsatz an den körperlichen und psychischen Grenzen „Wir hatten Folteropfer an Bord", berichtet die 53-Jährige, die in den Tagen auf See viele Fluchtgeschichten hörte: von Frauen aus Nigeria, die vergewaltigt worden sind, die auf die Boote gezwungen wurden mit der Drohung, wenn sie sich in Europa nicht zur Zwangsprostitution bereitfänden, werde zu Hause die eigene Familie ermordet; von Kriegsflüchtlingen aus Eritrea; von Pakistani, die bis Libyen gereist waren, um von hier aus Europa zu erreichen – durchnässte, dehydrierte, völlig erschöpfte Menschen. Mehr als einen solchen Zehn-Tages-Einsatz könne ein normaler Mensch physisch und psychisch kaum schaffen, sagt Diane Glossop. Sie habe an Bord „gefühlt ausreichend Schlaf" gefunden; seit sie zurück ist in Verl, schlafe sie aber jede Nacht zehn bis zwölf Stunden. Würde sie an einem zweiten Rettungseinsatz teilnehmen? Diane Glossop muss nicht lange überlegen: „Sofort. Ich habe nie etwas Sinnvolleres gemacht. Und ich habe nie sinnloseres Sterben gesehen."

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