Bonus für pflegende Angehörige: Für leichte Aktivitäten und Beschäftigungen wie Spazierengehen oder hier das Vorlesen der Zeitung - können Verwandte unter bestimmten Voraussetzungen Geld von der Krankenkasse abrechnen. - © Karin Prignitz
Bonus für pflegende Angehörige: Für leichte Aktivitäten und Beschäftigungen wie Spazierengehen oder hier das Vorlesen der Zeitung - können Verwandte unter bestimmten Voraussetzungen Geld von der Krankenkasse abrechnen. | © Karin Prignitz

Verl Verler Expertin klärt über die Tücken der Pflegereform auf

Ungenaue oder falsche Antworten im Gespräch mit dem medizinischen Dienst können Kranke das Pflegegeld kosten, warnt Martina Lörenscheit vom SoVD Verl

Franz Purucker

Verl. Wer Fragen rund um das Thema Pflegegeld und Zuschüsse hat, wird heute von einem Callcenter der Krankenkasse betreut und muss dazu noch damit rechnen falsch beraten zu werden - dieses Resümee zumindest zieht Martina Lorenscheidt, Verler Ortsvorsitzende des Sozialverbandes Deutschlands, ein Verein sich für seine Mitglieder im Sozialrechts engagiert. Einem ihrer Mitglieder wurde von der Krankenkasse am Telefon gesagt, er müsse Handschuhe und Desinfektionsmittel aus der eigenen Tasche zahlen. "Das ist falsch", sagt Lorenscheit. Dafür zahlen die Kassen eine Pauschale. Erst als die 59-Jährige selbst bei der Pflegekasse anrief, konnte sie den Anspruch durchsetzen. Ihr Tipp: "Lassen Sie sich nicht abwimmeln." Dies gelte auch für Fragen rund um die Pflegereform. Zum 1. Januar wurden die Pflegestufen in Pflegegrade umgewandelt. Viele werden dadurch schlechter gestellt, meint Lorenscheit. Der Hintergrund: Früher wurde die nötigen Pflegemaßnahmen in Form von Zeit gemessen. Bestimmten Tätigkeiten wie Toilettengang oder Duschen waren jeweils Zeiteinheiten zugeordnet, die addiert worden. Daraus errechnete sich die Pflegestufe. Der Vorteil: "Das System war flexibler. Wer nachts öfter wach wurde, konnte mehr Minuten und damit eine höhere Pflegestufe bekommen." In dem neuen Gesetz erfolgt die Einteilung nach einem Fragenkatalog mit Punkten. Lorenscheits Tipp: "Informieren Sie sich über die Fragen, bevor der medizinische Dienst ins Haus kommt." Dieser entscheidet weiter über die Höhe des Pflegegeldes. Lorenscheit findet, dass spezielle Probleme Demenzkranker nicht berücksichtigt werden Die Fragen sind im Internet oder bei Beratungsstellen zu finden. Dabei sollten sich Angehörige bereits vor dem Gespräch zu den einzelnen Fragen Notizen machen. Das neue System beurteilt die nötige Hilfe in verschiedenen Kategorien nach vier Ausprägungen von "selbstständig" (0 Punkte) bis "unselbstständig" (3 Punkte). Besonders kritisch sieht Lorenscheidt den Zusatz "mit Hilfsmitteln" im Gesetzestext und nennt ein Beispiel: "Wenn ein Demenzkranker seine Socken mit Strumpfanzieher anziehen kann, bekommt er dafür keine Punkte." Außerdem findet Lorenscheit, dass spezielle Probleme Demenzkranker nicht berücksichtigt werden: "Meine Schwiegermutter konnte sich selbstständig waschen, hat aber im Bad vergessen was sie wollte." Kontraproduktiv sei auch der Stolz vieler Senioren: "Mein Vater wollte der Dame vorführen, dass er Arnold Schwarzenegger ist." Weitere Beispiele, die Lorenscheit von ihren Mitgliedern kennt: "Manche Senioren lügen und antworten auf die Frage ,wer kocht und die Wäsche macht, mit ,sie selbst'." Falsche oder auch ungenaue Antwort können zu Punktabzügen und im schlimmsten Fall zu niedrigeren oder gar keinen Pflegegeld führen, so die 59-Jährige. Was viele nicht wissen, so Lorenscheidt: Neben dem Pflegegeld (keine Nutzung eines Pflegedienstes) können pflegende Angehörige von Demenzkranken zusätzlich bis zu 125 Euro für leichte Tätigkeiten wie Aufräumen und Spaziergänge erhalten. Voraussetzung ist aber das Absolvieren einer 40-stündige Schulung bei einem anerkannten Anbieter. Einige Krankenkassen verlangen darüber hinaus eine Mitgliedschaft in der Landesinitiative Demenz-Service NRW. Außerdem gibt die Pflegereform nun die Möglichkeit zusätzlich 519 Euro für Altersbegleitung und Haushaltshilfen abzurechnen. Vorrausetzungen: Es wird kein Pflegedienst in Anspruch genommen und die pflegende Person muss die oben benannte Schulung absolviert haben. Ebenfalls neu sind 1.200 Euro ab Pflegegrad 3 für die Tagespflege bei anerkannten Dienstleistern. Bislang wurde stattdessen das Pflegegeld gestrichen - jetzt gibt es das Geld zusätzlich. Geblieben ist der Anspruch auf Verhinderungspflege durch einen Dienstleister, wenn der pflegende Angehörige Urlaub macht.

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