Standort der Carbonisierungsanlage: Das Hackschnitzelheizwerk neben dem Freibad. Die Abwärme kann hier gleich ins Fernwärmenetz eingespeist werden. - © Roland Thöring
Standort der Carbonisierungsanlage: Das Hackschnitzelheizwerk neben dem Freibad. Die Abwärme kann hier gleich ins Fernwärmenetz eingespeist werden. | © Roland Thöring

Verl Stadt Verl will Gartenabfälle verkohlen

Die Technik ist noch nicht ausgereift und das erzeugte Produkt bei Verbrauchern unbekannt

Roland Thöring

Verl. Wohin mit den Gartenabfällen? 10.000 Kubikmeter aus Privatgärten und bis zu 1.500 Kubikmeter aus eigenen kommunalen Grünanlagen nimmt die Stadt jährlich an der Sammelstelle an der Marienstraße entgegen; ein Teil wird ans Kompostwerk des Kreises Gütersloh geliefert, aus einem anderen ein Bodensubstrat hergestellt und die holzige Grobfraktion zur Gewinnung von Wärmenergie im Hackschnitzelheizwerk verfeuert. Die Stadt Verl will dem Problem jetzt mit einer besonders ökologischen Weiterverarbeitung beikommen: der Carbonisierung oder Verkohlung. Der Vorteil: Beim Verglühen bei maximal 650 Grad Celsius entsteht eine Holzkohle, die, mit Nährstoffen aufgeladen (etwa aus Gülle oder Geflügelmist) und einem Bodensubstrat beigemischt, eine Terra-Preta-Erde erzeugt - die einzige bekannte Methode, Kohlenstoff klimawirksam und nachhaltig aus der Atmosphäre in den Boden zurückzuführen. Der Bau-, Planungs- und Umweltausschuss hat deshalb in seiner jüngsten Sitzung einstimmig dafür votiert, dass sich die Stadt um Fördermittel des Bundesumweltministeriums zur Anschaffung einer Carbonisierungsanlage bemüht. Das Rathaus hat bereits im Sommer vorgefühlt und einen 80-prozentigen Zuschuss zu den Anschaffungskosten einer solchen Anlage in Aussicht gestellt bekommen. Die Anschaffung einer Carbonisierungsanlage ist nicht ganz günstig: Fast 1,2 Millionen Euro kostet das Gerät, das einzig von der Firma Pyreg im Hunsrück hergestellt und vertrieben wird. Rund 240.000 Euro müsste die Stadt also noch aus Eigenmitteln finanzieren. Die Carbonisierungsanlage soll auf dem Gelände des Hackschnitzelheizwerks an der Straße Zum Meierhof aufgestellt werden. Obgleich der Grünschnitt von der Marienstraße - wenig ökologisch - hierher transportiert und anschließend die erzeugte Holzkohle zurückgefahren werden müsste, um auf dem Gelände der Sammelstelle dem heute schon dort erzeugten Bodensubstrat beigemischt zu werden, verspricht sich die Stadt einen wirtschaftlichen Betrieb. Abgesehen vom Strombedarf der Förderschnecken und einer Initialzündung sei keine weitere Energiezufuhr erforderlich, sagte Abfallberater Kurt Peitzmeier vor dem Ausschuss. Im Gegenteil, die Abwärme der Anlage könne ins Fernwärmenetz eingespeist werden. Die erzeugte Holzkohle habe derzeit einen qualitätsabhängigen Marktwert von 300 bis 800 Euro je Tonne, Terra-Preta-Erde werde für 150 bis 180 Euro je Kubikmeter gehandelt. Bereits bei einem Verkaufswert von 30 Euro je Kubikmeter amortisiere sich die Carbonisierungsanlage, rechnete Peitzmeier vor. Es sei sogar möglich, einen "positiven Deckungsbeitrag zur Stützung der Abfallgebühren" zu erwirtschaften. Nachteile hat die aktuelle Pyreg-Anlage jedoch auch, und so birgt das innovative Projekt durchaus Risiken: Die Carbonisierungsanlage kann pro Jahr nur 1.400 Tonnen Gartenabfälle zu 350 Tonnen Holzkohle verglühen. Eine größere und damit leistungsstärkere Ausführung gibt es nicht. Die Technik ist zwar in Süddeutschland, der Schweiz und Österreich bereits im Einsatz, "aber nicht frei von Kinderkrankheiten", sagte Peitzmeier. Und schließlich: Terra-Preta-Erde sei erwiesenermaßen gut fürs Klima und verbessere die Bodenfruchtbarkeit, sie sei aber noch kein markteingeführtes Produkt und bei privaten Verbrauchern weitgehend unbekannt.

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