Haben zahlreiche Stunden im Sitzungssaal verbracht: Josef Lakämper (l.) vertrat 44 Jahre lang die CDU im einstigen Gemeinde- und späteren Stadtrat. Udo Fuchs wurde für die SPD 1975 Mitglied des Gremiums. Für die beiden kommunalpolitischen "Urgesteine" ist der Abriss ein Einschnitt. In diesem Raum seien immerhin allerlei Weichen für Verl gestellt worden, sagen sie. - © Natalie Gottwald
Haben zahlreiche Stunden im Sitzungssaal verbracht: Josef Lakämper (l.) vertrat 44 Jahre lang die CDU im einstigen Gemeinde- und späteren Stadtrat. Udo Fuchs wurde für die SPD 1975 Mitglied des Gremiums. Für die beiden kommunalpolitischen "Urgesteine" ist der Abriss ein Einschnitt. In diesem Raum seien immerhin allerlei Weichen für Verl gestellt worden, sagen sie. | © Natalie Gottwald

Verl Abriss des Sitzungssaals: "Ein Stück Verler Geschichte geht flöten"

Zwei, die viel Zeit hier verbracht haben, erinnern sich, was hier in 44 Jahren alles passierte

Natalie Gottwald

Verl. Es ist beschlossene Sache. Der Rathausanbau, in dem der große Sitzungssaal untergebracht ist, wird bald Geschichte sein. In Kürze werden die Abrissarbeiten beginnen und der am 17. Oktober 2017 angesichts der weiterhin wachsenden Verwaltung vom Stadtrat beschlossene dreigeschossige Neubau, der auch einen neuen Sitzungssaal enthalten soll, wird in Angriff genommen. Was am 22. Mai 1974 eingeweiht wurde, wird am Donnerstag mit einer internen Abrissparty abgeschlossen. "Das Wort 'Party' in diesem Zusammenhang gefällt mir nicht so gut", sagt Udo Fuchs. Für das SPD-Mitglied, das von 1975 bis 2014 dem früheren Gemeinderat und heutigen Verler Stadtrat angehörte, von 1984 bis 2004 Ortsvereinsvorsitzender und von 2004 bis 2014 Fraktionsvorsitzender der Sozialdemokraten war, ist der Abriss kein Grund zum Feiern. "Immerhin haben wir in diesem Ratssaal viele Entscheidungen gefällt, von deren Ergebnissen die Stadt heute profitiert." Recht gibt ihm Josef Lakämper, der für die CDU sogar schon im Jahr 1970 Mitglied des Rates wurde. Bis 2014 war er das ohne Unterbrechung. 38 Jahre lang war Lakämper ehrenamtlicher Bürgermeister - zunächst unter den Gemeindedirektoren Hans-Georg Klose und Klaus Hörsting, nach der Einführung eines hauptamtlichen Bürgermeisters als erster stellvertretender Bürgermeister an der Seite Hörstings und von dessen Nachfolger Paul Hermreck. Lakämper trägt außerdem seit Dezember 2016 den Ehren-Titel "Altbürgermeister". "In der Sache haben wir hier im Ratssaal oft kontrovers und auch hart diskutiert" Josef Lakämper kann sich noch gut daran erinnern, wie kontrovers damals im Vorfeld über den Bau des Ratssaals diskutiert wurde. "360.000 D-Mark sollte das Ganze seinerzeit kosten, 160.000 davon trug das Land. Das war so manchem Gemeinderatsmitglied zu teuer." Man könne doch in andere Räumlichkeiten ausweichen. Ein Anbau sei für etwa neun Sitzungen im Jahr doch viel zu übertrieben, fanden die Gegner. "Schließlich ging der Beschluss knapp mit 18 zu elf Stimmen durch", erinnert sich Lakämper, der im Rückblick vor allem eines betont: "In der Sache haben wir hier im Ratssaal oft kontrovers und auch hart diskutiert. Aber als Menschen haben wir uns stets gegenseitig geschätzt." Eine Besonderheit fällt Udo Fuchs noch ein: "Die meisten wichtigen Entscheidungen haben wir mit heißem Kopf und kalten Füßen getroffen. Es gab nämlich nur eine Deckenheizung." Damals hätten die Sitzungen übrigens erst um 19.30 Uhr begonnen, weil die Landwirte erst noch ihre Kühe melken mussten. "Die Beratungen dauerten dann nicht selten bis 23.30 Uhr oder bis Mitternacht", erzählt Fuchs, dass es nach so mancher Sitzung auch direkt in die Gastwirtschaft ging. "Das 'Sit up'n Balken' in der Sender Straße war sehr beliebt, und da gingen dann natürlich auch alle gemeinsam hin." Dass damals noch "andere Zeiten" waren, wie Lakämper sagt, zeigen auch die Erzählungen von der Suche nach einem neuen Gemeindedirektors, der Hans-Georg Klose nachfolgen sollte. "Ich hatte zwölf Bewerbungen auf dem Tisch", so Lakämper. "Ein gewisser Klaus Hörsting, damals Rechtsrat bei der Stadtverwaltung Dülmen, schien uns interessant zu sein. Aber wir waren uns nicht sicher. Und was taten wir? Die CDU-Mitglieder Franz-Josef Balke und Ewald Bussemas wurden kurzerhand nach Dülmen geschickt, um die Bürger auf der Straße zu fragen, ob sie Klaus Hörsting kennen und was sie von ihm halten. Danach haben wir uns dann für ihn entschieden." "Ein Stück wichtige Verler Geschichte geht flöten" Die Weichen dafür, was Verl heute ausmache, seien weitgehend in diesem Ratsaal gestellt worden, sagt Udo Fuchs. Etwa, dass Verl eine eigene Wasser- und Gasversorgung bekam oder dass schon frühzeitig begonnen wurde, die Kindertagesstätten aufzustocken, seien wichtige Punkte gewesen. "Das mit den Kitas war mit Diskussionen verbunden. Schließlich saßen in der 70er und 80er Jahren noch viele Menschen im Gemeinderat, die der Meinung waren, dass Frauen doch besser zu Hause blieben", so Fuchs. Eine "damals mutige und aus heutiger Sicht absolut positive Entscheidung" sei außerdem die zum Bau des Freibades gewesen, so Lakämper. Auch dass es heute die Bibliothek gebe oder dass das heutige Heimathaus nicht abgerissen, sondern für insgesamt rund eine Million D-Mark saniert wurde, seien Dinge, die hier im Ratssaal auf den Weg gebracht wurden und die heute nicht mehr wegzudenken seien. Sicher werde der dreigeschossige Neubau schön und funktional, so Fuchs. "Aber ein Stück wichtige Verler Geschichte geht flöten, wenn der Ratssaal abgerissen wird."

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