Die Kinder lieben ihn: Fynnlay (4), Madeleine (4), Lea (5) und Alina (5) finden es toll, dass neben den Erzieherinnen auch ein Mann da ist, mit dem sie Bücher lesen oder Fußball spielen können. Auch, wenn dafür in der leitenden Funktion nicht allzuviel Zeit bleibt. - © Karin Prignitz
Die Kinder lieben ihn: Fynnlay (4), Madeleine (4), Lea (5) und Alina (5) finden es toll, dass neben den Erzieherinnen auch ein Mann da ist, mit dem sie Bücher lesen oder Fußball spielen können. Auch, wenn dafür in der leitenden Funktion nicht allzuviel Zeit bleibt. | © Karin Prignitz

Verl Seltenheit: Männlicher Erzieher leitet Kita in Verl

Erzieher sind in Kindertagesstätten immer noch eine Seltenheit

Karin Prignitz

Verl-Sürenheide. In einem Kindergarten zu arbeiten, "das konnte ich mir eigentlich gar nicht vorstellen", sagt Martin Gürtler, wenn er an die Zeit der Berufsfindung zurückdenkt. Zwar habe er immer schon gerne mit Menschen gearbeitet. Dass es aber die Jüngsten sein würden, denen er hilft, gut in das Leben zu starten, lag wohl auch deshalb außerhalb seiner Vorstellungskraft, weil er sehr wohl mitbekommen hatte, "dass Erzieher nicht gerade der Vorzeigejob für Männer ist". Die Vorbehalte waren groß. Das hat sich bis heute offensichtlich kaum verändert, denn immer noch ist die Zahl der männlichen Erzieher trotz leicht steigender Zahlen verschwindend gering. Zu tun haben könnte das auch mit den nicht gerade üppigen Verdienstmöglichkeiten, obwohl sich die im Laufe der Jahre durchaus ein wenig verbessert hätten, sagt Martin Gürtler. Als Alleinverdiener sei es aber immer noch kaum möglich, eine Familie davon zu ernähren. Männer, die einen typischen Frauenberuf ergreifen, das sei für viele Menschen früher noch viel weniger als heute nachvollziehbar gewesen. "Warum macht er das, der kann ja nicht ganz echt sein", solche und ähnliche Sprüche habe es durchaus gegeben, bestätigt der 58-Jährige. Eine Gratwanderung sei es gewesen, für die es das nötige Selbstbewusstsein gebraucht habe. Heute bezeichnet sich Martin Gürtler, der Vater von drei erwachsenen Söhnen ist, als "Exot im positiven Sinne" oder auch als "Orchidee unter den Rosen", denn viele Eltern begrüßen es mittlerweile ausdrücklich, dass ihre Kinder nicht erst in der weiterführenden Schule auf einen Mann als Lehrer treffen. Von den Eltern aus Sürenheide bekomme er sehr viel Vertrauen entgegengebracht, erzählt Gürtler. "Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass man mich hier kennt." Seine Frau kommt aus der Sürenheide, seit 25 Jahren lebt er mit seiner Familie dort. "Das macht es einfacher." Bereits als junger Mann hat sich Martin Gürtler im sozialen Bereich engagiert. "Als Jugendlicher war ich Wochenendhelfer in der Psychiatrie in Bethel." Fünf Mark die Stunde habe er verdient. In einer Bäckerei jobbte er, absolvierte nach dem Abi seinen Wehrdienst und blieb im Anschluss acht Jahre beim Bund. Dort entschied er sich im Rahmen der berufsfördernden Maßnahme für den Erzieherausbildungsgang. Fünf Jahre hat Martin Gürtler nach seiner Bundeswehrzeit im gruppenübergreifenden Dienst im St.-Anna-Haus gearbeitet. Ein Bekannter riet ihm schließlich: "Versuch es doch mal im Kindergarten." Der gebürtige Bielefelder warf alle Bedenken über Bord, folgte dem Rat und bewarb sich bei der Evangelischen Kirche Gütersloh. "Dort fand man es ganz spannend, einen Mann zu bekommen." Erste Station war die Kita Neißeweg. Martin Gürtler, der auch Deeskalationstrainer ist, fing als Zweitkraft an. In der Kita "Die Arche" in Bielefeld-Senne übernahm er nach der kommissarischen die stellvertretende Leitung, im Jahr 2003 dann die Leitung der kleinen Einrichtung "Unterm Regenbogen" in Senne. Als die Leiterstelle in der städtischen Kita "Im Zwergenland" ausgeschrieben wurde, musste er nicht lange überlegen. "Ich wohne ja ganz in der Nähe." Vom Dorfkindergarten entwickelte sich die Kita zum Tagesbetrieb. Klar kennt der 58-Jährige auch Sprüche, die da lauten: "Ein Mann, der wird sowieso bald Leiter." Er selbst habe da nie Probleme gehabt. Wichtig ist ihm, "den Kinder zu zeigen, dass ich auch als Mann putze, fege und die Küche aufräume". Er versuche zu vermitteln, "dass Steffi genau so viel Wert ist wie Martin". Wenn es ums Wickeln der U-3-Kinder geht, dann werden vorher die Eltern gefragt, ob auch er diese Aufgabe übernehmen darf. "Die Wünsche werden natürlich akzeptiert", betont Gürtler. Seine Stellvertreterin Swetlana Zesdres (30) erinnert sich noch daran, dass sie selbst es "total faszierend fand, dass ein Mann in der Einrichtung war, als ich meine Kinder angemeldet habe". Eine Bereicherung sei das, ein Gegenpol. "Männer haben einfach einen anderen Blick."

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