Bei der Arbeit: Alexander Westerbarkey kniet mitten im Mangold. Der Biogärtner baut in Avenwedde mehr als 70 Gemüsesorten an. Viele davon sind alt oder einfach unbekannt. "Aber sie schmecken vorzüglich", sagt der Landwirt. - © Hanna Paßlick
Bei der Arbeit: Alexander Westerbarkey kniet mitten im Mangold. Der Biogärtner baut in Avenwedde mehr als 70 Gemüsesorten an. Viele davon sind alt oder einfach unbekannt. "Aber sie schmecken vorzüglich", sagt der Landwirt. | © Hanna Paßlick

Gütersloh So isst Gütersloh (4): Alte Gemüsesorten sind wieder gefragt

Alexander Westerbarkey baut viele der knackigen Klassiker auf seinem Biohof an

Hanna Paßlick

Gütersloh. Viele von ihnen kamen schon vor Jahrhunderten auf den Teller. Sie waren schmackhaft, gesund und vielseitig verwendbar. Doch alte Gemüsesorten wie Pastinake, Mangold oder bunte Beete wurden verdrängt. Es gab neue, ertragreichere Züchtungen. Verbraucher und Handel vergaßen die alten Sorten. Mit dem Biotrend kehren sie jetzt zurück in den Handel und auf die Gütersloher Wochenmärkte und erfreut sich wachsender Beliebtheit. Tradition im Biobereich Alexander Westerbarkey fühlt sich durch diesen Trend bestätigt. Als Biogärtner setzt der Gütersloher seit über 20 Jahren auf den Anbau und den Verzehr uriger Gemüsesorten. Das sei Tradition im Biobereich, sagt er. Weil es zu Beginn noch keinen Import von Bioprodukten aus dem Ausland gegeben habe, sei nur verkauft und verzehrt worden, was der heimische Gemüsegarten hergegeben habe. "Ursprünglich stand das Wort Bio demnach mal für die Regionalität und unmittelbare Verfügbarkeit von Produkten." Gemüsesorten wie die Pastinake, Topinambur oder auch Mangold gehören seit den Anfängen der Biobranche zur Produktpalette und haben sich etabliert. Im herkömmlichen Handel aber galt das Gemüse lange Zeit als Rarität. Bis jetzt. Fahren Sie auf unserer interaktiven Grafik mit dem Mauszeiger über die Symbole, um Informationen zu den einzelnen Gemüsesorten zu erhalten: Vom Markt verdrängt Insgesamt 70 verschiedene Gemüsesorten zieht Westerbarkey auf seinem Biohof "Vier Jahreszeiten" heran. Heute eine Seltenheit. Noch vor einigen Jahrzehnten waren deutsche Gemüsegärten durch Vielfalt geprägt. Dort wuchsen neben verschiedenen Sorten Roter Beete auch unendlich viele Arten von Blattgemüse. "Dazu gehörten Blattamaranth, Gänsefuß, aber auch Guter Heinrich oder die Gartenmelde", sagt Biogärtner Westerbarkey. Diesen Pflanzen sei widerstandsfähig und ausdauernd gewesen. Aber es erging ihnen wie vielen anderen ihrer Art. Sie wurden auf ihren Ertrag überprüft, verglichen und schließlich durch erfolgreichere Artgenossen verdrängt. Im Bereich der Blattgemüsesorten habe sich der Spinat durchgesetzt, so Westerbarkey. "Der brachte mehr Kilos pro Quadratmeter und steigerte den Ertrag." Dadurch seien Sorten wie der Mangold aus dem Gros der deutschen Küchen verschwunden. "Zu Unrecht", findet der Biogärtner. Denn viele dieser alten Sorten seien dem Spinat geschmacklich deutlich überlegen gewesen und hätten eine höhere Nährstoffdichte aufgewiesen. Kindheitserinnerungen Für den Biogärtner sind fremdartig klingende Blattgemüse, Wurzelgemüse und Salatsorten Alltag. Dass er einige Arten für Menschen, die nicht aus dem Biobereich kommen, immer noch buchstabieren muss, amüsiert ihn. "Für mich sind das einfach keine Raritäten, ich bin damit aufgewachsen", sagt er. Im Sommer habe es in seiner Kindheit beispielsweise immer Zuckerhut gegeben. Wo andere Menschen an Brasilien oder den Film "die Feuerzangenbowle" mit Heinz Rühmann denken, ist Westerbarkey sofort bei einer Salatpflanze, deren Blätter einen leicht bitteren Geschmack aufweisen. "Sehr lecker, ein Zuckerhutsalat gehört bis heute zu unserem Standardprogramm", sagt er. Regionale Vorzüge Der große Vorteil von heimischen Gemüsesorten liegt für den Gärtner auf der Hand. Gemüse das importiert werde, sehe zwar frisch aus, wenn es hier ankomme. "Aber eigentlich ist es das nicht mehr." Herkömmliches Gemüse oder Biogemüse, das aus dem Ausland komme, müsse vorab bearbeitet und zwischengelagert werden. "Das führt in den meisten Fällen zu einem Geschmacks- und Nährstoff-Verlust", sagt Westerbarkey. Heute gebe es immer mehr Kunden, die frisches Gemüse aus der Region zu schätzen wüssten. "Aber viele Menschen schränken sich selbst bei ihrer Gemüsewahl ein", behauptet der Biogärtner. Das Problem sei, dass heute insgesamt weniger gekocht werde. Gurke, Tomate oder Paprika ließen sich auch roh und schnell verarbeiten. Das passe zum Zeitgeist. "Aber Kohl oder Rüben zu verarbeiten kostet Zeit und macht unter Umständen viel Mühe." Raritäten Trotz jahrzehntelanger Erfahrung macht auch Alexander Westerbarkey heute noch Entdeckungen im Gemüsebeet. Seit einiger Zeit zieht er auf seinem Hof zwei Neuheiten heran. Sie heißen Puntarelle, auch Spargelchicorée genannt, und Blattzichorie. Beide sind dem Biogärtner zufolge "echte Raritäten". Die Puntarelle ist eigentlich vor allem in Italien handelsüblich, "passt aber ganz hervorragend zu unserem Klima", sagt Westerbarkey. Noch aber haben seine Raritäten keine Saison. Bis die nächste Gemüsesaison im April startet, warten noch Kohl, Rote Beete und Steckrüben darauf, verwertet zu werden. Wer die alten Gemüsesorten der Region kennenlernen will, muss dafür auf die Gütersloher Wochenmärkte oder in einen Biomarkt gehen. Alternativ bieten viele Biobauern eine Gemüsekisten-Abo an. Das sagt die Ernährungsexpertin Claudia-Anna Böwingloh „Der Vorteil alter und heimischer Gemüsesorten wie der Steckrübe, der Pastinake oder Mangold liegt auf der Hand: Weil sie oft von kleineren Bauern saisongemäß und unter natürlichen Bedingungen herangezogen werden, ist ihre Qualität in der Regel besser als die vergleichbarer Produkte aus dem Handel. Die Belastung dieser Lebensmittel fällt geringer aus, weil der Boden, auf dem sie wachsen, oft gar nicht oder nur wenig gedüngt wird. Auch alte Obstsorten weisen solche Vorteile auf: Weil alte Apfelsorten oft weniger gekreuzt wurden, enthalten sie weniger Fructose und sind für Allergiker besser verträglich."Die vorausgegangenen Teile unserer Serie "So isst Gütersloh" finden Sie hier: 1. Gesunde Ernährung - leicht zu erklären, oft schwer umzusetzen 2. Urgetreide erobert die Backstuben der Stadt 3. Runter vom Obstbaum, rein ins Glas

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