Im Wandel: Dem Begriff „gesunde Ernährung" haftet heute etwas Negatives an, glaubt Sabine Bartnik. Er klinge einschränkend, obwohl das nicht der Fall sei. - © Hanna Paßlick
Im Wandel: Dem Begriff „gesunde Ernährung" haftet heute etwas Negatives an, glaubt Sabine Bartnik. Er klinge einschränkend, obwohl das nicht der Fall sei. | © Hanna Paßlick

Gütersloh So isst Gütersloh (1): Gesunde Ernährung - leicht zu erklären, oft schwer umzusetzen

Sabine Bartnik berät seit 15 Jahren Menschen im Kreis Gütersloh zu ihrem Essverhalten

Hanna Paßlick

Gütersloh. Ernährung liegt im Trend und bringt jedes Jahr neue Trends hervor. Weil sich solche Entwicklungen auch in Gütersloh zeigen, stellt die Neue Westfälische einige dieser Ernährungstrends vor. „So isst Gütersloh" heißt die neue Serie. Sie zeigt auf, dass Ernährung hier Thema ist und die Regionalität von Produkten und die eigene Herstellung wieder zunehmend an Bedeutung gewinnen. Dafür werden Menschen in Gütersloh vorgestellt, die mit ungewöhnlichen Lebensmitteln arbeiten, Ernährung aus einer bestimmten Perspektive betrachten oder Zubereitungsarten verwenden, die gänzlich neu sind oder unlängst wiederentdeckt wurden. Begleitet wird die Berichterstattung von Ernährungsberatern aus Gütersloh. Zum Auftakt hat NW-Volontärin Hanna Paßlick mit Ökotrophologin Sabine Bartnik gesprochen. Seit 15 Jahren berät sie Menschen im Kreis Gütersloh zu ihrem Essverhalten. Frau Bartnik, wenn ich Ihnen sage, dass ich zum Frühstück einen zuckerfreien Energydrink getrunken und dazu nichts gegessen habe, schlagen Sie als Ernährungsberaterin doch die Hände über dem Kopf zusammen, oder? Sabine Bartnik: Das sollte ich, ja. In diesen Getränken sind so viele Süßstoffe, außerdem Taurin und eine Unmenge an Koffein. Das hat zunächst eine aufputschende Funktion, aber danach fällt man in ein tiefes Loch. So etwas kann süchtig machen, und ist definitiv ungesund. In der AOK-Geschäftstelle an der Barkeystraße beraten Sie Menschen aus dem Kreis Gütersloh. Wie oft kommt es da vor, dass ihnen Leute von ihrer Ernährung erzählen und Sie sofort denken: ungesund. Bartnik: Täglich. Ich bin wirklich kein Gesundheitsapostel, ab und an mal zu sündigen, dagegen ist nichts einzuwenden. Das ist menschlich. Aber manche Menschen machen sich zu wenig Gedanken über ihre Ernährung oder ernähren sich wider besseren Wissens ungesund. Was verbinden Sie spontan mit dem Wort gesund? Bartnik: Für mich bedeutet gesund vor allem ausgewogen, bewusst und individuell auf mich zugeschnitten. Aber das Wort an sich ist häufig negativ behaftet. Es ist doch so: Eigentlich will jeder essen, was ihm schmeckt. Und gesund klingt einschränkend und langweilig. Es sagt doch auch niemand: Ich gehe zur Ernährungsberatung und informiere mich darüber, was gesund ist. Das Wort ist irgendwie unspezifisch. Wer heute nur noch mit gesund wirbt, hat eigentlich schon verloren. Warum denn das? Bartnik: Wenn man sich die Vermarktung von Ernährungstrends und neuen Produkten anschaut, sieht man, dass vor allem Formulierungen funktionieren, die mehr versprechen als nur Gesundheit. Da wird mit besserer Fitness, mehr Körpergefühl, großen Kalorieneinsparungen oder wiedergewonnener Jugend gearbeitet. Gesunde Ernährung allein reicht offenbar nicht mehr aus. Das sehe ich auch an meinem Beruf. Wenn ich mich irgendwo als Ernährungsberaterin vorstelle, wird das anfangs oft negativ aufgenommen. Da heißt es dann gleich: Die arbeitet mit Verzicht und Verboten. Und das entspricht nicht der Wahrheit? Bartnik: Wenn ich Genuss und Spaß suche, gehe ich dafür nicht zu einer Ernährungsberaterin. Das stimmt schon. Aber meine Arbeit hier in Gütersloh besteht ja nicht darin, andere Menschen zu maßregeln. Normalerweise kommt jemand zu mir, der Experte für seinen eigenen Körper ist und ein Problem hat. Ich gebe dann mein Wissen über Ernährung und mögliche Lösungsansätze hinzu. Gemeinsam schauen wir dann, was machbar ist und ob wir einen Kompromiss finden, der etwas verbessern könnte. Welche Menschen kommen zu Ihnen, um sich beraten zu lassen? Und warum? Bartnik: Bei uns sind alle Altersgruppen vertreten. Kinder kommen genauso in die Ernährungsberatung wie Senioren. Aber in jungen Jahren verzeiht der Körper noch mehr als in zunehmendem Alter. Deshalb sind die meisten, mit denen ich spreche, schon älter. Viele kommen wegen einer Stoffwechselerkrankung, andere leiden unter Lebensmittelunverträglichkeiten, Bluthochdruck oder sind stark übergewichtig. Aber alle müssen oder wollen ihre Ernährung umstellen. Was raten Sie diesen Leuten denn dann? Gibt es Grundregeln, die jeder, egal ob gesund oder krank beachten sollte? Bartnik: Natürlich gibt es diesen roten Faden. Er hat immer etwas mit Abwechslung auf dem Teller, viel Obst und Gemüse, dem Trinkverhalten, der Anzahl von Mahlzeiten und dem Fettgehalt zu tun. Aber jeder Mensch hat Veranlagungen, die es zu beachten gilt. Normalerweise sind Ballaststoffe, wie sie beispielsweise in Salat enthalten sind, förderlich für die Verdauung und den Blutzuckerspiegel. Bei einem empfindlichen Magen aber könnten sie Beschwerden auslösen. Ernährungsratschläge sollten deshalb immer nur auf individueller Basis gegeben werden. Setzen Ihre Gesprächspartner die Ratschläge aus der Beratung denn auch um? Bartnik: Sie versuchen es, aber ich merke, dass es vielen schwer fällt. Ernährung ist Routine und Alltag, oft verbunden mit kulturellen Aspekten und sozialen Verpflichtungen. Zu wissen, wie es geht, reicht bei den meisten nicht für eine Umstellung aus. Was können Menschen tun, um sich erfolgreich und dauerhaft gesund zu ernähren? Bartnik: Essensveränderungen sind immer auch Verhaltensveränderungen. Deshalb muss man sich selbst im Alltag beobachten, der eigenen Routine auf die Schliche kommen. Anschließend setzt man sich kleine, machbare Ziele. So ein Vorsatz wie „Ab morgen nur noch gesund" ist schnell über Bord geworfen. Besser funktioniert es, wenn man sich vornimmt, einfach ein bisschen mehr Obst und Gemüse in den Alltag einzubauen. Das ist schnell gemacht und wird leicht zur positiven Routine.

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