Gütersloh Beinwell ist hübsch und heilsam

Querbeet (63): Der im Apothekergarten wachsende Beinwell ist als Heilpflanze eine Wucht und liefert das beste Mulchmaterial, das man sich denken kann. Warum man sich dennoch gut überlegen sollte, ihn zu pflanzen

Matthias Borner
Daniela Toman

Blühendes Wundermittel: Arznei-Beinwell wächst im Botanischen Garten, wo er hingehört - im Apothekergarten. - © Daniela Toman
Blühendes Wundermittel: Arznei-Beinwell wächst im Botanischen Garten, wo er hingehört - im Apothekergarten. | © Daniela Toman

Gütersloh. Sie haben sich ein Bein gebrochen? Kein Problem - Beinwell-Salbe drauf schmieren und Sie können sich den Gips sparen. Naja, ganz so sensationell wirkt Beinwell dann doch nicht. Zumindest nicht bei Knochenbrüchen. Sehr wohl aber als Naturdünger im Beet.

Woher stammt der Name?

Der Name Beinwell bezeugt die jahrhundertelange Nutzung der Pflanze als Heilkraut: "Bein-" meint hier "Knochen" (wie in Gebeine, Brustbein, Elfenbein, siehe auch "bone" im Englischen), "-well" kommt von "wallen", was "wachsen, sich zusammenschließen" bedeutet. So stammt auch der botanische Gattungsname "Symphytum" vom griechischen Wort für "zusammenwachsen".

Aufgrund seiner schmerzlindernden, entzündungshemmenden, wundheilenden und abschwellenden Wirkung wird Beinwell bei Knochenbrüchen, Prellungen, Zerrungen und Verstauchungen angewendet. Das klingt nach einem "Wundermittel" und wurde in früheren Zeiten tatsächlich so gesehen. Der englische Arzt Nicholas Culpeper schrieb um 1650: "Beinwell besitzt solche Kraft zusammenzufügen, dass zerteilte Fleischstücke wieder zusammenwachsen, kocht man sie mit Beinwell in einem Topf."

Nun muss man wissen, dass Culpeper auch behauptete, Krankheiten würden von den Planeten verursacht und die Heilung hinge vom Stand der Gestirne ab. Zwar fördert das im Beinwell enthaltene Allantoin tatsächlich Zellwachstum und Gewebe-Neubildung. Die Sache mit den Fleischstücken ist dennoch nur eine barockzeitliche Fake-News, die sich allerdings - ein Wesen der Fake-News - weit verbreitete: Culpepers Werke wurden vielfach nachgedruckt.

Woher stammt die Pflanze?

Zwei Beinwell-Arten wachsen im Botanischen Garten: "Symphytum officinale", Arznei-Beinwell, findet sich in ganz Eurasien, in Nizza wie in Nowosibirsk. "Symphytum grandiflorum", Großblütiger Beinwell, stammt aus den Wäldern des Kaukasus.

Wo finde ich Beinwell im Botanischen Garten?

Großblütigen Beinwell am Flamingo-Tümpel sowie im Steingarten, Arznei-Beinwell wo er hingehört: im Apothekergarten.

Wie pflanze ich Beinwell im Garten?

Indem Sie eine Grundsatzentscheidung treffen - wollen Sie Beinwell wirklich im Garten haben oder nicht? Was dafür spricht: Beinwell ist ein hervorragender Bodendecker, auch an ansonsten schwer begrünbaren Standorten. Wurzeldruck, Trockenheit, Schatten? Der Beinwell schlägt dennoch Wurzeln. Seine dichte, teppichartige, bis zu 30 Zentimeter hohe Blattdecke hilft, lästige Unkräuter zu unterdrücken - gegen das schmiergelpapierartige Laub zieht oft sogar Giersch den Kürzeren. Er ist anspruchslos, pflegeleicht, winterhart und ganzjährig dekorativ, ganz besonders im April und Mai, wenn sich die roten Knospen zu cremeweiß-gelblichen Blüten öffnen.

Was dagegen spricht: Der schnell wachsende Beinwell kann lästig werden und andere Pflanzen im Beet verdrängen. Allein ähnlich konkurrenzstarke Bodendecker wie Elfenblumen und Golderdbeeren nehmen es mit ihm auf. Sie wollen Beinwell wieder entfernen? Ohne kompletten Erdaustausch schwierig bis unmöglich. Nicht nur, dass die Pflanze bis zu 20 Jahre alt wird, Beinwell kann sich zudem aus verbliebenen Wurzelstücken regenerieren. Sie mögen also ruhig 99 Prozent ihres Beinwellbeets herausreißen und umpflügen, im nächsten Jahr finden sie an der gleichen Stelle - ein Beinwellbeet. Um es positiv auszudrücken: Beinwell bleibt Ihr treuer Begleiter. Ob Sie wollen oder nicht.

Wer hätt's gedacht?

Manchen Gärtnern kommt das eben negativ erwähnte Wuchern gerade recht: Für sie ist Beinwell nicht nur Zierpflanze, sondern auch Biomasse-Produzent und erste Wahl, wenn es um Mulchmaterial geht. Sie freuen sich über das schnelle Wachstum der Pflanze, deren Blätter Sie drei- bis fünfmal im Jahr ernten können. Beinwell enthält neben Stickstoff eine große Menge wertvollen Kaliums. Gerade an dem fehlt es in vielen Gärten, so dass er dem Boden viel zu oft durch chemischen Dünger zugeführt wird.

Nicht nur ökologisch, auch für die Pflanzen sinnvoller ist Beinwellmulch: Die nährstoffreichen Blätter werden klein geschnitten oder ganz in den Beeten verteilt. Sie schützen fortan den Boden vor Austrocknung, vermindern Erosion, speichern die Wärme, regulieren Temperaturschwankungen, unterdrücken Unkraut, vor allem aber setzen sie als Naturdünger im Verrottungsprozess die Nährstoffe frei, von denen besonders Starkzehrer im Gemüsebeet wie Tomaten, aber auch Zierblumen wie Rosen profitieren. Also doch ein Wundermittel - nur anders, als von Culpeper gedacht.

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