Nahezu überall auf der Welt verbreitet: Im Apothekergarten gibt es sogar ein eigenes Brennnesselbeet, denn das ungeliebte Unkraut ist gleichzeitig eine traditionsreiche Heilpflanze. - © Daniela Toman
Nahezu überall auf der Welt verbreitet: Im Apothekergarten gibt es sogar ein eigenes Brennnesselbeet, denn das ungeliebte Unkraut ist gleichzeitig eine traditionsreiche Heilpflanze. | © Daniela Toman

Gütersloh Die Brennnessel ist ein unterschätztes Unkraut

Querbeet (61): Ganz OWL bewundert derzeit die Tulpenblüte im Botanischen Garten. Doch niemand beachtet das Beet mit der Großen Brennnessel. Warum Franzosen die Pflanze mehr wertzuschätzen wissen

Matthias Borner
Daniela Toman

Gütersloh. Ihr Ruf ist denkbar schlecht. Brennnesseln gelten als das Unkraut schlechthin, und wir Menschen haben aus gutem Grund Berührungsängste. Doch die Große Brennnessel wird sogar bewusst angepflanzt – im großen Stil in Osteuropa, im kleineren im Apothekergarten. Woher stammt der Name? Wer hätte es gedacht: Die Große Brennnessel (bis zu drei Meter hoch) unterscheidet sich von der Kleinen Brennnessel (maximal 60 Zentimeter) durch ihre Wuchshöhe – und dass die Berührung ihrer Blätter etwas weniger schmerzhaft ist. Unangenehm ist die dennoch: Die winzigen Härchen auf den Blättern sind kleine Hohlnadeln, gefüllt mit Histamin, Ameisensäure und anderen Substanzen. Spröde wie Glas, brechen sie bei der kleinsten Berührung ab, dringen in die Haut ein und injektieren ihre brennende und nesselnde Mixtur. Bereits ein zehntausendstel Milligramm genügt, um juckende Quaddeln zu erzeugen. So darf sich die Pflanze weder über ihren Namen noch über ihren schlechten Leumund wundern. Der wissenschaftliche Name der Großen Brennnessel lautet „Urtica dioica", von „urure" = brennen und „dioica" = zweihäusig, das heißt es gibt weibliche und männliche Brennnesselpflanzen; die Staubblüten und die Fruchtknoten befinden sich jeweils in „zwei Häusern". Woher stammt die Pflanze? Die Große Brennnessel ist außerhalb der Tropen und der Polregionen überall auf der Welt verbreitet, am stärksten aber im eigenen Garten. Wo finde ich Große Brennnesseln im Stadtpark? An vielen Stellen, aber wenn Sie nicht suchen wollen, gehen Sie direkt in den Apothekergarten. Dort gibt es ein eigenes Brennnesselbeet (fünf „e" in einem Wort, das ist selten), denn das ungeliebte Unkraut ist gleichzeitig eine traditionsreiche Heilpflanze. Wissenschaftlich belegt ist ein harntreibender Effekt, aber glaubt man den Heilkräuter-Seiten im Internet, ist Brennnesseltee (schon wieder fünf „e") ein probates Mittel gegen allerlei Beschwerden. Deshalb, aber auch, weil die Pflanze als Lebensmittel und zur Fasergewinnung dient, werden anderenorts ganze Brennnesselfelder angelegt. Die größte Brennnesselernte erfolgt in der Ukraine (fünf „e" kommen doch häufiger vor als man denkt.) Wie pflanze ich Brenn
nesseln im Garten? Sie wollen wirklich Brennnesseln pflanzen? Tja dann: Ihre Lieblinge mögen einen halbschattigen Standort und nährstoffreichen, feuchten Boden. Wenn sie die ersten Pflanzen großgezogen haben, brauchen Sie sich um den Rest des Beets keine Gedanken mehr zu machen. Brennnesseln breiten sich über ihre Wurzelausläufer relativ schnell aus und neigen zum Wuchern. Wenn Sie nicht aufpassen, verwandelt sich Ihr Garten innerhalb eines Jahres in ein Brennnesselmeer. Das wieder trockenzulegen, ist sehr mühsam. Mähen, rupfen, selbst Chemie hilft wenig. Wirklich effektiv bekämpft man Brennnesseln nur, wenn man alle Wurzeln ausgräbt – eine Arbeit für jemanden, der Vater und Mutter erschlagen hat. Wer hätt’s gedacht? Mehrere Jahre tobte ein kurioser Brennnesselkrieg in Frankreich. Er entzündete sich an Brennnesseljauche, die französische Hausgärtner seit Jahrhunderten auf ihre Beete gießen, um Zier- und Gemüsepflanzen zu stärken. Den vergorenen Extrakt stellen die Pflanzenfreunde selber her, einige handeln auch damit. Das französische Landwirtschaftsministerium wertete die selbstproduzierten Jauchen als „nicht zugelassene Pflanzenschutzmittel” und erließ 2006 ein Verbot; die begehrte Flüssigkeit durfte ohne staatliche Marktzulassung weder hergestellt noch genutzt werden. Die Behörde verbot sogar die Weitergabe von Kenntnissen, wie die Jauche herzustellen sei. Damit wurde die Brennnessel zu einem Symbol für einen Kampf um die Bewahrung tradierten landwirtschaftlichen Wissens und gegen die Lobby der Industrie, deren Pestizide die Zulassung erhalten hatten. Ob verboten oder nicht, so wie zur Zeit der Prohibition in den USA die Menschen illegal Whisky brannten, rührten die Gärtner in Frankreich ihre Jauche nun heimlich an. Nach jahrelangem Kampf und großem öffentlichem sowie Mediendruck zog der Staat das Verbot zurück und erließ 2011 die „Verordnung zur Genehmigung des Inverkehrbringens von hausgemachter Brennnessel-Jauche zur Verwendung im Pflanzenschutz". Brennnesseln sind eben extrem widerstandsfähig. . .

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