Ein Traum in dezentem Gelb: Die Scheinhasel wächst am Eingang zum Lavendelgarten, ganz in der Nähe der Flamingo-Skulptur. - © Daniela Toman
Ein Traum in dezentem Gelb: Die Scheinhasel wächst am Eingang zum Lavendelgarten, ganz in der Nähe der Flamingo-Skulptur. | © Daniela Toman

Gütersloh Wie man die Scheinhasel im eigenen Garten pflanzt

Erstaunlich, für was man vor fast 200 Jahren in Japan der Spionage bezichtigt werden konnte. Als Leser dieses Porträts über die im Botanischen Garten wachsende Scheinhasel hätten Sie sich bestimmt schon verdächtig gemacht. . .

Matthias Borner
Daniela Toman

Gütersloh. Sieht aus wie eine Hasel, ist aber keine - dann ist es eine Scheinhasel. Der Vorfrühlingsblüher kann und sollte auf keinen Fall einen Haselnussstrauch im Garten ersetzen. Aber vielleicht die Forsythien, die man so häufig sieht und die zumindest aus Bienensicht wertlos sind. Woher stammt der Name? Ihren deutschen Namen verdankt die Ährige Scheinhasel a) ihren Blütenständen, die ab März in langen Ähren von den Zweigen hängen, und b) ihren Blättern, die denen des Haselnussstrauchs gleichen. Er ist eine Übersetzung ihres botanischen Namens "Corylopsis spicata": "Corylus" heißt die Gattung der Haseln, "opsis" bedeutet "Aussehen", "spicata" meint "ährenförmig". Woher stammt die Pflanze? Einmal mehr stellen wir in dieser Serie eine Pflanze vor, deren ursprüngliches Verbreitungsgebiet in Japan liegt. Wo finde ich die Scheinhasel im Botanischen Garten? Ihre hellgelbe Blütenpracht zeigen derzeit gleich mehrere Scheinhaseln in der Nähe des Tümpels, an dem die Flamingo-Skulptur steht - am Eingang zum Lavendelgarten. Wie pflanze ich sie im eigenen Garten? Alle Nase lang begegnen einem in Gütersloher Gärten quietschgelbe Forsythien. Versuchen Sie es doch mal zur Abwechslung mit einer Ährigen Scheinhasel! Die blüht sogar noch eher und wirkt durch das zurückhaltende Gelb und den kompakteren Wuchs viel edler. Anders als die Forsythie wird die Scheinhasel auch im Herbst bewundernde Blicke auf sich ziehen, wenn sich ihre Blätter gelb-orange färben. Während Sie Forsythien regelmäßig beschneiden müssen, pflegen Sie Scheinhaseln am besten durch Nichtstun - die wachsen ohnehin langsam und werden maximal zwei Meter hoch. Zudem sind Scheinhaseln eine hervorragende Bienenweide, während Forsythien weder Blütenstaub noch Nektar produzieren und aus Insektensicht genauso gut aus Plastik sein könnten. Wer hätt's gedacht? Wegen der langen Isolationspolitik Japans konnte die erste Ährige Scheinhasel in Deutschland erst 1865 gepflanzt werden. Den europäischen Botanikern war der Strauch zu dieser Zeit aber schon seit fast zwei Jahrzehnten bekannt. Denn 1836 war die in Fachkreisen als Sensation gefeierte "Flora Japonica" erschienen. Der Prachtband porträtierte die in der westlichen Welt weithin unbekannte japanische Pflanzenwelt in Wort und Bild - darunter auch "Corylopsis spicata". Autor war der Würzburger Philipp Franz von Siebold. Der Naturforscher hatte ab 1823 für sieben Jahre als Arzt in niederländischen Diensten auf einer kleinen Insel vor Nagasaki gewirkt. Das Betreten des Landesinneren war Europäern prinzipiell verboten. Allerdings schaffte Siebold es, in seiner Rolle als Mediziner Kontakte zu Einheimischen aufzubauen. Für seine Behandlungen und Lehrstunden nahm er kein Geld, doch kam ihm die japanische Kultur des Austauschs von Geschenken entgegen. Schnell sprach sich herum, über was sich der Forscher besonders freute: Pflanzen, Tierpräparate, Kunstobjekte, Landkarten zum Beispiel. Als Siebolds Dienstzeit endete, hatte er allein 500 lebende und 2.000 getrocknete Pflanzen zusammengetragen. Sein Gepäck für die Heimreise bestand großenteils aus Dingen, deren Ausfuhr strengstens untersagt war. Wie es so kommt: Ein Taifun trieb sein Schiff an Land, der Schmuggel flog auf und ging als "Siebold-Affäre" in die Geschichte ein. Siebold wurde als Hochverräter angeklagt. Das Urteil "lebenslange Verbannung" war besser als die zunächst geforderte Todesstrafe. Bitter war es dennoch, denn er hatte längst eine Japanerin kennengelernt und eine Tochter gezeugt, die beide auf der Insel bleiben mussten. Nach seiner Lebensgefährtin benannte er später eine Hortensie, ansonsten fand das Familienglück ein jähes Ende. Heute wird Siebold in Europa wie in Japan als der Wegbereiter der modernen Japanologie gewürdigt. In Würzburg, Leiden und Nagasaki befinden sich Siebold-Museen. In den Botanischen Gärten von München und Leiden rühmen Gedenkstätten seine Pionierleistung. Und im Botanischen Garten von Gütersloh wachsen Ährige Scheinhaseln - das soll in Ostwestfalen genügen, um an den Erstbeschreiber dieser und so vieler weiterer Pflanzen zu erinnern.

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