Es wird wieder bunt im Botanischen Garten: Der Duftschneeball blüht in Sichtweite des Birkenhains. - © Daniela Toman
Es wird wieder bunt im Botanischen Garten: Der Duftschneeball blüht in Sichtweite des Birkenhains. | © Daniela Toman

Gütersloh Rosarote Schneebälle im Frühling

Querbeet (52): Der im Botanischen Garten blühende Duft-Schneeball ist immer für Überraschungen gut. Dazu gehören Blüten im Winter, ein mit einem Gewehr herumballernder Pflanzensammler und ein lausig aus dem Russischen übersetzter Filmtitel

Matthias Borner
Daniela Toman

Gütersloh. Ein Strauch, der im Winter blüht? Wo gibt's denn so etwas? Sie ahnen es: Im Botanischen Garten. Der Duft-Schneeball ist ein sommergrüner Strauch, der ab Dezember rosa Blüten entwickelt. Im Frühjahr verströmen sie einen angenehmen Duft. Woher stammt der Name? Bei einer Pflanze, die "Schneeball" heißt, erwartet man runde weiße Blüten. Idealtypisch kann man solche beim Gewöhnlichen Schneeball bewundern. Die gab der Gattung ihren Namen, auch wenn die Arten andersfarbige und -förmige Blütenstände aufweisen. Die Artbezeichnung "Duft-" trägt der Strauch durch das süße Aroma seiner Blüten aber zurecht. Der botanische Name lautet "Viburnum farreri", bestehend aus einer etruskischen Vokabel für die Pflanze, deren Bedeutung inzwischen aber unbekannt ist, sowie dem Namen des Pflanzensammlers Reginald Farrer. Wie es sich für einen Briten gehört, war er leicht exzentrisch - oder auch einfach nur sehr enthusiastisch, wenn es um Pflanzen ging. So legte er einen Steingarten auf dem 723 Meter hohen Berg Ingleborough an, wozu er sich an einer Klippe abseilte und Samen mit einem Gewehr auf die Felsen schoss. Er kandidierte für die Liberale Partei, verlor aber die Wahl trotz eines stattlichen Wahlkampfbudgets - begünstigt dadurch, dass er von den 1.000 Pfund nicht etwa Flugblätter drucken ließ, sondern sie für Orchideen ausgab. Statt Wählerstimmen sammelte er also weiter Pflanzen, kraxelte dafür durch die Dolomiten, bereiste Ceylon und Tibet, konvertierte bei der Gelegenheit zum Entsetzen seiner Familie zum Buddhismus, begann in Japan eine Affäre mit einer Geisha und starb schließlich mit nur 40 Jahren auf einer Expedition an einer Alkoholvergiftung. Seine Hingabe an die Botanik brachte ihm einen Gedenkstein am Ingleborough ein sowie die Namenspatenschaft für gleich zehn Pflanzen - darunter der Duft-Schneeball. Woher stammt die Pflanze? Die Botaniker benannten den Duftstrauch nicht grundlos nach Farrer. Der Pflanzensammler war 1914 auf eine Expedition ins nordwestliche China aufgebrochen - in die Heimat des Duft-Schneeballs. Wo finde ich einen Duft-Schneeball im Botanischen Garten? In Duftweite - na, das wäre übertrieben, sagen wir lieber: in Sichtweite vom Birkenhain. Wie pflanze ich einen Duft-Schneeball im Garten? Er braucht viel Licht und auch im Winter ausreichend Wasser. Sonst ist er pflegeleicht und auch für Anfänger geeignet. Wer hätt's gedacht? Deutsche Filmverleiher haben nicht immer ein glückliches Händchen, wenn sie internationalen Blockbustern deutsche Titel verpassen. So lief der Kriegsfilm "We Were Soldiers" als "Wir waren Helden", was ein Bedeutungsunterschied ist. Der Italo-Western "Il buono, il brutto, il cattivo", internationaler Titel "The Good, the Bad and the Ugly", heißt hierzulande "Zwei glorreiche Halunken", was der Story nicht gerecht wird. Der Woody-Allen-Klassiker "Annie Hall" ist bei uns als "Der Stadtneurotiker" bekannt, was den Fokus auf die Hauptfigur komplett verschiebt. Keine optimale Übersetzung erhielt auch der sowjetische Spielfilm "Kalina Krassnaja" von 1974. Er mag hierzulande nicht übermäßig bekannt sein, lockte aber seinerzeit in Osteuropa mehr als 60 Millionen Zuschauer in die Kinos. Rainer Werner Fassbinder zählte ihn zu seinen Lieblingsfilmen, was sowohl für die Qualität des Werkes spricht als auch die Vermutung nährt, dass das Betrachten mit heutigen Sehgewohnheiten ein hartes Stück Arbeit bedeutet. In der DDR lief der Film unter dem Titel: "Roter Holunder" - obwohl der russische Filmtitel übersetzt "Roter Schneeball" heißt. Er bezieht sich auf ein Lied, in dem der Strauch als Symbol der Liebe besungen wird, so wie auch im bekannteren "Kalinka". Auch Roten Holunder gibt es, doch der hat weder im Film noch in der ostslawischen Folklore etwas verloren. Der Regisseur, Drehbuchautor und zugleich männlicher Hauptdarsteller des Films, Wassili Schukschin, konnte sich über den Erfolg seines Werks nicht lange freuen. Sechs Monate nach der Premiere verstarb er mit nur 45 Jahren. Seine Grabstätte in Moskau zieren - als Referenz an "Kalina Krassnaja" - mehrere Schneeball-Sträucher. Und kein Holunder.

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