Luftaufnahme: der Rastplatz Gütersloh in den 60er Jahren. Schon damals dürften hier Spione der Stasi gewirkt haben. - © Stadtarchiv
Luftaufnahme: der Rastplatz Gütersloh in den 60er Jahren. Schon damals dürften hier Spione der Stasi gewirkt haben. | © Stadtarchiv

Gütersloh Stasi-Agenten spitzelten am Rastplatz Gütersloh

Die Staatssicherheit befürchtete, dass DDR-Kraftfahrer von westlichen Geheimdiensten 
angeworben werden könnten

Jens Ostrowski

Gütersloh. Tausende Kraftfahrer aus aller Welt halten in den 80er Jahren am Rastplatz Gütersloh, um sich von den Strapazen langer Fahrten zu erholen. Die A2 ist als verlängerte Transitstrecke damals die wichtigste Ost-Westachse für den Verkehr zwischen den beiden deutschen Staaten. Hier kehren deshalb auch viele Kraftfahrer aus dem Ostblock ein. Für den Staatssicherheitsdienst der DDR Grund genug, den Rastplatz unter strenger Beobachtung zu halten. Dass westliche Agenten Kontakt zu DDR-Kraftfahrern aufnehmen könnten, sorgt die Stasi besonders. Nicht ganz unbegründet. „Das war eine Methode westdeutscher Geheimdienste", weiß Georg Herbstritt, Historiker bei der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin. „Deren Mitarbeiter sprachen Berufskraftfahrer aus der DDR an, um Informationen von ihnen zu bekommen. Wenn die Raststätte von IM überwacht wurde, so zielte das Ministerium für Staatssicherheit darauf ab, solche Gespräche oder Anwerbeversuche zu erkennen und die betreffenden Kraftfahrer identifizieren zu können." Wie viele DDR-Spione auf der Raststätte Gütersloh in den Jahrzehnten wirkten, lässt sich nicht mehr feststellen. Fakt ist aber, dass die Stasi damals mit Vorliebe eigene Kraftfahrer für diese Spitzeldienste einsetzt. Einer von ihnen ist laut Stasiakten Frank D., ein 28-jähriger Kraftfahrer, der beim VEB Güterverkehr arbeitet und seit 1986 beruflich auch in die Bundesrepublik fährt. Wer in den Westen darf, bestimmt die Stasi. Bis zur ersten Tour ins kapitalistische Ausland wird Frank D. auf Herz und Nieren geprüft. Mehrere Inoffizielle Mitarbeiter horchen ihn aus und stellen seine „politische Zuverlässigkeit" auf die Probe. Über einige Monate erlässt die Geheimpolizei auch eine Postkontrolle. Bei Briefen, die Frank D. bekommt und verschickt, liest die Stasi jetzt mit. Mit diesen Methoden werden mögliche Westkontakte und seine wirtschaftliche Lage geprüft, eine Charakteranalyse erstellt und sogar das Eheverhältnis unter die Lupe genommen. Eheprobleme gehören zu den Risikofaktoren für Republikfluchten. Doch Auffälligkeiten findet die Stasi nicht. Im Gegenteil: „Zusammenfassend wird eingeschätzt, dass es sich bei dem Kandidaten um einen zuverlässigen und klassenbewussten Arbeiter und Genossen handelt (...) Alle vorliegenden Aufklärungsergebnisse zeigen, dass er die DDR würdig im Ausland vertreten wird", heißt es in einem Bericht der Stasi-Bezirksverwaltung Leipzig. Im Juli 1988 will die Geheimpolizei dann Frank D. auch noch als Inoffiziellen Mitarbeiter gewinnen. Er wird ins Auge gefasst, als jemand „zur Durchführung von Blickfeldmaßnahmen auf den A2-Rastplätzen Rhynern, Gütersloh und Bielefeld" gesucht wird. Erste zaghafte Gespräche ergeben: „D. hat eine positive Einstellung zum MfS und steht (...) einer inoffiziellen Zusammenarbeit mit unserem Organ nicht abweisend gegenüber." In den nächsten Monaten folgen immer wieder Kontaktaufnahmen und konspirative Gespräche mit dem Führungsoffizier. Seiner Ehefrau erklärt Frank D. die zeitaufwendigen Gespräche unter anderem offenbar mit längeren Ladezeiten. Am 28. Juni 1989 unterschreibt der Kraftfahrer schließlich seine Verpflichtungserklärung (siehe Infobox). Frank D. wird demnach als IM „Falk" für das Ministerium für Staatssicherheit arbeiten. In den Stasiakten ist auch ein umfangreicher Auftrag zur „operativen Aufklärung" des Rastplatzes Gütersloh erhalten geblieben. IM Falk soll unter anderem die Namen des Raststättenpersonals in Erfahrung bringen, Polizeistreifen auskundschaften und besonders Auffälligkeiten von möglichen Geheimdienstmitarbeitern dokumentieren. So groß die Hoffnungen auch sind, die der Staatssicherheitsdienst in den IM Falk setzt, der Inoffizielle Mitarbeiter ist damals offenbar nicht in der Lage, die gewünschten Informationen zu beschaffen. In einem Treffbericht mit dem Führungsoffizier vom 6. Oktober 1989 – also vier Wochen vor dem Mauerfall – heißt es: „Einzuschätzen ist, dass der IM seit Erteilung des schriftlichen Auftrags (...) nicht in der Lage war, Informationen zu erarbeiten, die operativ bedeutsam sind." Es sei deshalb unumgänglich, den IM zu schulen – beispielsweise im Führen von Gesprächen und in der Handhabung von Spionageausrüstung. Ob diese Schulung noch durchgeführt wurde, steht nicht fest. Klar ist aber: „Am Beispiel dieser Raststätte wird eine generelle Zielstellung der MfS-Spionage im Westen anschaulich. Die so genannte Westarbeit war letztlich eine in den Westen hinein verlängerte Machtsicherung der SED. Potenzielle Gefahren wollte man möglichst schon westlich der eigenen Staatsgrenze ausschalten", betont der Historiker Georg Herbstritt. Lesen Sie morgen: Wie sich ein Student aus Verl erfolgreich gegen die Anwerbeversuche der Stasi wehrte.

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