Familienbetrieb: Susanne Solle (l.) hat das Schuhgeschäft an der Holter Straße 45 im Jahr 2004 von ihren Eltern Heinrich und Trude Solle übernommen. Gegründet worden ist es vor 90 Jahren von Heinrich Solles Vater, der ebenfalls Heinrich hieß. Auch Menschen mit sehr großen oder sehr kleinen Füßen finden hier einen passenden Schuh. - © Karin Prignitz
Familienbetrieb: Susanne Solle (l.) hat das Schuhgeschäft an der Holter Straße 45 im Jahr 2004 von ihren Eltern Heinrich und Trude Solle übernommen. Gegründet worden ist es vor 90 Jahren von Heinrich Solles Vater, der ebenfalls Heinrich hieß. Auch Menschen mit sehr großen oder sehr kleinen Füßen finden hier einen passenden Schuh. | © Karin Prignitz

Oerlinghausen Oerlinghauser Familienbetrieb liefert Schuhe in allen Größen

Geschäfte mit Geschichte: Familienbetrieb Schuh-Solle besteht seit 90 Jahren. Auch Menschen mit sehr großen und sehr kleinen Füßen werden hier fündig

Karin Prignitz

Oerlinghausen. Im auffällig dekorierten Schaufenster von Schuh-Solle steht eine alte Registrierkasse. Neben ihr liegt eine Bestellliste aus dem Jahr 1941. Schuhe, die den Namen München, Garmisch, Boston, Club oder Schuhhilfe tragen, sind dort als Zeichnung abgebildet. Erinnerungen an eine Zeit, als Schuhe noch zu den wertvollen Errungenschaften des Alltags zählten. Heinrich Solle verdeutlicht den einstigen Stellenwert: "Wenn man sich ein Paar leistete, wurde das bis zu 20-mal repariert." Heute seien Schuhe auch modisches Accessoire. Vor 90 Jahren fasste Heinrich Solle Senior den Entschluss, sich selbständig zu machen und eine eigene Werkstatt zu gründen. 50 bis 60 Paar Lederschuhe fertigte der damals 21-Jährige pro Jahr. Zunächst noch auf dem elterlichen Hof im Bokelfenn, Lipperreihe Nummer 7, dem späteren Eintrachtheim. Schon kurze Zeit später suchte der junge Schuhmachermeister die Nähe zum Zentrum. Im Jahr 1928 begannen die Bauarbeiten an der Holter Straße 45. 1929 konnte das schmucke Haus mit den roten Ziegeln bezogen werden. Auf überschaubaren 14 Quadratmetern befand sich die Ladenfläche, denn längst war die Auswahl nicht so groß, wie heute. Noch einmal so groß die Werkstatt. Laufwerk wurde dort maßangefertigt. "Ein Paar gute Schuhe, ein Paar Arbeitsschuhe, ein Paar Holzschuhe, in die im Winter Stroh gestopft wurde", so sah die Ausstattung der meisten Bürger zunächst aus. "Gummistiefel gab es damals kaum, weil Gummi knapp war", erinnert sich Heinrich Solle (77). Autoreifen seien zu Sohlen geschnitten worden. "Für Jäger wurden Stiefel mit eingenähter Schweineblase angefertigt. Zur Wasserdichtigkeit." Pferdegeschirr, während des Krieges Ledermäntel, Kappen und Wehrmachtsschuhwerk, auch sie brachten die Bürger zum "Scheusker" (Schuster). Lippisches Platt gehörte zum vertrauten Umgangston, wenn man sich in der Werkstatt traf. Auch sonntags, denn viele Kirchgänger kamen nach dem Gottesdienst. Daran kann sich der Sohn des Gründers noch gut erinnern. "Hennerken" wurde er selbst gerufen. Im Gedächtnis geblieben ist Heinrich Solle auch, dass sein Vater zeitweise sieben Gesellen beschäftigte und in Kriegszeiten seine Mutter Martha im Geschäft stand. "Mein Vater hat noch mit 75 Jahren in der Werkstatt Schuhe repariert, meine Mutter mit 80 noch im Laden geholfen." Diesen Zusammenhalt gab es auch in der Folge, und es gibt ihn noch heute. Mehrmals wurde umgebaut, die Ladenfläche erweitert, der einst so wichtige Raum der Werkstatt mit zunehmender Industrialisierung nach und nach verkleinert. 1972 übernahm Heinrich Solle das Geschäft von den Eltern und führte es gemeinsam mit seiner Frau Trude. Kennengelernt hatten sich beide, als der Oerlinghauser eine kaufmännische Ausbildung in der ehemaligen Bielefelder Schuhfabrik Gehring & Sudbrack absolvierte. Trude Solle war dort als Schuhverkäuferin tätig. "Im eigenen Geschäft haben wir gemeinsam die Ärmel hochgekrempelt", sagt die heute 74-Jährige. "Wir waren ein gutes Team." Das machte sich vor allem einen Namen mit dem Angebot von Übergrößen. Herren haben die Chance, Schuhe bis Größe 54 zu finden, Damen bis Größe 46,5. Das andere Extrem sind Damenschuhe ab Größe 34. Um sie zu bekommen, nehmen Kunden weite Wege in Kauf. "Denn welche Frau mit sehr kleinen Füßen", fragt Heinrich Solle, "möchte schon Kinderschuhe tragen." "Früher gab es sogar Damenschuhe in Größe 32", erzählt Susanne Solle, die das Geschäft im Jahr 2004 von den Eltern übernommen hat. "Die Industrie hat sich aber darauf eingestellt, dass die Menschen und damit auch die Füße größer werden." Die 50-Jährige erinnert sich an einen der Werbesprüche: "Schuhe für jeden Tag, aber nicht alltäglich." Auf mittlerweile 140 Quadratmetern kann nach dem Generalumbau im Jahr 1986 Laufwerk begutachtet, anprobiert und gekauft werden. Seit 1992 gibt es einen Parkplatz neben dem Geschäft. Geschäfte mit Geschichte In unserer Serie „Geschäfte mit Geschichte" bieten wir Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, viele Hintergrundinformationen über Geschäfte in Oerlinghausen, in denen Sie einkaufen oder sich beraten lassen, und über die Restaurants, in die Sie einkehren. Bereits erschienen sind Berichte über die Kfz-Werkstatt Paul Cieplik (heute Jörg Walter), die Heißmangel Cerulla, die Fruchtsaftkellerei Wernicke, den Berggasthof Tönsberghöhe mit dem „Parlando", Foto Hölz, Farben-Prüssner, den Kreta-Grill, die Kunstschmiede Michael Raum, die Stadtschänke, das Blumenhaus Pehle, die Tankstelle Siekmann & Koch, die Helpuper Mühle, das Busunternehmen Rehm & Söhne, den Kastanienkrug, die Schaustellerfamilie Dorenkamp sowie der Friseursalon Wolf.

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