Reicher Fundus: Heimatforscher Günter Potthoff hat im Lauf der Jahre viel Material über den 1. Weltkrieg gesammelt. Dabei sind echte Raritäten wie diese komplette Sammlung von Extra-Blättern der Gütersloher Zeitung. - © Sigurd Gringel
Reicher Fundus: Heimatforscher Günter Potthoff hat im Lauf der Jahre viel Material über den 1. Weltkrieg gesammelt. Dabei sind echte Raritäten wie diese komplette Sammlung von Extra-Blättern der Gütersloher Zeitung. | © Sigurd Gringel

Schloß Holte-Stukenbrock „Not lehrt beten“

Neue Serie: Wie die Menschen den Beginn und die ersten Monate des 1. Weltkriegs erlebten

Sigurd Gringel

Schloß Holte-Stukenbrock. Am 31. Juli 1914 hielt Kaiser Wilhelm II. in Berlin vor Tausenden von Menschen eine Rede. „Eine schwere Stunde ist heute über Deutschland hereingebrochen. Neider überall zwingen uns zu gerechter Verteidigung. Man drückt uns das Schwert in die Hand.“ So berichtet es die Chronik der ehemaligen Brinkschule Stukenbrock.

Am 1. August ordnete der Kaiser die Mobilmachung der deutschen Streitkräfte an und erklärte Russland den Krieg, am 3. August Frankreich. Die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts, wie der 1. Weltkrieg in Geschichtsbüchern oft bezeichnet wird, hatte auch Auswirkungen auf die Menschen der Dörfer, die heute Schloß Holte-Stukenbrock bilden.

In den Schulchroniken und der Ortschronik Stukenbrock wird deutlich, dass in den ersten Tagen Euphorie, aber auch Anspannung herrschte. „Not lehrt beten“, heißt es in der Brinkschul-Chronik. Und weiter: „Nie waren die Kirchen voller als in jenen schweren Tagen, niemals ist mehr und inniger gebetet worden.“

Gebetsbücher an der Front

Ähnlich beschreibt die Stukenbrocker Ortschronik die ersten Augusttage des Jahres 1914: „Auf Anordnung seiner Majestät des Kaisers wurden am 6. August im ganzen Deutschen Reiche Betstunden um glücklichen Ausgang des fürchterlichen Krieges abgehalten.“ Schon in den ersten Tagen wurden Gebetsbücher gedruckt, die die Freiwilligen auch mit an die Front nahmen für tägliche Gebete.

Trotzdem versetzte die Mobilmachung „wie im ganzen Land auch die Gemeinde Stukenbrock in die größte Begeisterung für die gerechte Sache. Jeden Tag eilten Reservisten zu den Fahnen“, so die Stukenbrocker Ortschronik. Die Chronik der Obermeierschule Liemke schreibt: „Wie vor 100 Jahren alle, alle kamen, so eilten auch jetzt alle freudig zu den Waffen. Am frühen Morgen schon hörte man den Gesang der abziehenden Krieger.“

Eilzüge fuhren nur noch für das Militär, täglich rollten sie durch die Gemeinde. Luftschiffe flogen über die Dächer. Und das Volk brachte sogenannte Liebesgaben zum Bahnhof Schloß Holte. Pakete für die Soldaten; Geld, Speck, Würste, Eier, Tabak und Wollsachen. Die Beschenkten bedankten sich anschließend per Brief oder Karte vom Kriegsschauplatz. Durchfahrende Truppen wurden am Bahnhof Schloß Holte mit Essen und Getränken versorgt, Zigarren und Zigaretten. 20 Minuten hatten die Züge Aufenthalt.

Durchsuchungen an Straßensperrungen

Nur acht Pferde wurden in der Anfangszeit für den Krieg eingezogen, schreibt die Ortschronik. Aus Angst vor Spionen mussten sich alle Unbekannten ausweisen. „Bei Eisengießer Brechmann (an der Augustdorfer Straße) wurde die Kutschstraße durch eine Kette abgesperrt. Hier sowie an Timmermeisters Brücke (Timmermeisters Mühle am Furlbach) standen Tag und Nacht zwei Posten mit geladenem Gewehr.“ Alle Passanten, Warenlieferungen und Autos wurden durchsucht. Aber nur für kurze Zeit.

Am 20. August erreichte eine Postkarte von Franz Antpöhler aus Schloß Holte die Heimat. Er teilte seiner Familie mit, dass er nicht zu Pollhans kommen würde. Aber es werde wohl auch nicht viel los sein. Im nächsten Jahr, so Antpöhler, wolle er aber wieder feiern. So drückte er seinen Glauben an ein rasches Kriegsende aus.

Am 25. August kamen die ersten Kriegsgefangenen nach Sennelager. Franzosen, Belgier, Engländer und Schotten. Für die Deutschen entwickelte sich das Lager zum beliebten Ausflugsziel. Um die „fremden Krieger“ zu sehen, fuhren viele nach Sennelager. Besonders sonntags waren die Straßen voller Radfahrer aus Bielefeld, Herford und dem Lippischen. Sie wollten „die Ausländer sehen und scheuten keine ermüdenden Touren“, schreibt die Ortschronik. Auch die Obermeier-Chronik erwähnt die Kriegsgefangenen. „Die Belgier machten gerade nicht einen guten Eindruck, ja es waren sogar einige darunter, die die Vorübergehenden anspien.“

Vom Bewegungs- zum Stellungskrieg

Auf die Siege der Truppen an der Front reagierten die Daheimgebliebenen mit Böllerschüssen oder Siegesglocken. „Die Siegesnachrichten erfolgten in der ersten Zeit so häufig, dass viele es gar nicht glauben wollten, und als später infolge des Stellungskrieges weniger entscheidende Kämpfe stattfanden, waren die Schwarzseher verwöhnt“, heißt es in der Chronik der Liemker Obermeierschule. Im Oktober / November 1914 geriet der Bewegungskrieg ins Stocken und wurde zum Stellungskrieg. Die anfängliche Euphorie im Volk ebbte ab.

Die Stukenbrocker Ortschronik benennt den ersten Kriegstoten aus Stukenbrock. „Am 15. September fiel auf dem westlichen Kriegsschauplatz der Infanterist Gerhard Brechmann, Sohn des Neubauers Heinrich Brechmann.“ Wegen des Krieges fiel 1914 die Kirmes in Stukenbrock aus, lediglich ein Viehmarkt wurde am Morgen abgehalten.

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