Schloß Holte-Stukenbrock Die Dörfer im Hungerwinter

Erster Weltkrieg (3): 1916 sehnen die Menschen den Frieden herbei

Sigurd Gringel

Schloß Holte-Stukenbrock. In den ersten beiden Serienteilen haben wir beschrieben, mit wie viel Enthusiasmus die Schul- und Ortschronisten den ersten Monaten des Krieges begegnen und welche Entbehrungen die Menschen in den Dörfern, die heute Schloß Holte-Stukenbrock bilden, bereits 1915 erleiden mussten. Ab 1916 nahmen die Entbehrungen noch weiter zu.

Nahrungsmittel waren bereits rationalisiert. Das Deutsche Reich war offenbar nicht auf einen langen Krieg vorbereitet, Vorräte waren nicht angelegt. 1916 kletterten die Preise weiter in die Höhe. Ein Zentner Erbsen kostete 45 bis 50 Mark. Penibel zählt die Stukenbrocker Ortschronik viele Kosten für die jeweiligen Nahrungsmittel auf.

Doch den Menschen in den Dörfern scheint es besser zu gehen als den Menschen in der Stadt. Weil die Städter nicht mehr viel zu essen hatten, kamen sie aufs Land, um dort einzukaufen. Besonders bedürftige Kinder aus den Städten wurden in den Herbstferien 1916 in den Dörfern aufgenommen. So wurde versucht, die Nahrungsmittelknappheit in den Städten zu entschärfen. Die Bauern wurden gezwungen, wöchentlich Schweine und Rinder zu schlachten und das Fleisch zu verkaufen – zu festgesetzten Höchstpreisen, um dem Wucher vorzubeugen. Mengen nennt der Ortschronist nicht.

Die schlechte Ernte forderte viele Entbehrungen

Noch mehr setzte den Menschen die schlechte Ernte zu. Denn der Sommer war nass und kalt. „Die Roggenernte brachte viel Stroh, aber wenig Körner“, ist in der Chronik der Obermeierschule Liemke zu lesen. „Die Kartoffelernte des Jahres 1916 fiel noch geringer aus als im Vorjahre.“ Deswegen wurde dem Brot kein Kartoffelmehl mehr zugegeben. Aber auch Kartoffelschnaps wurde nicht mehr gebrannt. Die Kartoffeln wurden den Brennereien entzogen. Einen interessanten Satz dazu vermerkt die Schulchronik: „Der entstehende Mangel an alkoholischen Getränken brachte nur Nutzen, er verhinderte in dieser ersten Zeit eine Störung der Arbeit.“

In die Geschichtsbücher wird dieser entbehrungsreiche Winter 1916/17 später als der „Steckrübenwinter“ oder „Hungerwinter“ eingehen.

Auch den Mangel an Kleidung thematisiert die Schulchronik. Für das Rote Kreuz wurde in den Dörfern nur wenig gesammelt, weil die Menschen ihre Kleidung selbst dringend benötigten. „Weniger Sorgen bereitete die sogenannte Fußbekleidung. „Im Sommer geht groß und klein nach alter Sitte barfuß. Im Winter tragen alle Holzschuhe.“ Weil Strumpfschoner auftauchten, fiel der Mangel an Wolle kaum ins Gewicht.

Die Friedensbemühungen gegen Ende des Jahres 1916 wurde von der Dorfbevölkerung begrüßt, regelrecht herbeigesehnt. Sie hatte genug vom Krieg. „Da ließ das Friedensangebot des Kaisers die Herzen wieder freudiger schlagen“, schreibt die Schulchronik. Weil aber „das stolze England auf die Fortsetzung des Krieges bestand, (. . .) wussten alle, dass es nur noch Sieg oder Untergang gab.“

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