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Schloß Holte-Stukenbrock Menschen nehmen Abschied für immer

Erster Weltkrieg: Gefangenenlager mitten in Stukenbrock / Kirchenglocke wird eingeschmolzen

Von Sigurd Gringel

Schloß Holte-Stukenbrock. Die Menschen waren kriegsmüde. Ende 1916 war es nicht zu dem ersehnten Frieden gekommen und dann kam der Winter, der als Hungerwinter in die Geschichtsbücher eingegangen ist.

Im Januar 1917 setzte ein ungewöhnlich strenger Winter ein, mit viel Schnee und starkem Frost. Der Stukenbrocker Ortschronist notierte am 4. Februar eine Eiseskälte mit 16 bis 20 Grad Minus. Sie hielt bis Mitte März an. Weil Kohlen fehlten, wurde der Zugverkehr auf den Bahnstrecken Bielefeld-Paderborn und Gütersloh-Hövelhof fast komplett eingestellt.

Aus Sennelager wurde ein Kriegsgespann zur Aushilfe in die Ackerbestellung geschickt, weil es in Stukenbrock an Gespannen mangelte. Die Bauern konnten kaum noch pflügen, weil sie viele Pferde abgeben mussten. Die Deutschen zogen sich an der Westfront im Februar / März in die "Siegfriedstellung" zurück. Die Ortschronik schreibt in dieser Zeit von einem "furchtbar wütendem Krieg" und "besonders heftigen Kämpfen zwischen Deutschen, Franzosen und Engländern". Die Gemeinde Stukenbrock verzeichnete große Verluste. "In einer Woche des Mai wurden fünf Gefallene gemeldet." Die Lage spitzte sich für Deutschland weiter zu, als am 6. April 1917 die USA Deutschland den Krieg erklärten.

Vom Frühjahr bis zur Ernte 1917 herrschte große Dürre. Die Landarbeit wurde schwierig, weil alle Jünglinge und Männer eingezogen waren, wie es in der Stukenbrocker Ortschronik heißt. Die Kriegsgefangenen mussten mitarbeiten. Das Gefangenenlager in Stukenbrock wurde von Welschof mitten ins Dorf nach Westhoff verlegt. "Greise und Frauen mussten pflügen und schwere Ackerarbeiten verrichten", schreibt der Stukenbrocker Ortschronist.

Aber auch Metall wurde Mangelware. "Da zur Herstellung der Munition große Mengen von Metall erforderlich waren, wurden alle im Hausrat befindlichen Gegenstände von Kupfer, Zinn, Messing und Aluminium beschlagnahmt und mussten abgegeben werden. Die größte Glocke in unserer Kirche (St. Johannes Baptist, Anm. der Red.) wurde auch zu diesem Zwecke weggenommen, am Vorabend zum Abschied noch mal eine Stunde geläutet."

Auch die Erweiterungspläne musste die Kirchengemeinde während des Krieges aufgeben. Stattdessen zeichnete sie Kriegsanleihen.

Selbstversorgern standen an Fleisch pro Person und Jahr nur noch 40 Pfund zu, nur mit einem Erlaubnisschein durften die Bauern Schlachtungen vornehmen. Die Ortschronik berichtet von 45 Sterbefällen im Jahr 1917, 20 davon sind im Krieg gestorben.

Das Jahr 1918 bezeichnet der Stukenbrocker Ortschronist als "das verhängnisvollste Jahr in der Deutschen Geschichte". Mit Russland, das wegen der Unzufriedenheit des Volkes (Oktoberrevolution 1917) geschwächt war, kam es zu Friedensverhandlungen, die den Menschen in Deutschland wieder Hoffnung auf einen Sieg machten. An der Westfront startete die deutsche Armee die sogenannte Frühjahrsoffensive, die zwar Landgewinn einbrachte, nicht aber den erhofften Durchbruch. Die Gegenoffensive der Alliierten im Sommer ließ keinen anderen Schluss zu, als dass der Krieg verloren war. Der Ortschronist notiert: "Heer und Volk waren kriegsmüde und unzufrieden." Er begründet das mit der langen Kriegsdauer, der großen Anzahl an Opfern und den vielen Ungerechtigkeiten an der Front und im Land. Und weiter: "Die sozialdemokratische Partei wühlte gegen die Regierung und Heeresverwaltung." Am 9. November rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann die Republik aus. In Stukenbrock werden im letzten Kriegsjahr 76 Sterbefälle notiert.

Heimatforscher Günter Potthoff besitzt einen Auszug aus der Kirchenchronik St. Ursula. Am Dreikönigstag 1919 gab es dort ein Hochamt für die Heimkehrer, am darauffolgenden Morgen ein Seelenamt für alle Gefallenen.

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