Schloß Holte-Stukenbrock Die Nahrungsmittel werden knapp

Erster Weltkrieg (2): Auf die Euphorie folgt die Entbehrung

Von Sigurd Gringel

Schloß Holte-Stukenbrock. Anfang August 1914 begann der 1. Weltkrieg. Auch bei den Menschen in den Dörfer, die heute Schloß Holte-Stukenbrock bilden, herrschte eine euphorische Stimmung. Viele glaubten an einen schnellen Sieg. Doch die Stimmung schlug nach wenigen Monaten um.

Die deutsche Armee feierte in den ersten Monaten Erfolge. Zügig rückte das Heer voran. Doch im Oktober / November 1914 geriet der Bewegungskrieg ins Stocken und der zermürbende Stellungskrieg begann. Weil auch Lehrer eingezogen und der Schulbetrieb nur notdürftig aufrecht erhalten wurde, nehmen die Einträge in den hiesigen Schulchroniken sichtlich ab.

Die Daheimgebliebenen bekamen den Krieg in der Form zu spüren, so berichtet die Chronik der Obermeierschule in Liemke, dass eine allgemeine Teuerung einsetzte: "Anders als blutigen Wucher kann man es doch nicht bezeichnen, wenn über Nacht zum Beispiel der Liter Rüböl (Rapsöl, Anm. der Red.) um 10 Pfennig und mehr stieg." Besonders der Preis für das Salz stieg schon kurz nach Kriegsbeginn enorm. "Doch wurde dem ruchlosen Treiben solcher Halsabschneider bald abgeholfen." Wie das geschah, darüber schweigt die Schulchronik.

Das Petroleum wurde knapp, die Menschen behalfen sich mit Karbid, wofür eigens Lampen in den Handel kamen. Die Preise für die Futtermittel kletterten ebenfalls. "Mit der Mästung der Schweine war es daher schlecht bestellt, besonders, da alles mahlfähige Getreide zur Brotbereitung verwandt werden musste." In den Schulen wurden Merkblätter verteilt, in denen die Menschen zur Sparsamkeit aufgefordert wurden. "Unsere Feinde verfielen nämlich auf den teuflischen Plan, Deutschlands Einwohner auszuhungern, da sie Deutschlands Macht nicht bezwingen konnten", heißt es in der Obermeierschulchronik. Brotmarken wurden eingeführt, für jede Marke gab es ein bestimmtes Gewicht an Brot oder Mehl.

Im Frühjahr 1915 wurden die Kartoffelbestände gezählt. "Im Herbst wurde die Ernährungsfrage noch brennender. Die Kartoffelernte fiel mittelmäßig aus", hält die Schulchronik fest. Den Landwirten wurde verboten, Kartoffeln zu verfüttern. Die überschüssigen Mengen sollten zur Ernährung der Menschen in den Städten sichergestellt werden. Denn dort herrschte 1915 schon einige Monate vor der Ernte eine Kartoffelnot. In den Dörfern wurde daher zweimal gesammelt. "Freiwillige Kartoffelabgaben", notiert die Schulchronik. "Nach eingehender Schilderung der Notlage der Städter gaben die Leute dann auch von ihren Vorräten ab."

Noch schlimmer als der Kartoffelmangel machte sich aber der Fleisch- und Fettmangel bemerkbar. Der Viehbestand war wegen Massenschlachtungen und Futterknappheit gering und fettarm. "Der Anbau von Raps und Sonnenblumen sowie das Sammeln von Bucheckern konnte die Lücke nicht ausfüllen", heißt es in der Schulchronik. Geschäftsleute hielten Waren zurück, um später Wucherpreise dafür zu verlangen. "Für fast alle Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände gab es nach und nach Karten." Alles wurde reglementiert. Selbsterzeuger durften 180 Gramm Butter pro Person behalten und 200 Gramm Fleisch pro Person und Woche. An Wurst gab es die doppelte Menge, Kinder unter sechs Jahren bekamen die Hälfte. Und auch der Milchbezug war auf Karten geregelt.

Das Kriegsgeschehen an der Front spielt in den Chroniken so gut wie keine Rolle. Der Ortschronik Stukenbrock ist zu entnehmen, dass das Dorf im Jahr 1915 "siebzehn gefallene Krieger" zu verzeichnen hat.

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