Die Kinder mit Hund Jack: Dahinter Bürgermeister Hubert Erichlandwehr (v. l.) und Helferin Margarete Mastalisch mit ihren Buchgeschenken und Projektleiterin Christa Peitzmeier. - © Foto: Sigurd Gringel
Die Kinder mit Hund Jack: Dahinter Bürgermeister Hubert Erichlandwehr (v. l.) und Helferin Margarete Mastalisch mit ihren Buchgeschenken und Projektleiterin Christa Peitzmeier. | © Foto: Sigurd Gringel

Schloß Holte-Stukenbrock Deutsch lernen mit Hund Jack

Integration: Projekt mit Kindern geflüchteter Familien zeigt Wirkung. Ein neuer Förderantrag ist gestellt. Der Bürgermeister findet es klasse, was in der Stadt möglich ist

Sigurd Gringel

Schloß Holte-Stukenbrock. Da ist der Bürgermeister aber überrascht. „Ich hätte nicht erwartet, dass die Kinder so perfekt Deutsch sprechen", sagt er. Hubert Erichlandwehr ist der Ehrengast des Nachmittags. Die Kinder und Projektleiterin Christa Peitzmeier haben das Stadtoberhaupt eingeladen, um ihm ein Zwischenergebnis des Projektes „Lese-Hund" vorzustellen. „Schließlich muss der Bürgermeister ja wissen, was in der Stadt los ist", sagt Christa Peitzmeier. Und ein Geschenk gibt es obendrein. Seit Mitte Februar treffen sich Kinder geflüchteter Familien einmal pro Woche in den Räumen der Arbeitslosenselbsthilfe an der Alten Spellerstraße. Dann lesen sie eine Stunde lang deutsche Geschichten oder lösen Rätsel. „Hauptsache spielerisch", sagt Christa Peitzmeier, die eigentlich Ganztagskoordinatorin an der Lisa-Tetzner-Schule ist und sich ehrenamtlich für Geflüchtete einsetzt. Das Besondere an diesem Leseprojekt ist, dass Hund Jack stets dabei ist. Der neunjährige, kleine, etwas zottelige und liebenswerte Havaneser ist von Beginn an der Liebling der Kinder. Und Jack hat eine Ausbildung in tiergestützter Pädagogik. Den Kindern fällt es leichter, dem Hund etwas vorzulesen, sie überwinden schnell ihre Hemmungen. „Auch wenn man mal einen Fehler macht, verbessert der Hund nicht und lacht niemanden aus", sagt Christa Peitzmeier. Das Projekt finanziert die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) „Arbeit, Bildung, Kultur NRW" mit Sitz in Bochum. Kooperationspartner vor Ort ist die Flüchtlingshilfe. Die LAG hat auch das Zirkusprojekt finanziert, das Christa Peitzmeier in den Sommerferien mit Kindern geflüchteter Familien auf dem Hof Obermeier auf die Beine gestellt hatte. Das Lese-Hund-Projekt ist für ein Jahr bewilligt, Christa Peitzmeier hat aber schon eine weitere Förderung beantragt und ist zuversichtlich, dass ab Februar neues Geld fließt. Projektteilnahme mit Eltern und Lehrern abgestimmt Die sieben Kinder stammen aus Syrien und Mazedonien. Manche leben seit drei oder vier Jahren in Deutschland, manche seit zwei. Untereinander sprechen sie Deutsch, zu Hause wegen der Sprachkenntnisse der Eltern allerdings in ihrer Muttersprache. Wer an dem Projekt teilnimmt, ist mit den Eltern und den Lehrern abgestimmt. Ein Junge ist mittlerweile so gut, dass er beim nächsten Leseprojekt wahrscheinlich gar nicht mehr mitzumachen braucht. Die Kinder besuchen hiesige Grundschulen oder bereits die Gesamtschule. Der Jüngste geht noch nicht zur Schule und kann noch nicht lesen, trotzdem ist er gern dabei. Avin ist elf Jahre und die Älteste. Sie traut sich, dem Bürgermeister die Geschichte vom Weihnachtshund vorzulesen. Sie sitzt auf einem Kissen, die anderen auf Decken, einige streicheln Jack durchs Fell, der geduldig danebensitzt. „Ich finde das Projekt total klasse", sagt Bürgermeister Hubert Erichlandwehr. Er weiß, dass Tiere und Geschichten sehr gut zusammenpassen. Als seine eigenen Kinder klein waren, hat er ihnen Geschichten erzählt. Das, was die Kinder am Tag erlebt haben, haben aber Hunde erlebt. Das verrät er den Mädchen und Jungen. Und die schenken ihm ein kleines Buch mit selbstgemalten Bildern und selbst ausgedachten Geschichten. Geschichten, in denen stets Jack die Hauptrolle spielt. Und der Weihnachtshund? Den gibt es natürlich in der Geschichte und sprechen kann er auch. „Im Advent ist alles möglich", sagt Christa Peitzmeier. KOMMENTAR Kindergeburtstag. Die Tochter lädt fünf Freundinnen ein. Ein richtig schöner Nachmittag. Die Mädchen spielen zusammen und haben Spaß. Beim Abendessen fragt der neugierige Vater die Kinder, aus welchen Ländern sie oder ihre Eltern stammen. Denn dass die meisten einen Migrationshintergrund haben, wie man es heute sagt, ist offensichtlich. Ein Mädchen ist in Portugal geboren, die Eltern stammen aber aus Marokko. Ein Vater ist Pole, eine Oma stammt aus der Türkei, die Mutter ist schon in Deutschland geboren. Andere Eltern stammen aus Russland und Kasachstan. Ein Mädchen weiß es gar nicht genau und sagt, irgendwo aus Afrika. Kinder sind der Motor der Integration. Sie spielen zusammen, und die Eltern lernen sich ebenfalls kennen. Die Biographien spielen dabei keine Rolle – das Wichtigste ist Sympathie und Sprache. Ohne gegenseitige Verständigung geraten Freundschaftsbemühungen schnell ins Stocken. Aber die Kinder der Familien, die in Deutschland einen neuen Start, ein neues Leben suchen, lernen Deutsch ziemlich schnell, knüpfen für ihre Familien die Kontakte und lassen die neuen Mitbürger zu Nachbarn werden. Das darf die Politik auch beim Thema „Familiennachzug" nicht vernachlässigen. shs@nw.de

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