Beethovenstraße: Diese Straße wurde als erste in Schloß Holte-Stukenbrock zur "Tempo-30-Zone" erklärt. Pascal Lideck, bei der Stadtverwaltung zuständig für den Verkehr, findet's gut. - © Gunter Held
Beethovenstraße: Diese Straße wurde als erste in Schloß Holte-Stukenbrock zur "Tempo-30-Zone" erklärt. Pascal Lideck, bei der Stadtverwaltung zuständig für den Verkehr, findet's gut. | © Gunter Held

Schloß Holte-Stukenbrock Entdeckung der Langsamkeit

Gedächtnis der Stadt (38): Seit 1987 gibt es Tempo-30-Zonen in der Stadt. Einem Buxtehuder Stadtbaurat mit dem Spitznamen „Kübel-Otto“ sei Dank

Sigurd Gringel

Schloß Holte-Stukenbrock. Tempo-30-Zonen gehören heute zum Stadtbild. Die Bürger haben allerdings viele Jahre gebraucht, um Geschwindigkeitsbegrenzungen zu akzeptieren.14. NOVEMBER 1983 In Buxtehude wird die erste Tempo-30-Zone eingerichtet. Seit 1953 werden die Verkehrsunfälle statistisch erfasst. Anfang der 70er Jahre lag die Zahl der im Verkehr Verunglückten Menschen bei fast 600.000, mehr als 21.000 Menschen starben. Heute liegen die Zahlen bei 400.000 Verunglückten und 3.200 Getöteten. Dabei sind mittlerweile etwa 2,5-mal so viele Fahrzeuge unterwegs wie damals. Um die Opfer zu minimieren, wurde 1976 die Anschnallpflicht auf Vordersitzen eingeführt. Anfang der 80er Jahre starben immer noch mehr als 15.000 Menschen im Straßenverkehr, deswegen startete ein weiteres Projekt: Die Tempo-30-Zonen. Sechs mittlere Städte wurden als Modellkommunen ausgesucht, das Konzept fünf Jahre lang zu erproben. Buxtehude war die erste. Die Stadt verengte mit 200 Pflanzkübeln die Straßen in Wohngebieten, den Menschen passte das gar nicht. Es wird berichtet, dass Busfahrer empört ihre Busse stehen ließen und die Zahl der Blechschäden zunächst in die Höhe stieg, weil Autofahrer die Hindernisse nicht umfahren konnten. Der Buxtehuder Stadtbaurat Otto Wicht erhielt den Beinamen Kübel-Otto. Doch das Konzept hatte den erhofften Erfolg. Die Zahl der Verunglückten sank weiter. 1990 wurden Tempo-30-Zonen in der Straßenverkehrsordnung verankert, im Paragraphen 45, Absatz 1c. 1991 wurde die Beethovenstraße im Tengegebiet erste offizielle Tempo-30-Straße in Schloß Holte-Stukenbrock. Doch schon vorher nutzte die Stadt die Möglichkeit, Tempo-30-Zonen versuchsweise einzurichten. Und so wurde im August 1987 ein Versuch im Bereich Lindenstraße gestartet. Auch Drossel-, Wachtel- und Fasanenweg kamen 1987 in die Versuchsreihe. „Anfangs gab es eine extreme Gegenwehr“, sagt Pascal Lideck. Mancher Schloß Holter wetterte heftig dagegen. Quatsch, Unsinn, Blödsinn – so lauteten die Kommentare. Und vor allem der Zeitverlust! Als dann ein Experte vorrechnete, wie wenig Sekunden man auf 100 Meter im Vergleich zu Tempo 50 verliert, wurde zwar weiter gegrummelt, aber kaum noch laut geschimpft. Heute regt sich eigentlich niemand mehr auf.Erst wurde heftig geschimpft. Heute regt sich keiner mehr auf Pascal Lideck ist bei der Stadt zuständig für Verkehrsangelegenheiten. Insbesondere die Kosten für die baulichen Eingriffe wollten die Anwohner nicht tragen. Die Geschwindigkeitsbegrenzungen wurden trotzdem beschlossen, kurze Zeit später folgten die Straßen Am Menkebach (1989) und Flurstraße in Sende (1990). 1994 ließ die Stadt vom Ingenieurbüro Röver aus Gütersloh ein flächendeckendes Tempo-30-Konzept erstellen. Alle Wohngebiete der Stadt sollten miteinbezogen werden. Darauf folgte die Hochphase der Tempo-30-Zonen-Ausweisung von 1995 bis 1998. Nicht nur in einzelnen Straßen wurde die Geschwindigkeit begrenzt, sondern fortan in ganzen Zonen. Heute werden diese Zonen nur am Beginn und am Ende entsprechend beschildert. Autofahrer müssen davon ausgehen, dass in der gesamten Zone, also auch in den Nebenstraßen Tempo 30 gilt. Zudem gilt stets Rechts vor Links, es gibt keine gesonderten Radwege und keine Ampelanlagen. Straßenverengungen sind ausdrücklich erlaubt. Werden heute Baugebiete ausgewiesen, ist dort selbstverständlich Tempo 30 vorgesehen. Wie zuletzt im Baugebiet „Haberland“ an der Trapphofstraße. Im Baugebiet „Gerkens Hof“ werden die Schilder in dieser Woche aufgestellt. „Eigentlich machen wir das erst, wenn ein Gebiet vollständig ist“, sagt Pascal Lideck. In diesem Fall hat aber bereits ein Anwohner darum gebeten, weil schon viele Häuser stehen. Die Tempo-30-Zonen bezeichnet Lideck als Erfolgsmodell. Nur in einem Fall häuften sich Unfälle – an der Ecke Dopheide / Zur Wanderhütte, weil dort Rechts vor Links missachtet wurde. Wenn es in Tempo-30-Zonen zu Unfällen kommt, sind es zumeist Blechschäden, vereinzelt leicht verletzte Radfahrer. Lideck: „Tempo 30 gehört heute zum normalen Straßenbild. Menschen, die dort wohnen begrüßen es.“ 2016 gab es eine Novellierung der Verordnung. Seitdem darf auch an überregionalen Straßen, Kreis- und Landesstraßen, an sozialen Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen oder Altenheimen Tempo 30 ausgewiesen werden. Am 30. November gibt es ein Treffen mit Vertretern der Bezirksregierung, an dem auch Pascal Lideck teilnehmen wird. Dabei stehen rechtliche Fragen auf der Tagesordnung. Lideck wird auch im nächsten Ordnungsausschuss über die neuen Möglichkeiten berichten, zum Beispiel am Altenzentrum Wiepeldoorn oder an der Katholischen Grundschule streckenweise Tempo 30 einzurichten.

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