Gehen seit 61 Jahren durch dick und dünn: Rudolf und Gisela Mahlke zeigen ein Familienbild, das wahrscheinlich Weihnachten 1952 im Hause Mahlke aufgenommen wurde. Es zeigt Rudolf (oben v. l.), Hildegard, Heinz und Hans-Jürgen sowie Peter (unten v. l.), Mutter Hedwig, Isa-Loni und Vater Hermann. FOTO: SABINE KUBENDORFF - © sk
Gehen seit 61 Jahren durch dick und dünn: Rudolf und Gisela Mahlke zeigen ein Familienbild, das wahrscheinlich Weihnachten 1952 im Hause Mahlke aufgenommen wurde. Es zeigt Rudolf (oben v. l.), Hildegard, Heinz und Hans-Jürgen sowie Peter (unten v. l.), Mutter Hedwig, Isa-Loni und Vater Hermann. FOTO: SABINE KUBENDORFF | © sk

Schloß Holte-Stukenbrock Wenn Erinnerungen zu schmerzlich werden

Nach dem Mauerfall vor 28 Jahren: Rudolf Mahlke (80) durchlebt ein Ereignis aus seiner Kindheit immer und immer wieder. Besonders seit ihm die Wende ermöglichte, an den Ort des Geschehens zurückzukehren

Sabine Kubendorff

Schloß Holte-Stukenbrock. 9. November 1989, kurz vor 19 Uhr. Rudolf Mahlke verfolgt gespannt die Nachrichten. Günter Schabowski hat soeben gesagt: „Die ständige Ausreise kann über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu Berlin-West erfolgen. Das tritt nach meiner Kenntnis – ist das sofort, unverzüglich." Ein Unrechtsregime beginnt, sich zu verabschieden. Rudolf Mahlke kann es nicht fassen. Drei Diktaturen hatten die ersten gut 20 Jahre seines Lebens geprägt. Die DDR war eine davon gewesen. Und jetzt das. „Ich konnte es kaum glauben", sagt Rudolf Mahlke heute. Man kennt den inzwischen 80-Jährigen als Mitbegründer des heimischen Kaninchenzuchtvereins, leidenschaftlichen Geflügelzüchter – und Sozialdemokraten von altem Schrot und Korn. Für diese politische Überzeugung hat er in jungen Jahren viel einstecken müssen. Sein Vater Hermann war bereits Sozialdemokrat durch und durch und mithin den Nazis ein Dorn im Auge gewesen. Bei dem Ortsgruppenführer in Mahlkes Heimatstadt Schivelbein in Westpommern artete Abneigung in regelrechten Hass aus. Den ließ er an Rudolf Mahlke als Siebenjährigen und seinem drei Jahre älteren Bruder aus. Er beginnt zu zittern, zu schwitzen Im Frühjahr 1990, als Wende und Mauerfall endlich zulassen, ohne Probleme die pommersche Heimatstadt zu besuchen, stehen Rudolf Mahlke und seine Frau Gisela vor dem Elternhaus. Er beginnt zu zittern, zu schwitzen. „Wir müssen gehen", sagt er zu seiner Frau. „Ich kann die Erinnerung nicht verdauen." Sein ältererer Bruder Heinz hatte sich 1944 in Schivelbein vom Sohn des Ortsgruppenführers provozieren lassen und ihm einen Tritt in den Allerwertesten verpasst. Der Nazi schäumte. Schnappte sich die Mahlke-Jungs und schrie: „Ich will Kommunisten-Blut sehen. Schlag zu", forderte er seinen Sohn auf. „Schlag zu!" Der schlug zu, immer wieder. Vater Hermann Mahlke wollte einschreiten, da zückte der Ortsgruppenführer seine Waffe und setzte sie Hermann Mahlke auf die Brust. „Ein Wort und ich schieße . . ." Wenn er nur geahnt hätte, wie ihm die Erinnerung an diese Szene zusetzen würde, sagt sich Rudolf Mahlke heute, „wäre ich nicht gefahren". In einem anderen Fall waren er und seine Frau klüger. Nach der Wende hatten sie überlegt, nach Grevesmühlen in Mecklenburg-Vorpommern zurückzukehren. Dort haben sie sich vor 61 Jahren kennengelernt und 1958 geheiratet. „Wir sind froh", sagen sie heute, „dass wir es nicht gemacht haben." "Das ging nur mit Parteibuch" In Grevesmühlen hatte sich die zehnköpfige Familie Mahlke 1945 nach der Flucht vor Stalins Armee niedergelassen. Mit 13 begann Rudolf Mahlke in der jungen DDR eine Zimmermannslehre, wollte später zur See fahren und die Offiziersschule besuchen. „Das ging nur mit Parteibuch. Und das hatte ich nicht." Er wollte es nicht, auch wenn ihm dadurch vieles verwehrt blieb. Rudolf Mahlke war Sozialdemokrat wie sein Vater Hermann, der bitterlich weinte, als die SPD von der Einheitspartei SED aufgesogen wurde. „Das sitzt noch heute in mir fest." Rudolf Mahlke war 19, als er die drei Jahre jüngere Gisela, geflohen aus Danzig, beim Tanzen kennenlernte. Nach der Hochzeit begannen sie, sich ein gemeinsames Leben aufzubauen, das sie heute so bilanzieren: „Wir hatten alles in der DDR." Nur nicht Freiheit. Gisela Mahlke war die treibende Kraft, als das junge Ehepaar die Flucht in den Westen plante. Die sie äußerst raffiniert vorbereiteten. Es gab 50 Pfennig Taschengeld und ein Versprechen Der Bergbaubetrieb „Schwarze Pumpe" suchte damals Zimmerleute und Köchinnen, versprach eine Betriebswohnung. Die Mahlkes nahmen die Jobs an, lösten ihren Haushalt auf. Sie konnten aber jedem, der Republikflucht witterte, die Arbeitsbestätigung der Schwarzen Pumpe unter die Nase halten. Sie vergaßen absichtlich, sich in Grevensmühlen bei der Volkspolizei abzumelden – und wurden deshalb (wie kalkuliert) von dem Bergbaubetrieb wieder zurückgeschickt. Und zwar mit der Bahn, die mitten in Berlin hielt. Die Mahlkes stiegen am 8. August 1961, fünf Tage vor Beginn des Mauerbaus, am Ostbahnhof Zoo aus und hauten ab in den Westen, „wie 3.000, 4.000 Ossis jeden Tag". Die ersten zwei Wochen verbrachten sie in einem Übergangslager – in einem Raum, in dem 35 Paare untergebracht waren. Es gab 50 Pfennig Taschengeld und das Versprechen, mit dem Flugzeug nach Düsseldorf gebracht zu werden. Weil Rudolf Mahlke ein guter Zimmermann und fleißiger Arbeiter war, hatte er keine Probleme, im Westen Arbeit zu finden. Und zwar in Gütersloh. Vom ersten Tag an waren die Mahlkes auf sich alleine gestellt. Die Erfahrungen, die sich machten, waren nicht immer angenehm. Von den einen ausgenutzt, von den anderen als „scheiß Flüchtlinge" beschimpft. "Natürlich hatten wir Angst" 1963 reisten sie zum ersten Mal zurück in die DDR. Die Republikflucht war verjährt, und die Mahlkes hatten sich in der DDR nicht zuschulden kommen lassen. Also konnten sie ihre Familien besuchen. „Natürlich hatten wir Angst", sagen sie heute. „Natürlich." Man konnte ja nie wissen . . . Aber es ging 26 Jahre lang gut. Sommer für Sommer verbrachten sie mit Sohn Udo im Ferienhaus des Bruders an der Ostsee. Feierten drüben mit der Familie ihre Silberhochzeit. „Wir waren jedes Jahr dort", sagt Rudolf Mahlke, „und zum Schluss merkte man, dass sich etwas verändert." 28 Jahre liegt die Grenzöffnung jetzt zurück. 73 Jahre das scheußliche Erlebnis in Schivelbein. Für Rudolf Mahlke ist es so, als ob es gestern gewesen wäre. „So etwas", sagt er nachdenklich, „vergisst man nie."

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