Prominenter Gast: VHS-Leiter Josef Lieneke (l.) und Dirk Pfeiffer, Geschäftsstellenleiter der Kreissparkasse in Schloß Holte (r.) können in den Sparkassenräumen Dietmar Ossenberg begrüßen. Foto: Karin Prignitz - © Karin Prignitz
Prominenter Gast: VHS-Leiter Josef Lieneke (l.) und Dirk Pfeiffer, Geschäftsstellenleiter der Kreissparkasse in Schloß Holte (r.) können in den Sparkassenräumen Dietmar Ossenberg begrüßen. Foto: Karin Prignitz | © Karin Prignitz

Schloß Holte-Stukenbrock Das Ende des arabischen Traums

VHS-Forum: Dietmar Ossenberg zeichnet ein düsteres Zukunftsbild. Der ausgewiesene Kenner der arabischen Welt sagt eine neue soziale Revolution voraus

Karin Prignitz

Schloß Holte-Stukenbrock. „Wissen Sie eigentlich“, fragt Dietmar Ossenberg die rund 50 Besucher, „wie schön Sie es haben?“ In Deutschland meint er. So ruhig, so entspannt, so sauber. Der 67-Jährige lebt acht Monate im Jahr in der ägyptischen Hauptstadt Kairo, „einer chaotischen und trotzdem sehr lebendigen Stadt“. Viele Jahre lang war Ossenberg Leiter und Moderator des ZDF-Auslandsjournals. 13 Jahre lang hat er das Sendestudio in Kairo geleitet. Er ist geblieben, denn „ich wollte den Kontakt nicht zu dem verlieren, was ich so lange gemacht habe“. Als ausgewiesener Fachmann der arabischen Welt ist Dietmar Ossenberg jetzt auf Einladung der Volkshochschule und der Kreissparkasse in Schloß Holte prominenter Gast des „VHS-Forums“ gewesen. Was er berichtete ,war harte Kost und Ossenberg stellte in Aussicht: „Die Konflikte werden noch zunehmen, es werden neue Krisenherde entstehen.“ Wenn etwa „Donald Trump tatsächlich so wahnsinnig sein sollte, das Atomabkommen mit dem Iran zu kündigen“, dann werde es ein Wettrüsten zwischen Saudiarabien und dem Iran geben.»Wo immer Ihr Ungläubige trefft, tötet sie« Die arabische Welt befinde sich in der Auflösung, „der Orient als Kulturlandschaft geht zugrunde“. Im Irak tobe der Kampf um Macht und Öl, der Jemen versinke im Chaos, große Teile Syriens lägen in Trümmern. Im Jahr 2002 habe es fünf arabische Länder gegeben, „in denen bewaffnete Konflikte tobten, 2016 waren es bereits elf, 2020 werden es 16 sein“, prognostizierte Ossenberg. Armut, Korruption, Bildungsnotstand und allumfassende Korruption seien an der Tagesordnung. „Immer neuer Hass und Terror werden gezüchtet.“ Überall dort, wo sich staatliche Strukturen auflösten, werde das Feld für religiöse Extremisten bereitet. Ossenberg zeichnet ein düsteres Zukunftsbild. Zwar seien sie nicht mehr täglich in den Schlagzeilen, „aber immer noch sind mehr als zehn Millionen Syrer auf der Flucht“. Vom miesen Geschäft mit den verarmten Menschen berichtet Ossenberg, von Rauschgift-Plantagen und Prostitution. „Die Not ist so groß, dass Eltern ihre Söhne an sunnitische Milizen verkaufen.“ Und den internationalen Hilfsorganisationen, die versuchten zu helfen, „geht langsam das Geld aus“. Von arabischer Solidarität keine Spur. „Die arabische Liga ist handlungsunfähig und auch nicht gewillt.“ Und die westliche Welt liefere mit „müsste“ und „sollte“ nur belanglose Konjunktive. „Der Westen hat die arabischen Länder mit Waffen überflutet und damit die Konflikte erst ausgelöst.“"Man zahlt für alles, sogar für die Versetzung in der Schule" Ossenberg berichtet vom Treffen mit einem sunnitischen Geistlichen, der sich darüber empört habe, in Deutschland keine Redefreiheit zu bekommen. Wenig später habe genau dieser Mann islamische Kämpfer angeworben und zum Heiligen Krieg aufgerufen („Wo immer Ihr Ungläubige trefft, tötet sie“). Der Diskussion, ob der Islam eine friedliche Religion sei oder nicht, „sind wir im Westen nicht gewachsen“, betonte Ossenberg. „Der Koran bietet genügend Interpretationsmöglichkeiten.“ Der Islam befinde sich in einer Legitimationskrise. Der Niedergang der arabischen Welt habe zwei Ursachen: den Missbrauch der Religion und den brutalen Kampf um Macht und Geld. „Man zahlt für alles, für Dokumente und sogar für die Versetzung des Kindes in der Schule.“ Das belaste und demoralisiere die Menschen. 40 Prozent der Wirtschaft werde vom Militär beherrscht. Milliarden an Dollars würden der Volkswirtschaft entzogen. Und genau das wird nach Einschätzung Ossenbergs zu einer neuen sozialen Revolte führen. „Es ist nur noch eine Frage der Zeit.“ Wenn es so komme, werde es weitere große Flüchtlingsströme geben. „Dann haben wir ein massives Problem, und nicht nur eins.“

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