Die Hövelhoferin Dorothea Martl und der Schloß Holte-Stukenbrocker Mor Séne wollen den Menschen eine Bleibeperspektive bieten und engagieren sich seit etwa fünf Jahren im Senegal. - © Dorothea Martl
Die Hövelhoferin Dorothea Martl und der Schloß Holte-Stukenbrocker Mor Séne wollen den Menschen eine Bleibeperspektive bieten und engagieren sich seit etwa fünf Jahren im Senegal. | © Dorothea Martl

Schloß Holte-Stukenbrock Entwicklungshilfe: Eine neue Chance im Senegal

Dorothea Martl und Mor Séne haben ihr Projekt „Wasser für Labgar“ nach fast fünf Jahren erfolgreich beendet. Doch sie wollen sich dort weiter engagieren und Menschen in Ausbildung bringen

Sigurd Gringel

Schloß Holte-Stukenbrock/Hövelhof. Hunger, Gewalt, Flucht. Viele afrikanische Staaten haben Probleme. Der Senegal gehört dazu, obwohl das Land als politisch stabil gilt. 1960 löste es sich von der Kolonialmacht Frankreich, behielt dessen Demokratieverständnis aber bis heute bei. Allerdings: Jeder zweite Senegalese ist jünger als 19 Jahre, das enorme Bevölkerungswachstum beschränkt die Möglichkeiten für junge Menschen. Viele suchen daher ihre Zukunft in Europa. 10.000 wagten 2016 den Weg über das Mittelmeer. Die Hövelhoferin Dorothea Martl und der Schloß Holte-Stukenbrocker Mor Séne wollen den Menschen eine Bleibeperspektive bieten und engagieren sich seit etwa fünf Jahren im Senegal. Sie haben die Infrastruktur in Sénes Heimatdorf Labgar ausgebaut und wollen dort bald Ausbildungsplätze schaffen. „Hilfe zur Selbsthilfe" heißt das Prinzip in der Entwicklungspolitik. Ihr erstes Projekt fand jetzt einen festlichen Abschluss. Mit Spitzhacken und Schaufeln fing es an. Etwa 20 junge Männer hoben unter sengender Sonne einen Graben aus. Der Boden war so hart, dass die Stiele brachen. Aus dicken Ästen schufen sich die Arbeiter kurzerhand neues Werkzeug. Nach nur zwei Tagen lagen 415 Meter Erde offen. Die ersten Wasserleitungen konnten verlegt werden – ein bewegender Moment für Dorothea Martl und Mor Séne. Mit dem Projekt „Wasser für Labgar" wollten die beiden im Sommer 2012 den Weg für die Menschen in Mor Sénes Heimatdorf Labgar zu sauberem Wasser verkürzen. Die neuen Leitungen führten von dem Brunnen ins Dorf, zum Krankenhaus oder zur Schule. Kaum war der erste Schritt geschafft, wurde deutlich, dass die Hilfe weitergehen musste. Die Wasserpumpe förderte zu wenig Grundwasser, außerdem lief sie mit Diesel, der im Senegal teuer und schwer zu beschaffen ist. So nahm alles seinen Lauf. Fast fünf Jahre später, im März 2017, ist das ganze Dorf auf den Beinen. Dorothea Martl und Mor Séne sind die Ehrengäste. Ein Festzelt ist aufgestellt, die Schulen haben frei. Ein Vertreter der deutschen Botschaft ist da, der Polizeipräsident und der Regierungschef des Departements. Rundfunk und Presse berichten. „Ich weiß nicht, wie viele Menschen gekommen sind. So ein Rummel", sagt Dorothea Martl. Mor Séne muss immer wieder berichten, was die Deutschen in den vergangenen fünf Jahren seit der Gründung des Fördervereins für die Menschen in Labgar auf die Beine gestellt haben. Erstens: ein neuer Wasserturm, ein Brunnen mit einer solarbetriebenen Pumpe, einer Zapfstelle und Leitungen ins Dorf. Zweiten: Zäune für die Frauen, um ihre Gärten vor Tierfraß zu schützen. Die jüngste Ernte war so gut, dass die Frauen sogar Überschuss verkaufen konnten. Sie haben einen Verein gegründet, um sich gegenseitig beim Anbau und Verkauf zu unterstützen. Drittens: Betten und Instrumente für das zuvor erbärmliche Krankenhaus; Spielgeräte, Tische, Stühle und Computer für die Schulen. Die Sonne liefert die Energie. Sogar einen Krankenwagen hat der Verein im vergangenen Jahr eingeschifft. Der hat schon den zweiten Satz Reifen drauf, weil die Straßen so schlecht sind. Labgar liegt im Norden des Landes, in der Sahelzone. Sand, Schotter, Staub. Erst kurz vor der Feier hat ein Installateur Wechselrichter und Batterien angeklemmt. Die letzten Teile im großen Puzzle. Mor Séne hat stets Kontakt zu seiner Heimat gehalten, auch nach mehr als 40 Jahren in Deutschland. Eine enge Verbindung hat er zu seinem Cousin Baba, der das Projekt vor Ort kontrolliert, wenn Mor Séne nicht in Labgar ist. So ein Ansprechpartner ist enorm wichtig, wenn ein Entwicklungsprojekt gelingen und bestehen soll, sagte auch der deutsche Attachée, der nicht nur voll des Lobes war, sondern weitere finanzielle Unterstützung in Aussicht gestellt hat. Fluchtursachen bekämpfen Die deutsche Regierung und die EU wollen Geld dafür ausgeben, Fluchtursachen zu bekämpfen. So soll in Kürze das Programm „Erfolgreich im Senegal" starten. Dafür stehen 9 Millionen Euro zur Verfügung. Die EU stellt für zwei Projekte, die jungen Menschen in ihrem Herkunftsland eine Perspektive bieten sollen, weitere 60 Millionen aus dem Afrika-Nothilfefonds zur Verfügung. Davon könnte der Förderverein „Wasser für Labgar" erneut profitieren. Für den Wasserturm hatte das Ministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit bereits 28.000 Euro bewilligt. Ohne diesen Zuschuss stünde der Speicher heute noch nicht. Kontakte zum Ministerium seien schon wieder geknüpft, sagt Dorothea Martl. Ihre Vision ist ein Ausbildungszentrum in Labgar. Doch ebenso wie bei dem Wasserprojekt fängt der Verein klein an. Zunächst sollen junge Menschen in der Großstadt Thiés – so groß wie Bielefeld und mehrere Autostunden von Labgar entfernt – ausgebildet werden, im Sommer könnte dann ein eigener EDV-Kursus in Labgar stattfinden. Computer sind vorhanden. Für die Ausbildung sucht der Verein Sponsoren oder Paten – oder Lehrer, die vor Ort unterrichten wollen.

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