Im Schatten: Wer sich für die Integration einsetzt, wird auch in SHS beleidigt und bedroht. Meistens per E-Mail, und das nicht immer anonym. Die Verfasser treten immer mehr aus dem Schatten, der Anonymität, heraus, wie Fachleute registrieren. Foto:silas stein/dpa - © dpa
Im Schatten: Wer sich für die Integration einsetzt, wird auch in SHS beleidigt und bedroht. Meistens per E-Mail, und das nicht immer anonym. Die Verfasser treten immer mehr aus dem Schatten, der Anonymität, heraus, wie Fachleute registrieren. Foto:silas stein/dpa | © dpa

Schloß Holte-Stukenbrock Flüchtlingshelfer werden bedroht

Sabine Kubendorff

Schloß Holte-Stukenbrock. "Hör auf, wenn Dir Dein Leben lieb ist." Giesela Hörster war fassungslos, als sie diese E-Mail las. Die 75-Jährige, die vor zwei Jahren die Flüchtlingshilfe ins Rollen brachte, hat sie schnell weggeklickt, um nicht in Panik zu verfallen. Auch Integrationsbeauftragter Metin Eser muss sich immer wieder üble Schmähungen gefallen lassen. Beide wollen sich von solchen Vorfällen nicht beeindrucken lassen. "Ich will mich da nicht reinsteigern, sonst kann ich nicht arbeiten, und das tue ich nahezu rund um die Uhr", sagt Giesela Hörster. Metin Eser: "Ich habe Angst, gerade um meine Familie. Aber einer muss es machen." Sozialamtsleiterin Kerstin Steinmeier ist entsetzt, fast sprachlos, als sie von der Neuen Westfälischen davon erfährt. "Da findet gerade ein Wandel statt, der mir nicht gefällt", so kommentiert sie die allgemeine Entwicklung in den vergangenen Monaten. Karsten Wilke von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Herford kann da nur zustimmen. Immer mehr würden meinen, alles sagen zu dürfen, und "sie bekennen sich teilweise mit Klarnamen und Foto im Internet dazu. Das hat sich in diesem Jahr zu einem regelrechten Phänomen entwickelt". Er bietet Betroffenen wie Giesela Hörster und Metin Eser Hilfe an und verweist auch auf die Opferhilfe Bielefeld als guten Ansprechpartner. Metin Eser (49) ist in der Türkei geboren und schon als kleines Kind mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen. Er lebt seit 1979 in Schloß Holte-Stukenbrock und ist seit 1987 deutscher Staatsbürger. Und doch muss er sich als "Scheiß Ausländer" beschimpfen lassen, anonym. "Verzieh Dich, Du hast hier nichts zu sagen." Metin Eser ist zutiefst verletzt. "Ich bin Deutscher, ich bin Demokrat und ich habe ein Herz für die Integration." Seit fast vier Jahren ist er der offizielle, ehrenamtliche Integrationsbeauftragte der Stadt. "Ich arbeite für uns alle", sagt er. Karsten Wilke von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus findet es gut und wichtig, dass diese Drohungen und Beleidigungen öffentlich gemacht werden. "Das ist kein privates Problem, sondern hat eine politische Dimension." Betroffene sollten ein Netzwerk bilden, miteinander in Kontakt treten. Und ganz wichtig: Auch wenn die Schmähungen strafrechtlich nicht relevant seien, sollten sie bei der Polizei zur Anzeige gebracht werden. "Das ganze muss einen Dienstweg bekommen", sagt Karsten Wilke. "Man muss aufzeigen, was da gerade passiert." Er erinnert sich an einen Fall in Rheda-Wiedenbrück. Vor etwa einem Jahr waren grüne Kommunalpolitiker betroffen. Sie reagierten darauf mit einer öffentlichen Veranstaltung. Thematisiert worden sei, was auf einmal in unserer Gesellschaft sagbar geworden ist. Eine solche Veranstaltung würde Karsten Wilke auch für Schloß Holte-Stukenbrock empfehlen. Giesela Hörster, die ehrenamtlich und auf eigene Initiative ein gut funktionierendes Netzwerk zur Unterstützung der Flüchtlinge bei der Integration aufgebaut hat, erinnert sich, dass der erste Schmähbrief per Post kam. Vier DIN-A-4-Seiten lang. Die Kurzfassung: Warum sich Giesela Hörster überhaupt um diese Menschen kümmere? "Wir brauchen die hier nicht", stand da, sagt die 75-Jährige. Gut 40 Mails und Briefe der üblen und übelsten Sorte hat Giesela Hörster inzwischen bekommen. Von Leuten, die, wie sie glaubt, "bloß Angst um ihre eigenen Pfründe haben".

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