Gütersloh Interview: Wie die Stasi Spitzel rekrutierte

Georg Herbstritt ist Historiker bei der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin

Herr Herbstritt, wie wurden West-IM geworben? Georg Herbstritt: Die Stasi nutzte dafür alle zur Verfügung stehenden Mittel und Wege. Sie schickte zum einen klassische Werber in den Westen, die nach potenziellen Agenten Ausschau hielten. In viel größerem Maße wurden allerdings familiäre Beziehungen und die Tatsache genutzt, dass viele Westdeutschen ihre Verwandten in der DDR besuchen wollten. Systematisch wurden die Daten der einreisenden BRD-Bürger danach analysiert, bei wem sich die Anwerbung lohnen könnte. Interessant waren beispielsweise Polizisten, Mitarbeiter aus Verwaltungen, Wirtschaft, aber auch Studenten und Personen aus Forschung, Militär oder Politik. Nikolaus B. aus Verl sollte angeworben werden. Welche Rolle spielten Studenten? Herbstritt: Universitäten waren wichtig. Die Stasi hat in den 70er und 80er Jahren gezielt versucht, junge Leute anzuwerben, in dem Wissen, dass junge Leute abenteuerlustiger sind und häufig weniger zu verlieren haben als jemand, der schon im Beruf steht oder eine Familie hat. Studenten waren auch deshalb eine beliebte Gruppe, weil man sie leichter in eine bestimmte Richtung lenken konnte. Und bei ihnen war überdies die Chance groß, dass sie irgendwann in berufliche Bereiche aufsteigen, die operativ interessant sein können. Es gibt Fälle, in denen ein Student angeworben wurde und Jahrzehnte für die Stasi arbeitete. Wurden West-IM unter Druck gesetzt? Herbstritt: Eher nicht. Die Stasi hatte kein Interesse daran, einen IM unter Druck zu halten, weil dann stets damit zu rechnen war, diesen bei nächster Gelegenheit als Agent zu verlieren. Im Westen war der Zugriff auf die Menschen ja deutlich geringer als im Osten. Es sind nur wenige Fälle bekannt, in denen die Stasi etwas Kompromittierendes gegen einen West-IM in der Hand hatte und das systematisch ausgenutzt hat. In den 50er Jahren kam das häufiger vor als in den 70ern und 80ern. Wie wurden potenzielle IM also motiviert? Herbstritt: Die Stasi versuchte, Mitarbeiter auf der Basis der Überzeugung zu werben. Das konnte eine kommunistische Überzeugung sein. Das konnte aber auch der Wille sein, etwas für den Weltfrieden, für die deutsche Einheit oder die Entspannungspolitik zu tun. Spielt hier Geld eine Rolle? Herbstritt: Nicht unbedingt in der Anwerbephase. Später dann wurden Agentenhonorare genutzt, um beim IM Verpflichtungsgefühle auszulösen und Abhängigkeit herzustellen. Die übergroße Mehrheit der West-IM hat mit der Spionage für die DDR Geld verdient. Wie ließ sich die Agententätigkeit vor der Familie geheimhalten? Herbstritt: Bei West-IM hat die Stasi sogar angestrebt, dass der Ehepartner über die Agententätigkeit Bescheid wusste. Denn so war die Verbindung viel leichter zu händeln. Denn der Agent traf sich regelmäßig mit seinem Instrukteur, manchmal vielleicht in Ostberlin. Oder er musste jeden Montagabend den Agentenfunk abhören. Er musste vielleicht Berichte schreiben, irgendwo Geheimschreibmittel aufbewahren. Oder er erhielt regelmäßig Agentenlohn und musste der Frau erklären, wo das Geld plötzlich herkommt. Der Geheimdienst ist in solchen Familien ja ganz präsent. Das ist ein massiver Eingriff für beide Seiten. Für den Agenten, der sich ständig irgendwelche Ausreden einfallen lassen muss. Und für die Familie, die schnell bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Um diesen Problemen aus dem Weg zu gehen, wurde der Ehepartner häufig eingeweiht.

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