Engagieren sich: Luca Pollem (v. l.), Jessica Kirsch, Thulashi Telakeswaran, Johanna Hermann, David Lynn und Cudi Akay. - © Karin Prignitz
Engagieren sich: Luca Pollem (v. l.), Jessica Kirsch, Thulashi Telakeswaran, Johanna Hermann, David Lynn und Cudi Akay. | © Karin Prignitz

Sennestadt/Schoß Holte-Stukenbrock Einsatz gegen die Langeweile in der Flüchtlingsunterkunft

Hans-Ehrenberg-Schule: Schüler besuchen Notunterkunft in Schloß Holte-Stukenbrock und geben ihre Erfahrungen an die Mitschüler weiter

Karin Prignitz

Sennestadt/Schoß Holte-Stukenbrock. „Aufräumen", ruft ein kleines Mädchen. 75 weitere Kinder aus Syrien, Afghanistan, dem Iran und dem Irak oder aus der ehemaligen Sowjetunion tummeln sich im 18 mal 25 Meter großen Kinderzelt der Flüchtlings-Notunterkunft am Emsweg in der Nachbarstadt Schoß Holte-Stukenbrock. Zum zweiten Mal haben sich die Jugendlichen von der Hans-Ehrenberg-Schule (HES) in ihrer Freizeit auf den Weg dorthin gemacht, um sich mit den Kindern zu beschäftigen. Und um sich ein eigenes Bild zu machen.

Vieles haben die Gymnasiasten in den Medien verfolgt. Berichte über die Flüchtlingsströme haben sie gesehen und Kommentare ganz unterschiedlicher Art gelesen. Mit Eltern und Freunden haben sie sich ausgetauscht. „Ich bin selbst ausländischer Herkunft", erzählt Cudi Akay. „Deshalb", sagt der 16-Jährige, der in Deutschland geboren worden ist und türkische Wurzeln hat, „war es mir umso wichtiger selbst zu sehen, wie die Menschen hier leben." Auch Luca Pollem (14) und Thulashi Telakeswaran (15) hatten „vorher keine Vorstellung, wie es in einer Flüchtlingsunterkunft aussieht".

Jetzt wissen sie es und können ihre Erfahrungen weitergeben. Vor allem an die, die dem Thema skeptisch gegenüberstehen. „Ängste und auch Vorurteile sind da", bestätigt Karl-Werner (Kalle) Peitzmann. In seinem Geschichts- und Politikunterricht ist die Idee entstanden, dass HES-Schüler, die sich freiwillig melden, im 14-Tage-Rhythmus mit zwei Lehrern in die Zeltstadt fahren und ein Beschäftigungsangebot für die Kinder im Gepäck haben.

„Wir haben Ideen gesammelt", berichtet Johanna Hermann (14) von den Vorbereitungen auf das Zusammentreffen mit den Flüchtlingskindern. Freundschaftsbänder wollen die HES-Schüler mit den Jungen und Mädchen im Alter bis 14 Jahren herstellen, und sie haben Bewegungsspiele vorbereitet. Schnell lassen sich die Kinder motivieren, einen Kreis zu bilden. „Heut’ ist so ein schöner Tag", singt Johanna, reckt die Arme nach oben, und die Kinder machen mit, sind glücklich über die Abwechslung.

Information

Suche nach perfektem Konzept

  • Frieder Ender leitet die Notunterkunft für Flüchtlinge am Emsweg in Schloß Holte-Stukenbrock für die Firma „European Homecare". Derzeit leben etwa 800 Menschen dort, die Zahl ändert sich aber von Tag zu Tag.
  • 40 hauptamtliche Mitarbeiter sind in der Zeltstadt beschäftigt und etliche Ehrenamtliche. Sie kümmern sich unter anderem um die Kleiderkammer und um die Kinderbetreuung.
  • „Derzeit suchen wir nach einem perfekten Konzept", sagt Frieder Ender, denn zu Spitzenzeiten müssen 150 Jungen und Mädchen betreut werden.
  • Um 8.30 Uhr werden Räder und Bobbycars herausgegeben, von 9 bis 13 Uhr sowie von 14 bis 16.30 Uhr hat das Kinderzelt geöffnet.

Von den Sechstklässlern, die bereits vor zwei Wochen in der Notunterkunft waren, „haben wir gehört, dass den Menschen hier oft langweilig ist", sagt David Lynn, und er kann das gut verstehen. Er selbst treibt gerne Sport, hat Bälle mitgebracht und will sein Hobby mit den Kindern teilen. Jessica Kirsch packt bunte Seile und Bänder aus. „Man hat so viel über die Flüchtlinge gehört, aber persönlich sieht man sie ja nicht", sagt die Neuntklässlerin. Ihr war es wichtig, „in irgendeiner Weise zu helfen".

Kalle Peitzmeier, der das jüngste Treffen ebenso begleitet hat wie Klassenlehrerin Brigitte Schröder-Harmening, hofft, dass das soziale Projekt ein Erfolg wird und dass sich weiterhin Schüler aller Jahrgänge finden, die einmal in 14 Tagen einen Nachmittag ihrer Freizeit in der Zeltstadt mit den Flüchtlingskindern verbringen. Die haben vor dem Besuch der Gymnasiasten gekickert, Bilderbücher angeschaut oder bunte Bilder mit Wasserfarben gemalt.

Dicke Schneemänner sind darauf zu erkennen, rote Herzen, hohe Berge oder ein stolzer Löwe. „Wir freuen uns über jeden ehrenamtlichen Helfer", sagt Diana Düning. Die gebürtige Bulgarin ist ausgebildete Deutsch- und Biolehrerin und lebt seit 14 Jahren mit ihrem deutschen Mann und zwei Kindern in der Bundesrepublik. Sie spricht sechs Sprachen und ist seit drei Monaten Sozialbetreuerin in der Notunterkunft am Emsweg.

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