Bunt: Dietlind Mudder hat den Seminarraum, in dem sie unter anderem Impulsabende zur Lebensveränderung gibt, farbenfroh gestaltet. - © Andreas Frücht
Bunt: Dietlind Mudder hat den Seminarraum, in dem sie unter anderem Impulsabende zur Lebensveränderung gibt, farbenfroh gestaltet. | © Andreas Frücht

Gütersloh Wie diese Frau aus Gütersloh "Glücklichloh" machen will

"Wir trauen nicht mehr unserer Intuition"

Frau Mudder, Sie sind am Valentinstag mit einer mutigen Aktion in der Gütersloher Innenstadt aufgefallen: "Umarmungen statt Liebe" für jeden. Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht? Dietlind Mudder: Positive. Die meisten waren erstaunt und fanden es toll. Manche sagten auch, das täte ihnen richtig gut und sind dann mehrmals vorbeigekommen, um sich drücken zu lassen. Das Bedürfnis scheint da zu sein und die Menschen waren sehr offen, man kam schnell ins Gespräch. Ich mache das auf jeden Fall wieder. Mit welchem Ziel? Mudder: Ich suche schon lange eine Antwort auf die Frage: Was macht Menschen eigentlich glücklich? Wie kann Frau - und natürlich auch Mann - glücklich sein? Als Kind habe ich gerne Mutter und Kind gespielt und mich damals schon gefragt, warum die Erwachsenen eigentlich immer so genervt sind. Ich habe das nicht verstanden, denn schließlich durften die Erwachsenen ja alles, was ich als Kind nicht durfte. Später habe ich dann viele Menschen getroffen, die einen tollen Job haben und tolle Sachen machen - aber innerlich unglücklich wirken. Heute weiß ich, dass das wahrscheinlich daran liegt, dass wir mit unseren Grundbedürfnissen nicht mehr so in Kontakt sind. Welche Bedürfnisse sind das? Mudder: Die gleichen wie vor tausend Jahren: Verbundenheit, Sicherheit und Freiheit. Wenn das erfüllt ist, kommt noch das Bedürfnis nach Kreativität, also nach Darstellung. Wenn diese Grundbedürfnisse nicht im persönlich ausgewogenen Maß erfüllt sind, dann kann ich machen, was ich will - und werde doch nicht glücklich sein. Ist die Gewichtung dieser Grundbedürfnisse bei Frauen anders als bei Männern? Mudder: Ich kann nur sagen, wie ich das persönlich erlebe. Dieses Verantwortungsgefühl für Familie und für Verbindung ist meiner Einschätzung nach von Natur aus schon eher weiblich. Ich sehe es zum Beispiel bei uns in der Musikschule, dass Männer zwar sehr viel mitmachen, aber wenn die Kinder krank sind oder etwas außer der Reihe geplant werden muss, ist doch noch meistens die Frau gefragt. Sie muss für diese Verbundenheit innerhalb der Familie sorgen oder erlegt sich das selbst auf. Frauen ist das eher wichtig, während sich Männer mehr für kraftvolle Dinge verantwortlich fühlen. Nimmt die Gesellschaft Rücksicht auf diese Unterschiede? Mudder: Ich glaube, dass das eines der größten Probleme ist: Wir trauen nicht mehr unserer Intuition. Stattdessen konsumieren wir - von klein auf an wird etwas an uns herangetragen: das ist richtig, das muss so sein. Das fängt schon damit an, dass Frauen in der Schwangerschaft diverse Ratgeber lesen, statt sich darauf zu verlassen, diese Aufgabe selbst zu schaffen, weil die Natur ihnen das gegeben hat. Welche Rolle hat der Feminismus bei diesen Entwicklungen gespielt? Mudder: Der hat bestimmt zu dieser Entwicklung beigetragen. Wir sind immer in Extreme gegangen, von der absoluten Gleichsetzung von Frau und Mann hin zu der Vorstellung, dass Frauen als Frau gleichwertig sind - und nicht, indem sie männlich werden. Denn wir brauchen ja die Polarität, Frauen und Männer. Die Gleichsetzung hatte auch zur Folge, dass jetzt besonders in der Arbeitswelt erwartet wird, dass Frauen genauso funktionieren wie Männer. Ist das fair? Mudder: Das ist kein frauenspezifisches, sondern ein gesellschaftliches Problem. Wir sind unserem Ziel des Menschseins nicht mehr so nahe. Wenn wir zum Beispiel gerne kreativ sein möchten, brauchen wir dafür Zeit und Ruhe. Aber alles im Leben hat mittlerweile ein Ziel und soll effektiv sein, vom Sport bis Yoga. Wir brauchen eine Rechtfertigung, statt einfach nur zu sein - ohne Ziel. Selbst beim Spaziergang werden die Kilometer gezählt oder es wird eine Walkingeinheit draus gemacht. Ich persönlich richte meinen Blick bei diesen Fragen mittlerweile in eine andere Richtung und empfehle auch anderen, das zu tun. Denn es gibt ja welche, die das schaffen. Ich habe ja die Freiheit, ich muss es nicht so machen, wie die Gesellschaft es mir diktieren will. Deshalb finde ich es besser, sich im eigenen Umfeld Vorbilder zu suchen, Leute, die das schaffen. Zum Beispiel bei der Frage, wie man Beruf und Familie vereinbaren kann: Einfach gucken, wo es Frauen gibt, die das geschafft haben, wo es läuft. Wie findet man die denn? Mudder: Man muss sich nur umschauen - und wenn man auf der Straße einen Menschen sieht, der einen glücklichen Eindruck macht, kann man den ja mal ansprechen und fragen: "Entschuldigen Sie, aber Sie strahlen so. Verraten Sie mir, was Sie glücklich macht?" Denn worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, das finden wir auch. Wenn man nach Krankheiten sucht, dann findet man auch Krankheiten - und wenn man nach glücklichen Menschen sucht, dann findet man auch glückliche Menschen. Kann man Glück lernen? Mudder: Im Moment geht die Forschung davon aus, dass 60 Prozent unserer Persönlichkeit genetisch bedingt sind. Neben der Frage, wie dieses Erbmaterial in der Kindheit bearbeitet wurde, bleibt ein Anteil von 40 bis 50 Prozent unserer Persönlichkeit, den wir beeinflussen können und der Glück lernen kann, aber dazu muss ich mich öffnen. An einer Bielefelder Grundschule steht Glück als Fach auf dem Stundenplan. Schön wäre es, wenn Gütersloh so etwas wie Glücklichloh wird, mir schwebt da eine Glücksschule für Kinder und Erwachsene vor.

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