Kleiderkammer: Hier sitzt Giesela Hörster zweimal die Woche, sortiert mit ihren „Helping Hands" (Geflüchtete, die schon länger in SHS leben und ehrenamtlich helfen) und Bürgern aus SHS die Spenden, Belege und Flyer. In einem geht es um das Internationale Frauenfrühstück am Samstag - © Birgit Guhlke
Kleiderkammer: Hier sitzt Giesela Hörster zweimal die Woche, sortiert mit ihren „Helping Hands" (Geflüchtete, die schon länger in SHS leben und ehrenamtlich helfen) und Bürgern aus SHS die Spenden, Belege und Flyer. In einem geht es um das Internationale Frauenfrühstück am Samstag | © Birgit Guhlke

Schloß Holte-Stukenbrock Wer die Flüchtlingshilfe unterstützt

Förderprogramme: Wie sich Giesela Hörster und ihre Mitstreiter im Antragsdschungel zurechtfinden. Bertelsmann-Studie listet Probleme von Flüchtlingsinitiativen auf, die auch die heimischen Helfer kennen

Birgit Guhlke

Schloß Holte-Stukenbrock. Eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung hat ergeben, dass rund ein Drittel der Flüchtlingsinitiativen in Deutschland für ihren Einsatz für geflüchtete Menschen und deren Integration keine staatlichen Fördermittel in Anspruch nehmen, obwohl sie Geld benötigen. Laut der Studie liege das vor allem daran, dass sie die Bedingungen nicht oder kaum erfüllen und ein Antrag nicht erfolgversprechend sei. Das Dilemma kennt auch die Gründerin der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe in der Stadt, Giesela Hörster. Und sie erklärt, wie die heimische Initiative damit umgeht. Giesela Hörster sitzt an diesem Tag wieder einmal in der Kleiderkammer der Flüchtlingshilfe am Lippstädter Weg, sortiert Spenden und entscheidet, in welches Regal ihre ehrenamtlichen Helfer ein Plastik-Einhorn mit glitzernder Mähne („Spielzeugkarton"), Kämme, Schuhanzieher und Schlafmasken („Hmmm, ich weiß nicht, ob hier jemand Schlafmasken braucht") einsortieren sollen. Um die Unterhaltung dieser Einrichtung muss sich die Flüchtlingshilfe nicht kümmern, die Stadt stellt den Raum zur Verfügung und zahlt auch die Stromkosten. »So große Gelder bekommen wir nicht« Das ist einer der wenigen fixen Posten, mit denen die in der Kirchengemeinde St. Johannes angesiedelte Flüchtlingshilfe SHS arbeiten kann. Für vieles andere stellt Giesela Hörster immer wieder neue Anträge bei den unterschiedlichsten Institutionen, bittet um Spenden, schießt auch schon mal was aus eigener Tasche dazu. Beim Europäischen Sozialfonds (ESF) für Projekte zur Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt bekommen die Schloß Holte-Stukenbrocker bislang keinen Fuß in die Tür. „So große Gelder bekommen wir nicht", sagt Giesela Hörster. Die Flüchtlingshilfe SHS sei dafür einfach zu klein und eben auch kein Verein. Das deckt sich mit der Einschätzung von Serhat Karakayali. Er ist einer der Autoren der Studie, die das Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung erstellt hat. Er gibt dazu an: „Bemerkenswert ist, dass die öffentlichen Mittel vor allem bei den schon etablierten Trägern, also bestehenden Vereinen und Verbänden ankommen. Diese oft größeren Organisationen haben Erfahrungen im Beantragen und Einwerben von solchen Geldern." Dauerhafte Förderung sei selten, einige Fördermodelle gebe es nur dann, wenn die Initiative einen Verein gründe. Das lehnen viele Initiativen laut der Studie ab, weil es ihnen nicht sinnvoll erscheint. Auch für die Schloß Holte-Stukenbrocker ist das keine Option. „Knapp 38 Prozent gaben an, unabhängig bleiben zu wollen", heißt es in der Studie. Ein Grund sei, „dass Engagierte befürchten, als Lückenfüller für eigentlich staatliche Aufgaben herhalten zu müssen". Giesela Hörster und ihre Mitstreiter haben sich mittlerweile reingefuchst in die Materie rund um Förderanträge und Fördermöglichkeiten. Deutschkursus mit Kinderbetreuung Hans-Dieter Mursch, so sagt die Flüchtlingshelferin, „probiert es immer wieder und er schaut immer, wo es Gelder gibt, die für uns in Frage kommen". Beim Erzbistum Paderborn zum Beispiel. Die Diözese hatte 2015 einen Flüchtlingsfonds eingerichtet, erklärt Sprecher Thomas Throenle auf Anfrage der NW (siehe Text im Anhang). In SHS ermöglichte dieser Fonds zum Beispiel ein Begrüßungsfest für Neuankömmlinge, unterstützte das Sprachcafé und Förderkurse, mit denen die Geflüchteten schneller Deutsch lernen könnten, so Giesela Hörster. Die Katholische Erwachsenen- und Familienbildung (KEFB) im Erzbistum bezuschusst zudem einen speziellen Sprachkursus für Mütter junger Kinder. Er startet im April im Pfarrheim St. Heinrich. Die Sender Kirchengemeinde hatte das Pfarrheim unbürokratisch als Schulungsraum zur Verfügung gestellt. Der Weg dorthin ist für die Frauen mit ihren Säuglingen und Kleinkindern von der Unterkunft an der Sender Straße aus nicht so weit wie beispielsweise zur Volkshochschule. Außerdem werden die Kinder, so erklärt es Giesela Hörster, während des Unterrichts von jungen Frauen betreut, die die KEFB dafür geschult habe. Mit Landesmitteln aus dem Programm „KommAn-NRW" konnte die Flüchtlingshilfe im Jahr 2016 das Sprachcafé einrichten. Jede Unterstützung, ob aus Bundes- oder Landesmitteln oder von Einrichtungen und Verbänden, ist Giesela Hörster willkommen. Bei jeder Förderung muss die Flüchtlingshilfe jeweils zehn Prozent der Gesamtsumme selber aufbringen. Das wiederum sei oft nur möglich mit Spenden. Die Initiative hat ein Konto für die Flüchtlingshilfe eingerichtet, kontobevollmächtigt sind Giesela Hörster und Pfarrer Karl-Josef Auris. Der Kirchenvorstand kontrolliere regelmäßig Einnahmen und Ausgaben. Die Landesarbeitsgemeinschaft „Arbeit Bildung Kultur" NRW (LAG) hat zusammen mit Christa Peitzmeier und Giesela Hörster im August ein Zirkusprojekt für geflüchtete und heimische Kinder organisiert. Mit dem „Lesehund" startet im März ein neues Projekt auf dem Liemker Hof. All das sind Angebote, die nur möglich sind, wenn die Flüchtlingshilfe dafür einen Sponsor findet. »Da kümmert sich sonst keiner drum« Nicht immer gelingt das, dann springt Giesela Hörster auch mal selbst ein. Bei einem Projekt für traumatisierte Frauen im Sommer hat sie selbst ihren Dienst als – auch von Stadtführungen bekannte – Kräuterfrau angeboten. Das Honorar dafür hat sie verwendet, um den Frauen eine kostenlose Teilnahme zu ermöglichen. Der Einsatz von Giesela Hörster endet nicht in SHS. Für eine Familie, die freiwillig nach Albanien zurückgekehrt war, hat sie bei der Bezirksregierung eine Apostille (Beglaubigung) für die Geburtsurkunde des Kindes besorgt, das in Deutschland zur Welt gekommen war. Die Geburtsurkunde hatten die albanischen Behörden nicht anerkannt. Warum sie das mache? „Da kümmert sich sonst keiner drum", sagt Mama Giesela und wendet sich einem Besucher in der Kleiderkammer zu. Der Lisa-Tetzner-Schüler will nichts haben, aber machen: ein Sozialpraktikum. Ein neuer Helfer.

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