Erschöpft, aber glücklich: Pfarrer Stefan Salzmann (l.) und Nils Wigginghaus blicken stellvertretend für das zwölfköpfige Organisationsteam zufrieden auf den Verlauf der Vesperkirche. "Ich bin selbst kein regelmäßiger Kirchgänger", sagt Wigginghaus mit einem Lachen, "aber jetzt darf ich mich so nennen, weil ich so oft hier war." - © Andreas Frücht
Erschöpft, aber glücklich: Pfarrer Stefan Salzmann (l.) und Nils Wigginghaus blicken stellvertretend für das zwölfköpfige Organisationsteam zufrieden auf den Verlauf der Vesperkirche. "Ich bin selbst kein regelmäßiger Kirchgänger", sagt Wigginghaus mit einem Lachen, "aber jetzt darf ich mich so nennen, weil ich so oft hier war." | © Andreas Frücht

Gütersloh Die Organisatoren der ersten Gütersloher Vesperkirche ziehen Bilanz

"Wir haben Emotionen mobilisiert"

Jeanette Salzmann

Herr Salzmann, Herr Wigginghaus, es ist 15 Uhr, alle Gäste haben die Martin-Luther-Kirche verlassen, die Vesperkirche ist für heute vorbei. Sind Sie froh, dass die Tür zu ist? Stefan Salzmann: Wir sind alle maximal erschöpft, aber es fühlt sich nicht schlimm an, weil es eine Art Flow ist, von dem wir gerade getragen werden. Die Resonanz auf die erste Gütersloher Vesperkirche ist gewaltig. Haben Sie damit gerechnet? Salzmann: Es ist viel von dem eingetreten, was wir uns ausgemalt haben. Das Leben vibriert und pulsiert hier drin. Es gibt aber auch Rangeleien an den Tischen, weil Gäste sauer sind, dass sie kein Essen bekommen haben. Das ist ein Teil der Realität. Wie einzigartig ist diese Veranstaltung für Sie? Nils Wigginghaus: Ich persönlich trenne die Einmaligkeit der Veranstaltung von der Einzigartigkeit hinter den Kulissen. Das Maß an Herz und Verbindlichkeit im Organisations-Team ist großartig. Wir haben uns gefunden. Es sind tiefe Freundschaften entstanden. Nach außen haben wir ganz wenig von dem erlebt, was man typisch ostwestfälisch nennt. Da war nichts Stures, das war warm. Wir haben Emotionen mobilisiert bei Helfern und Gästen gleichermaßen. Wie ist das gelungen? Wigginghaus: Am Anfang stand Begegnung. Dann folgte Berührung und daraus resultiert Erkenntnis. Welche denn? Wigginghaus: Wir leben alle in derselben Stadt. Aber wir haben gesellschaftlich nicht mehr viel miteinander zu tun. Es ist gelungen, diesen Zustand für Momente aufzubrechen und alle an einen Tisch zu bringen, miteinander sprechen zu lassen. Die Martin-Luther-Kirche scheint wie geschaffen für diese Veranstaltung. Haben Sie im Vorfeld jemals über eine andere Örtlichkeit nachgedacht? Wigginghaus: Nein, für mich kam kein anderer Raum in Betracht. Die Kirche ist absolut ideal mitten in der Stadt. SALZMANN: Um ehrlich zu sein, ich fand diese Kirche nie sonderlich schön (lacht). Inzwischen liebe ich sie, weil sie für mich voll von den Erfahrungen der Vesperkirche ist. Und ich finde es schön, dass Essen und Begegnung in diesem durchbeteten Raum stattfinden. Gab es auch kritische Stimmen zur Nutzung der Kirche? Salzmann: Ich habe gehört, dass manche sich fragen, ob wir Protestanten jetzt den Kirchraum entweihen. Das wäre ein Streitgespräch wert. Im Gegenzug haben mich viele Menschen angesprochen, die sich wünschen, dass wir alles so stehen lassen und die Vesperkirche gar nicht mehr abbauen. Wigginghaus: Aus meiner Sicht ist die Tischkonstruktion der Vesperkirche einzigartig. Ich war wirklich entzückt, als ich die Konstruktion das erste mal gesehen habe. Damit ist es gelungen, den sakralen Raum zu erhalten. Und zwei Wochen lang haben sich die Menschen gegenüber gesessen und angeblickt, anstatt gemeinsam nur nach vorn zum Altar zu blicken. Es ist ja viel städtische Prominenz in der Vesperkirche gewesen. Die Liste der Helfer war lang und namhaft. Dazu kamen etliche Fernsehauftritte. Wollten Sie den Rummel? Salzmann: Wenn es im Dienst der Sache ist, ist es gut. Es hat dem Projekt geholfen. Aber wie immer im Leben mischt sich etwas dazu. Es ist eine Frage des Maßes. Wigginghaus: Tatsächlich braucht man die Öffentlichkeit, um das Projekt bekannt zu machen. Wir haben nach den Fernsehbeiträgen konkrete Anfragen erhalten aus Essen und Dortmund, wo die Idee der Vesperkirche aufgenommen werden soll. Wenn das passiert, hat der Rummel etwas Gutes bewirkt. Wir wolllen ja kein Alleinstellungsmerkmal pflegen. Die ersten werden wir für NRW eh immer sein, das kann uns keiner mehr nehmen. Das Organisationsteam umfasst zwölf Personen. Sie wurden von allen Seiten gelobt für Ihre Professionalität. Haben Sie selbst ein Scheitern des Projektes für sich ausgeschlossen? Salzmann: Es gab die innere Freiheit, dass das Projekt auch floppen darf. Wigginghaus: So entspannt war ich offen gestanden nicht. Stefan Salzmann hat Mantra-artig gesagt 'Das wird schon!'. Irgendwann war ich davon auch fest überzeugt. Salzmann: Wir hatten von Anfang an Lust, groß zu denken! Wigginghaus: Objektiv betrachtet ist das Niveau, mit dem wir hier in die Vesperkirche eingestiegen sind, abartig hoch. Unser Anspruch war es, professionell zu arbeiten. Wir haben 600 ehrenamtliche Helfer mobilisiert, und denen fühle ich mich verpflichtet. Deshalb haben wir Abläufe minutiös geplant, um Menschen, die uns ihre Zeit im Ehrenamt schenken, nicht in unklare Situationen zu schicken. Gab es Pannen? Wigginghaus: Nein. Aber der Steuerkreis hat nach den ersten drei Tagen nachjustiert und Abläufe geändert. Als wir gemerkt haben, dass wir um 12.30 Uhr keine Essensmarken mehr haben und Berufstätige oder Schüler keine Chance auf ein Essen bekommen, haben wir reagiert und die Essensausgabe zeitlich aufgeteilt. Haben Sie an jedem Tag die 300 Essensportionen ausgeteilt? Salzmann: Wir hatten nicht eine einzige Portion übrig. Was wird von der Vesperkirche bleiben? Wigginghaus: Wir haben die Leute erst mal zusammengebracht. Das Thema wird nun in den Wohnzimmern weiter diskutiert. Salzmann: Es ist uns gelungen, jede Menge Energie loszutreten. Es gibt schon Orte, an denen über den weiteren Nachklang der Vesperkirche diskutiert wird. Ich glaube, es wird sich nachhaltig etwas ändern. Wird es denn eine zweite Vesperkirche in 2019 geben? Salzmann: Es gibt eine große Lust, weiterzumachen. Aber wir behalten uns diese Antwort noch vor. Wigginghaus: Die Eindrücke müssen bei uns im Orga-Team erst mal sacken. Wir glauben, dass das Konzept trägt, aber wir können nicht voraussetzen, dass sich die Freiwilligkeit der Hilfe kontinuierlich fortschreiben lässt. Wie steht es denn um die Finanzen in diesem und im nächsten Jahr? Salzmann: Wir sind mit dem geplanten Budget ausgekommen. Die täglichen Spenden haben wie geplant etwa ein Drittel der Essenskosten gedeckt. Wigginghaus: Sollte es eine Wiederholung der Vesperkirche geben, werden wir wieder Klinken putzen müssen, um genügend Geld zusammenzubekommen. Dabei gilt es auch zu verhindern, dass wir den anderen Vereinen und Organisationen das Wasser abgraben. Das wollen wir auf keinen Fall. Wenn Sie die Tage Revue passieren lassen, welche Momente bleiben in Erinnerung? Salzmann: Ich habe bewegende Gespräche mit jemandem geführt, den ich einen "Philosophen der Straße" nennen könnte. Wigginghaus: Ich habe ein junges Pärchen kennengelernt, das unter widrigsten Bedingungen nun eine Familie gründet. Ich wusste auch vorher, dass ich privilegiert leben darf, aber es hat mir doch vor Augen geführt, dass wir alle aufgefordert sind, uns mehr umeinander zu kümmern. Haben Sie auch beruflich von der Vesperkirche profitiert? Salzmann: Das war und ist nicht mein Ziel. Ich habe das nicht gemacht, um die Kirchenmitgliederzahl in die Höhe zu treiben. Wigginghaus: Akquise war das in keinem Fall. Da lässt sich mit weniger zeitlichem Einsatz sicherlich anderweitig mehr erreichen. Mit meiner Tätigkeit als Notar und Anwalt hat das hier nichts zu tun - eher mit meiner Eigenschaft als Bürger dieser Stadt. Was genau war denn Ihr Beweggrund im Ursprung, die Vesperkirche ins Leben zu rufen? Wigginghaus: Ich war von Anfang an vernarrt in die Idee. Der Tod zweier mir nahestehenden Personen hat noch mehr bewegt. In unserem Abschlussritual mit den Ehrenamtlichen der Vesperkirche heißt es: "Vielen Dank für Euren Dienst an den Bedürftigen und wir alle sind irgendwann bedürftig" - das trifft auch auf mich zu. Salzmann: Mich hat das Konzept von Anfang an begeistert, das hier etwas von der Kirche in die Stadt hinein wächst. Die Vesperkirche ist konfessionell offen, und für mich als Pfarrer ist es spannend, wenn ich mich mit meinem Glauben all diesen Begegnungen aussetze. Ich sehe das als meine Aufgabe, immer mehr an die Schnittstellen der Gesellschaft zu gehen. Für mich als Theologe war das ein Aufbruch.

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