Ganz schön wild: Michael Mittermeier hat mehr als nur eine Überlebenstaktik parat für die luxusverseuchten und zivilisationsdegenerierten Menschen unserer Zeit. - © Birgit Vredenburg
Ganz schön wild: Michael Mittermeier hat mehr als nur eine Überlebenstaktik parat für die luxusverseuchten und zivilisationsdegenerierten Menschen unserer Zeit. | © Birgit Vredenburg

Rietberg Über Michael Mittermeiers Auftritt in der Cultura

"Vielleicht werde ich Stadtrat"

Birgit Vredenburg

Rietberg. "Wahnsinn. Man kommt herein, schaut sich um und denkt: oh, ich habe mich vertan. So viele Leute von allen Seiten. Das erwartet man gar nicht." Michael Mittermeier blickt staunend ins Theaterrund und stellt anerkennend fest: "Hier ist es nicht so eindimensional wie anderswo." Und beim Näherkommen erkennt er sie, "all die Menschen in ihren Adventskalender-Kästchen". Wobei: "Es geht nicht auf. Es sind nicht 24, sondern 30 Türchen." Das macht die Sache für einen Künstler wie ihn, der die Augen überall haben muss, nicht leicht. "Ich gehe alle Kästchen ab, denn ich versuche immer, wirklich jeden anzuschauen. Das ist wie Blick-Tetris", lässt der quirlige Komiker aus Bayern seine köstlich amüsierten Fans wissen und eröffnet mit seinem bisweilen bitterbösen Programm "Wild" sogleich eine rasante Jagd auf Pokémon-Junkies, Gefährder ("In meiner Jugend war das ein Typ, der in der Disco Apfelschorle bestellt hat") und die großen starken Männer der Weltpolitik. Wo warst Du das letzte Mal wirklich wild? Im Traum oder im Internet? Und hast du dabei wenigstens ein Selfie gemacht? Das sind noch die harmloseren Fragen, die Mittermeier im Verlauf des Abends in den Raum wirft. Seine abstrusen Geschichten kreisen um das verloren gegangene Wildheits-Gen, die wahren und gar nicht netten Hintergründe des bayerischen "Grüß Gott", öffentliche Toiletten mit Lichtsensor, der nur beim Reingehen funktioniert und Männer, die jahrelang im Keller sitzen und an ihrer Modelleisenbahn basteln. "Wir Deutschen sind luxusverseucht und zivilisationsdegeneriert", lautet die ernüchternde Bestandsaufnahme. "Und wir sind verwirrt. Wir bauen die besten Autos, unsere Großprojekte werden immer pünktlich fertig und alle Menschen flüchten vor uns - das alles funktioniert plötzlich nicht mehr", ätzt der Vorkämpfer der deutschen Stand-up-Comedy. Wie also sich selbst in den Griff bekommen, wenn die Welt sich nicht mehr im Griff hat? Wie gut, dass wenigstens der Star Wars-Mythos weiter lebt. "Schön, die Helden aus der guten alten Zeit wieder zu sehen", freut sich Mittermeier und gesteht freimütig: "Ich habe immer noch Angst vor Darth Vader." Kürzlich erst hatte er eine Begegnung mit der dunklen Seite der Macht. "Nein nicht mit Donald Trump, der die Orangenhaut im Gesicht trägt und jetzt ein Dekret unterschrieben hat, dass er zum Mars fliegen will - heim zu seinen Leuten, die alle tote Katzen auf dem Kopf tragen." Vielmehr habe jüngst neben ihm ein schwarzer Smart mit getönten Scheiben gehalten, "der original so aussah, wie der Kopf von Darth Vader". Als er dem kleinen alten Mann am Steuer spontan "bei Rot halten du musst" empfahl, habe der geantwortet: "Am Arsch lecken Du mich". Als ein "Klugscheißer" im Publikum ihm daraufhin prompt eine Fünfminus in Deutsch verpasst, gibt der Bayer sich einsichtig: "Vielleicht werde ich doch lieber Stadtrat."

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