Keine Berührungsängste: Angela Austermeier durfte als einzige Zuschauerin sein Däumchen anfassen. Es ist der Höhepunkt einer jeden Show von Kabarettist Rainer Schmidt. - © Waltraud Leskovsek
Keine Berührungsängste: Angela Austermeier durfte als einzige Zuschauerin sein Däumchen anfassen. Es ist der Höhepunkt einer jeden Show von Kabarettist Rainer Schmidt. | © Waltraud Leskovsek

Rheda-Wiedenbrück Dieser Kabarettist erzählt in Wiedenbrück von seinem Leben ohne Unterarme

Humorvoll, wortgewandt, aber auch ernst und kritisch präsentiert sich Rainer Schmidt in der Kreuzkirche

Waltraud Leskovsek

Rheda-Wiedenbrück. Humorvoll, wortgewandt, aber auch durchaus ernst und kritisch gab sich der Kabarettist Rainer Schmidt aus Bonn, der am Samstagabend mit seinem Programm "Däumchen drehen" zu Gast in der Kreuzkirche Wiedenbrück war. Der Verein Vitart, auf dessen Einladung der Kabarettist gekommen war, hätte keinen besseren Ort als die Kreuzkirche für diesen bereichernden Abend finden können. Denn Rainer Schmidt ist selbst evangelischer Pfarrer, wenn auch derzeit nur noch freiberuflich, weil er als Kabarettist inzwischen ganz schön ausgebucht ist. Schmidt wurde am 18. Februar 1965 in einem kleinen Dorf ohne Unterarme und mit einem verkürzten Oberschenkel geboren. Doch er fand sich von frühester Kindheit an normal und so machte er sich auf in ein erfolgreiches, vielseitiges Leben in der Mitte der Gesellschaft. Unter dem Motto "Keine Hände - keine Langeweile" erzählte er vor 100 interessierten Gästen authentisch und natürlich vom Glück und Pech des Außergewöhnlichseins. Er zeigte sich glücklich, ausgerechnet in der Reformationswoche in einer so wunderschönen und zukunftsweisenden Kirche auftreten zu dürfen. Die Kabarettbühne und die Kanzel seinen sich eh sehr ähnlich. Bei beiden würden die Gäste nicht dazwischen rufen. Schmidt erzählte viele Geschichten rund um sein kleines Däumchen am linken Oberarm. "Wenn man anders aussieht, aber sonst ziemlich klar im Kopf ist, dann erlebt man jeden Tag was Neues", meinte er. Sei es der Schaffner im Zug, der so tue, als sei er gar nicht da, oder die Sprüche wie "Gute Besserung" oder überforderte Lehrer, die meinten, ihm vorschreiben zu müssen, wie er am besten seinen Stift hält. Er fragte das Publikum was sie denken, was er nicht könne Bis er im zarten Alter von sechs Jahren in eine Sonderschule - bis dahin glaubte er, dass es eine Schule für besonders clevere Kinder war - kam, dachte Schmidt, dass er völlig normal sei. Dort traf er auf den Spastiker Walter und Lothar im Rollstuhl. Plötzlich sei ihm klar geworden, dass er ja irgendwie auch etwas anders sein müsse, sonst wäre er ja mit den Kindern aus seinem Dorf auf eine Schule gekommen. Immer wieder gab es lustige Passagen. Besonders im zweiten Teil wurde Schmidt jedoch ernster und da merkte man, dass er auch predigen kann. Er fragte das Publikum was sie denken, was er nicht könne. "Klavier spielen", rief ein Zuschauer in den Raum. "Okay, das kann ich nicht, aber nicht, weil ich eine Behinderung habe, sondern weil es mir nicht liegt", gab er prompt zurück. "Das Einzige was wir für Inklusion brauchen, ist Toleranz", betonte Schmidt. Kinder seien da frei und unkompliziert. Seine Nichte hätte erst mit vier Jahren entdeckt, dass ihr Onkel keine Hände hat. Jetzt würde sie überall mit ihm angeben, weil er so gut Tischtennis spiele und viele andere verrückte Sachen mache und keine Hände hätte. Das sei für sie etwas Besonderes. Den Höhepunkt des Abends bewahrte sich Schmidt bis zum Schluss auf. Angela Austermeier aus dem Publikum durfte sein Däumchen anfassen. Das darf immer nur ein einziger Zuschauer. Die meisten trauen sich nicht. "Ich finde es cool", meinte sie und ließ sich mutig auf das Spielchen ein. Am Ende wurde sie als Belohnung mit dem kleinen, weichen Däumchen über die Wange gestreichelt.

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