Beim Probelauf: Als Fassadenabsteiger macht sich Rainer Kornfeld auf den Weg in die Tiefe. - © Marion Pokorra-Brockschmidt
Beim Probelauf: Als Fassadenabsteiger macht sich Rainer Kornfeld auf den Weg in die Tiefe. | © Marion Pokorra-Brockschmidt

Rheda-Wiedenbrück Rhedaer Rathaus-Running: Mit dem Seil 35 Meter an der Fassade entlang

Angebot: Schwindelfreie können ihre Nervenstärke testen und am Verwaltungsgebäude in die Tiefe gehen. Dafür gibt es auch eine Belohnung

Marion Pokorra-Brockschmidt

Rheda-Wiedenbrück. Für schwache Nerven ist das nichts: Kopfüber können Mutige und Schwindelfreie mit den Füßen an der Fassade des Rathauses Rheda in waagerechter Position hinabsteigen - mit dem Blick in die Tiefe. Und der geht 35 Meter nach unten, bis auf den Rathausplatz. Das Ganze nennt sich "Rathaus-Running" - und ist nicht als Running Gag gemeint. An dem Turm über der Plattform in der achten Etage des Verwaltungsgebäudes ist ein Haken in die Wand eingelassen - ein so genannter Anschlagpunkt. An dem ist ein Seil befestigt, das wiederum mit einer Industriekletterausrüstung verbunden ist. Die kann künftig überstreifen, wer Rheda mal von ganz oben erleben will - und ist damit bestens gesichert für sein Vorhaben. "Die Seile tragen bis zu drei Tonnen", sagt Markus Hahne, der sich professionell mit Klettertechnik auskennt. Darum wandte sich Wirtschaftsförderin Nikola Weber auch an den Fachmann, der sonst Sicherheitskonzepte für Firmen entwirft, als sie auf der Suche nach einer Attraktivitätssteigerung für die Innenstadt von Rheda auf die Idee mit dem Rathaus-Running kam. "Das Rathaus ist ideal für einen Fassaden-Run, weil es an dem Dach überall Geländer gibt und es keine Absturzkanten hat", sagt Hahne. Doch das Geländer muss überwinden, wer auf der Suche nach extremer Adrenalinausschüttung den besonderen Kick erleben will. Fest angeseilt beugt sich Rainer Kornfeld langsam mit durchgedrückten Beinen in die Bodenlosigkeit hinunter. Er ist Sicherheitstrainer im Kletterpark auf dem Landesgartenschaugelände in Rietberg - und weiß, was er tut. Doch so ganz wollen seine Beine offensichtlich nicht mitmachen. Sie knicken nach den ersten Schritten auf dem Rauputz leicht ein. Er braucht Kraft und Konzentration, um die Hüfte nach vorne zu schieben, erneut die ideale Körperhaltung hinzubekommen - und seinen Weg in die Tiefe elegant und formschön fortzusetzen. Noch befindet sich das Projekt "Rathaus-Running" in der Probephase, tüftelt Hahne in Testläufen gemeinsam mit den Probanden am idealen Winkel, in dem die Leinen für das Klettergeschirr an den Schultern und an den Oberschenkeln angebracht werden. "Das macht riesigen Spaß, wenn das Seil aber länger wird, fehlt der Druck an die Wand", erklärt Kornfeld nach seinem ersten Gang abwärts. Hahne korrigiert den Ausleger, an dem die Seile befestigt sind. "Es braucht schon ein gutes Körpergefühl, um wie ein Brett an der Wand herabzulaufen", erklärt Albrecht Stroop. Er ist Geschäftsführer der "schnurtracks Aktiv GmbH", die den Rietberger Kletterpark betreibt. Er meint, dass solche Angebote wie das Rathaus-Running voll im Trend liegen - und er wird es über seine Internetseite vermarkten. Der Spaß kostet 49 Euro pro Person. "Damit orientieren wir uns an anderen Anbietern und sind noch günstig", sagt Stroop. Immerhin werde jeder, der den Mut hat, sich auf die Magenkribbeln verursachende sportliche Herausforderung einzulassen, genauestens eingewiesen, bevor ihm das Klettergeschirr über seine bequeme Kleidung angezogen wird. "Das dauert mindestens 20 Minuten", so Stroop, der von jeweils drei Mitarbeitern vor Ort ausgeht. Die senkrechte Wanderung, die auf dem Dach des Bürgerbüros nach rund 25 Metern endet, dauert dann etwa drei Minuten. Das geht schneller als der Aufstieg in die achte Etage. Denn weil das Rathaus-Running an Wochenenden angeboten wird, wenn das Verwaltungsgebäude abgeschlossen ist, gelangen die Neugierigen auf der Suche nach dem Besondere über das Außentreppenhaus in die Höhe. Haben sie sich dann aber - um ein Abenteuer reicher - in die erste Etage abgeseilt, gibt es für die Rathaus-Runner eine Urkunde. Denn Stroop verspricht, dass der Wagemut nicht nur mit großen Nervenkitzel belohnt werden soll.

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