Rheda-Wiedenbrück Friedensarbeit der anderen Art

Idee: Die "Weltreise durch Wohnzimmer" findet immer mehr Anhänger, auch im Ausland. Und sie gewinnt Preise. Bald könnten es 10.000 Euro sein

Marion Pokorra-Brockschmidt

Rheda-Wiedenbrück. Es ist ihre Neugierde, die sie treibt, die Neugierde auf Menschen, deren Kulturen und Geschichten. Vor fünf Jahren hatte Catrin Geldmacher die Idee zu "Weltreise durch Wohnzimmer" - Einwanderer berichten Deutschen von ihrer alten Heimat in ihren Wohnungen. Seither entwickelt deren Realisierung einen Sog, dem sich weder die 47-Jährige noch ihre Mitstreiter des im Jahr 2015 gegründeten, gemeinnützigen Vereins gleichen Namens entziehen können. Und das will die 47-Jährige auch gar nicht. Schließlich leistet sie "Friedensarbeit", so ihre Worte. Das tut Geldmacher mit fünf weiteren Leuten im Team, das sich um Organisation, Logistik und Planung der Entwicklung der Weltreisen kümmert. Dafür waren sie im vergangenen Jahr 1.200 Stunden ehrenamtlich aktiv - auf Geldmacher entfielen davon 800 Stunden. Nachzulesen ist das im ersten Wirkungsbericht des Vereins, für den er ein Designstipendium von knapp 1.000 Euro bekommen hat. Derzeit steht "Weltreise durch Wohnzimmer" im Finale der "Google impact challenge". Die Abstimmungen laufen bis zum 24. Februar im Internet. Sollten Geldmacher und ihre Mitstreiter am 25. Februar in Berlin gewinnen, gibt es für die Organisation 10.000 Euro. Neben dem Erweis der Nachhaltigkeit der Arbeit, der Lösung eines aktuellen gesellschaftlichen Problems und der Übertragbarkeit des Projektes auf andere Städte musste der Verein bei der Bewerbung auch mitteilen, wofür er das Geld verwenden will. Investieren will er es in Webinare, Seminare im Internet. Geldmacher will bisherige Reiseleiter, die ihre Wohnzimmer für Besucher öffneten, mehr einbinden. Eine Frau aus Ecuador könnte das Projekt in 20 spanischsprachigen Ländern verbreiten. Ein Mann aus Ruanda könnte englisch- und französischsprachige Interessenten beraten. "Dafür brauchen sie aber Trainings und die richtige Software", so Geldmacher. "Unser Projekt ist darauf angelegt, stark zu machen", erklärt die 47-Jährige. Das gilt für Einwanderer ebenso wie für Deutsche, die durch das Kennenlernen anderer Kulturen Angst, "die verblendet", abbauen. Geldmacher erzählt von einer Frau aus Mozambique. Die ließ sich zwar überzeugen Reiseleiterin zu sein, war aber sehr überrascht, dass sich zehn Leute für ihr Wohnzimmer anmeldeten und Interesse an ihr und ihrer alten Heimat bekundeten. Ihr Fazit: Sonst wüssten die Deutschen immer alles, "in ihrem Wohnzimmer aber war sie der Held", freut sich Geldmacher, dass die Gastgeberin nun auch bei anderen Aktionen mitmacht. Die Weltreisen-Erfinderin hat viele Geschichten in petto: Von einer Französin, die sich in Rheda-Wiedenbrück selbstständig gemacht hat und einen Iraner zum Probearbeiten einlud; von einer Muslimin und einem Jesiden, die sie gemeinsam vor die Kamera für den Bewerbungsfilm zur "Google impact challenge" bekommen hat; von einer türkischen Reiseleiterin, die Reisende zur Hochzeit ihres Sohnes eingeladen hat; von einer Mexikanerin, die der Tochter einer Besucherin Nachhilfe in Spanisch gibt; von einer älteren Reisenden, die über ihre internationalen Erlebnisse in Wohnzimmern im Altenheim St. Aegidius geschwärmt hat und von der Mitarbeiterin eines Jobcenters, die gerne an einer Weltreise nach Syrien teilnehmen würde, um die Mentalität ihrer Kunden besser zu verstehen. Die Erfahrung, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen, ermutige Reiseleiter, sich im Alltag mehr zuzutrauen. Sie nähmen immer mehr an gesellschaftlichen Aktivitäten wie Elternsprechtagen oder Mieterversammlungen teil, berichtet Geldmacher, die für ihr Engagement 2015 von Bundspräsident Joachim Gauck zum Bürgerfest eingeladen worden war. Geldmacher sieht ihre Arbeit als Zukunftssicherung, "auch für meine Tochter". Zwar könne einen die Entwicklung in der Welt verzweifeln lassen; die großen Wirren könnten einen hilflos machen, "aber man kann sich nicht einfach zurücklehnen, weil man nichts tun kann, sondern muss sich fragen, was man wenigstens ein bisschen besser machen kann". Darum auch bereitet die 47-Jährige eine große Konferenz vor. Am 5. März kommen in der Gütersloher Volkshochschule Menschen zusammen, um die "Weltreise durch Wohnzimmer" weiter zu entwickeln. "Wir hoffen auf ein bisschen UNO-Vollversammlungsflair", so Geldmacher und verweist auf Anmeldungen von Teilnehmern aus 16 Herkunftsländern. Finanziert wird diese Veranstaltung von einem weiteren Preisgeld. 2015 gewann der Verein den Wettbewerb "Durch Wissen Grenzen überwinden" der PSD-Bank. Und auch dieses Geld sieht Geldmacher gut angelegt im Bestreben, die nicht einfache Welt immer ein bisschen besser zu verstehen. "Wir haben schließlich den Slogan ,Miteinander, nicht übereinander sprechen'."

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