Mit Eimer und Schüppe: Am Rand des vier Quadratmeter großen Loches im Historischen Rathaus kniet Grabungsleiterin Dr. Julia Hallenkamp-Lumpe, LWL-Archäologin. Sie dokumentiert die Spuren, die sich dort von Mensch und Tier finden. - © LWL
Mit Eimer und Schüppe: Am Rand des vier Quadratmeter großen Loches im Historischen Rathaus kniet Grabungsleiterin Dr. Julia Hallenkamp-Lumpe, LWL-Archäologin. Sie dokumentiert die Spuren, die sich dort von Mensch und Tier finden. | © LWL

Rheda-Wiedenbrück Fußabdrücke aus dem Mittelalter unter Wiedenbrücker Rathaus

Mitarbeiter des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe begleiten Bauarbeiten und schließen auf die frühere Nutzung des Platzes

Marion Pokorra-Brockschmidt

Rheda-Wiedenbrück. Spuren haben die Bürger vor vielen Jahrhunderten unter dem Historischen Rathaus Wiedenbrück hinterlassen. Die sind nun bei den Bauarbeiten unter dem 1619 errichteten Gebäude aufgetaucht - und gelten bei Archäologen als Besonderheit. Wenn es bei historischen Gebäuden ans Fundament geht, sind Mitarbeiter vom Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) dabei. "Wenn archäologisch etwas zu erwarten ist, begleiten die Archäologen die Bauarbeiten", sagt Katja Burgemeister, LWL. Unterm Historischen Rathaus wurden sie fündig. Dort wurde für den Fahrstuhl, der die Besucher barrierefrei in die Gute Stube und das Trauzimmer bringen soll, in der Erde gebuddelt. Und die "Bauarbeiten führten die Archäologen mitten hinein in die Vergangenheit der Stadt", so die LWL-Pressestelle. "Das ist sehr ungewöhnlich" Auf vier Quadratmetern drängten sich Zeugnisse und Spuren der Stadtgeschichte. "Das ist sehr ungewöhnlich, dass solche Spuren erhalten sind", so Burgemeister auf Nachfrage von nw.de. Fußabdrücke haben Mensch und Tier im hohen Mittelalter unter dem unter Denkmalschutz stehenden Haus hinterlassen. Durch eine Planierung der Fläche vor fast 800 Jahren seien die Fußspuren aus dem 13. Jahrhundert bis heute erhalten geblieben, teilt der LWL mit. "Das ist ein Anblick, den Archäologen nicht allzu oft haben", so Grabungsleiterin Dr. Julia Hallenkamp-Lumpe von der Bielefelder Außenstelle der LWL-Archäologie für Westfalen. Sie und ihre Kollegen hätten verschiedene mittelalterliche Nutzungsphasen dieses Geländes, das sich südlich der Pfarrkirche St. Aegidius befindet, erkannt. Zunächst stießen die Forscher auf eine grobe Steinschotterung, die im 13. Jahrhundert angelegt worden ist. Der feuchte Sandboden war damals weich und erschwerte das Gehen. Der Schotter sollte den Boden befestigen. "Über den Steinen lagerte sich eine schlammige Schicht ab, in der Mensch und Tier tiefe Spuren hinterließen", erläutert Hallenkamp-Lumpe. "Was wir hier vor uns haben, war also eine stark begangene und befestigte Freifläche, bei der es sich möglicherweise schon damals um einen Marktplatz gehandelt haben könnte", vermutet die Archäologin. Zwei Pfosten nachgewiesen Die Spuren blieben erhalten, weil die Einwohner noch im 13. Jahrhundert die Fläche mit hellem Sand auffüllten, um an dieser Stelle einen Holzbau zu errichten. Von dem konnten die Fachleute noch zwei Gruben für Pfosten nachweisen. Nachdem das Gebäude im 14. oder 15. Jahrhundert aufgeben worden war, wurde die Fläche erneut planiert. Konkrete Hinweise auf eine weitere Nutzung der Fläche in der Zeit nach dem 15. Jahrhundert hätten die Archäologen in diesem winzigen Ausschnitt im Erdboden jedoch nicht gefunden. "Die Ausgrabungen im Alten Rathaus sind ein sehr wichtiger Mosaikstein für die Stadtgeschichte, da wir hier erstmals die Phasen der Geländenutzung im Hoch- und Spätmittelalter archäologisch dokumentieren können", sagt Dr. Sven Spiong, Leiter der Bielefelder LWL-Archäologen. Die Spuren werden nun fein säuberlich dokumentiert: fotografiert, gezeichnet und vermessen. Eine Verzögerung der Bauarbeiten fürchtet die Stadtverwaltung deswegen nicht. Sie geht davon aus, dass die Arbeiten etwa eine Woche dauern werden und sich "das im Bauverlauf nicht bemerkbar macht", sagte Pressesprecher Martin Pollklas. Eins haben die Ausgrabungen den Archäologen zudem gezeigt: "Der südlich von St. Aegidius vermutete frühmittelalterliche Königshof ist zumindest an dieser Stelle nicht nachzuweisen und muss somit anderswo gelegen haben muss", erklärt Spiong. Historiker vermuten, dass es um die Zeit, als Kaiser Otto im Jahr 952 dem Osnabrücker Bischof das Markt-, Münz- und Zollrecht für Wiedenbrück verlieh, diesen Königshof gegeben hatte. Belegt ist ihre Annahme bislang nicht. Doch anders als die jetzt entdeckten Spuren wäre ein Königshof keine Besonderheit. Wie Burgemeister informiert, "gab es die überall".

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