Meisterhaft: Friedemann Wuttke (Gitarre) und Marcelo Nisinman am Bandoneon. - © Eugenie Kusch
Meisterhaft: Friedemann Wuttke (Gitarre) und Marcelo Nisinman am Bandoneon. | © Eugenie Kusch

Rheda-Wiedenbrück Musikalisches Treffen mit Piazzolla und den Klassikern

Konzert: Friedemann Wuttke, Marcelo Nisinman und das "Infinitum Quartett" boten eine musikalische Konfrontation

Eugenie Kusch

Rheda-Wiedenbrück. "Tradition trifft Moderne", so hieß das Konzert der Reihe "Musica da Camera" in der Orangerie. Was bedeutet das eigentlich? Wie viel Moderne birgt bereits die Musik von Wolfgang A. Mozart und Luigi Boccherini, wie viel Tradition bewahrt Astor Piazzolla in seinem reichhaltigen Opus? Der Gitarrist Friedemann Wuttke stellte am Donnerstagabend ein klar definiertes Programm zusammen, das eine interessante Konfrontation konträrer musikalischer Stile bot und von Anfang an mitriss. So eröffnete der 1970 in Argentinien geborene Bandoneon-Spieler Marcelo Nisinman das Konzert, heute einer der Besten seiner Zunft. In seinem nur vier Minuten dauernden "Hombre Tango" zeichnete er das Porträt eines markigen, ungeduldigen und wild herumtreibenden "hombres" (Spanisch für Mann, Mensch), gespickt mit scharfen Dissonanzen und dichten Klanggebilden, befreit von starren Normen des Tempos und Metrums, den rhythmischen Tangoschwingungen und der obsessiv zurückkehrenden Melodie allerdings stets treu bleibend. Marcelo Nisinman spielte so wie sein großes Vorbild Astor Piazzolla, den er persönlich kannte: kreativ, frei, sinnlich. Durch das gleitende Anwachsen oder Verringern der Tonstärke wurde jeder Ton der sehnsüchtigen Melodien der "Milonga" oder des "Loving" feinfühlig modelliert. Kaum ein anderes Instrument vermag es, melancholischer zu wirken als das mit vielen Knöpfen auf beiden Seiten und dem weit aufziehbaren Balg bestückte Bandoneon. Nisinmans verführerischer Leidenschaft bot der Gitarrist Friedemann Wuttke einen grandiosen, mal zurückhaltenden, mal höchst virtuosen Kontrapunkt. In der Introduktion des Doppelkonzerts für Bandoneon, Gitarre und Quintett hielt das partnerschaftliche Musizieren der beiden die Zuhörer im Bann, im weiteren Satz - Milonga, in dem fünf Streicher mit einer harmonischen Begleitung einstiegen - faszinierte ihr melancholischer Duogesang, den nur ein kurzes heiteres Intermezzo unterbrach. Schließlich wurden dann alle im dritten Satz, dem Tango, zu feurigen Solisten. Das "Infinitum Quartett" (Rasa Zukauskaite, Allessio Angelo Taranto, Axel Lis, Valeria Lo Giudice, verstärkt vom Kontrabassisten Ionut Barlan) verbirgt in seinem Namen genau das, was sein Auftritt auszeichnet: eine unendlich spontane, inbrünstige, ja fast impulsiv wirkende Spielweise. Die erste Geigerin Rasa Zukauskaite steuerte sie mit ihrem hervorstechenden Vibrato und einer besonders intensiven musikalischen Präsenz. Schon im zornigen "Anxiety", einem der zuvor gespielten "Five Tango Sensations", brachten sie zusammen mit dem Bandeonisten das Publikum zum Glühen. Jene stürmische Vitalität fehlte auch dem "Fandango" aus dem Gitarrenquintett Nr. 4 vom Altmeister Luigi Boccherini nicht. Auch hier sind alle als Solisten betrachtet, die Gitarreneinleitung von Wuttke war wunderbar spannend und intensiv. So überschwänglich kann es also auch bei den Meistern der Klassik zugehen, wie im Divertimento D-Dur, KV 136 von Mozart, mit dem das "Infinitum Quartett" unbeschwert, graziös und mit beeindruckendem technischen Können das Publikum begeisterte.

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