Spricht die Tönnies-Arbeiter an: „Stoppen Sie das Schlachten", „Rettet die unschuldigen Seelen" und „werdet vegan!" steht auf Rumänisch auf dem Schild des Aktivisten Mario Bochtler aus Gelsenkirchen. Es richtet sich an die nicht deutschen Lkw-Fahrer und an die Arbeiter, die mit Bussen in die Fabrik gefahren werden. - © Oliver Herold
Spricht die Tönnies-Arbeiter an: „Stoppen Sie das Schlachten", „Rettet die unschuldigen Seelen" und „werdet vegan!" steht auf Rumänisch auf dem Schild des Aktivisten Mario Bochtler aus Gelsenkirchen. Es richtet sich an die nicht deutschen Lkw-Fahrer und an die Arbeiter, die mit Bussen in die Fabrik gefahren werden. | © Oliver Herold

Rheda-Wiedenbrück Tagelanger Protest vor Tönnies für Tierschutz und Menschenrechte

Mahnwache: Vor dem Werk in Rheda demonstrieren bis Freitag Aktivisten der Gruppe "The Save Movement".

Oliver Herold

Rheda-Wiedenbrück. Der Lkw-Fahrer mit den geladenen Schweinen tritt aufs Gas, als er die Aktivisten sieht. Die jungen Leute springen zur Seite und schon ist der Truck auf dem Tönnies-Gelände – dort, wo die Demonstranten nicht hin dürfen. Enttäuschung macht sich breit: Das Ziel, mit dem Fahrer ins Gespräch zu kommen und die Tiere kurz vor ihrem Tod zu streicheln, ist fehlgeschlagen. Man lässt sich nicht entmutigen, es kommen noch viele Lkw, sehr viele sogar, denn bis Freitag werden die Teilnehmer des "Animal Justice Camp" bleiben. Täglich zwölf Stunden lang die Aktivisten, am Montag waren es etwa 40, die meisten nicht älter als 20 Jahre, Mahnwache vor dem Tönnies-Gelände halten. 25.000 Schweine werden dort täglich mit 98 Prozent CO2 betäubt und dann geschlachtet. Es sei Deutschlands größte Schlachtfabrik, vielleicht sogar Europas größte, sagen sie. „Wir möchten auf das Schicksal der Tiere aufmerksam machen und das Bewusstsein über den grausamen und ungerechten Tod, der die Tiere im Schlachthof erwartet, in der Öffentlichkeit verbreiten", erklärt Veranstalterin Josi Grothoff aus Essen. Sie und die meisten Teilnehmer vor Ort sind Mitglied von The Save Movement, einer im Jahr 2010 gegründeten Organisation für Tierrechte und Tierschutz, die weltweit etwa 200 Gruppen zählt. Das Protest-Publikum ist daher international, Aktivisten aus den Niederlanden sind angereist, aus Frankreich, aus Schottland und aus Deutschland, einige kommen auch aus dem Kreis Gütersloh. Viele sind schon seit Jahren überzeugte Veganer Sie alle seien überzeugte Veganer, viele schon seit Jahren, „weil Tiere auch für Milch und Eier grausam sterben", berichtet Mitorganisatorin Elly Bornah von der Düsseldorfer Gruppe. Es sei daher wichtig, „Aufklärung zu betreiben und die Frage aufzuwerfen, warum Hunde und Katzen gestreichelt werden, das Schicksal anderer Tiere aber egal" sei. Doch es geht den Aktivisten nicht nur darum, es geht auch um Umweltschutz und um Menschenrechte, also darum aufzuzeigen, dass der Mensch für die Schlachttiere beispielsweise den Regenwald abholze und andere Menschen mit Werksverträgen ausbeute. „Auch deswegen sind wir hier", sagt Josi Grothoff. Zwischen 9 und 12 Uhr, zwischen 14 und 16 Uhr sowie zwischen 18 und 21 Uhr sollen alle 15 Minuten Tiertransporter angehalten werden, alles wird gefilmt, fotografiert und über die sozialen Netzwerke geteilt, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzielen. Zwischen den Aktionen gibt es Pausen, man isst gespendetes Vaganfood und singt Lieder von John Lennon. Nachts zelten die Aktivisten in einem Camp, der genaue Ort soll geheim bleiben wegen der Privatsphäre und aus Sicherheitsgründen. Unternehmen reagiert gelassen auf die Mahnwache Natürlich ist bei Tönnies auch die die Polizei vor Ort, man achtet darauf, dass sich niemand aufs Werksgelände begibt. Eigentlich wollten die Beamten helfen, die Lkw anzuhalten, weil es aber keine polizeiliche Maßnahme ist, erfolgt der Anhaltewunsch ohne Kelle, und wer nicht anhalten will, fährt weiter. Gestern Nachmittag hielt keiner an. Führt das zu Frust? „Was wir hier machen, ist eine auf Liebe basierte Form des Aktivismus", sagt Josi Grothoff. Daher werde es keinerlei gewalttätiges oder drohendes Verhalten geben, stattdessen Respekt und Freundlichkeit. Das Unternehmen selbst reagiert gelassen auf die Mahnwache: „Wir sind das „gewohnt", sagt Sprecher Markus Eicher. Mit vielen Tierschutzgruppen könne man reden, es gebe Werksführungen, man arbeite stetig an Verbesserungen in puncto Tierschutz. Dass der Protest vor den Toren in Rheda etwas bringt, bezweifelt er: „Es ist unrealistisch, dass alle Deutschen plötzlich aufhören, Fleisch zu essen."

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