Ohne weißen Kittel: Frauenarzt Martin Waibel praktiziert seit zehn Jahren in Rheda-Wiedenbrück. Viele der Dinge, die sich in seiner täglichen Arbeit in den vergangenen Jahren verändert haben, haben seiner Meinung nach gesellschaftliche Gründe. - © Natalie Gottwald
Ohne weißen Kittel: Frauenarzt Martin Waibel praktiziert seit zehn Jahren in Rheda-Wiedenbrück. Viele der Dinge, die sich in seiner täglichen Arbeit in den vergangenen Jahren verändert haben, haben seiner Meinung nach gesellschaftliche Gründe. | © Natalie Gottwald

Rheda-Wiedenbrück Wie sich die Arbeit dieses Frauenarztes verändert hat

Martin Waibel ist seit mehr als 30 Jahren als Gynäkologe tätig. Im Gespräch erklärt er, warum er gegenüber seinen Kolleginnen inzwischen im Nachteil ist

Natalie Gottwald

Rheda-Wiedenbrück. "Frauen können heute besser äußern, was sie wollen - auch in der Sexualität", stellt Frauenarzt Dr. Martin Waibel fest, der seit zehn Jahren in Rheda-Wiedenbrück in einer Gemeinschaftspraxis am Neuen Wall praktiziert. Das gelte grundsätzlich generationenübergreifend. Vor seiner Zeit in der Doppelstadt war Waibel, der seinen Facharzt im Rheinland gemacht hat, an verschiedenen Krankenhäusern im Rheinland, in Hamburg, in Lübeck und in Bielefeld sowie Gütersloh tätig. Sein Schwerpunkt war eigentlich immer die pränatale Diagnostik, aber irgendwann wollte Waibel lieber selbstständig in eigener Verantwortung arbeiten, "und da hat sich die Möglichkeit eröffnet, hier in Rheda die Praxis von Dr. Hartmann zu übernehmen", sagt der 62-Jährige. Dass Frauen insgesamt selbstbewusster geworden seien, erschwere manchmal die Beziehung zwischen Frau und Mann. "Manche Männer sind einfach immer noch nicht darauf eingestellt, dass Frauen auch in sexuellen und familiären Bereichen so klar Position beziehen", sagt Waibel, der die Entwicklung aber prinzipiell für einen guten Prozess hält. "Schwierig ist nur, dass es eben auffallende sozioökonomische Unterschiede gibt." Wann junge Frauen das erste Mal Geschlechtsverkehr hätten, wann erste Schwangerschaften aufträten oder ob es zu so genannten Teenager-Schwangerschaften komme, hänge stark von dem Milieu ab, aus dem die Frauen kämen. "Das Problem ist, dass man die Mädchen und jungen Frauen, die hier die größten Risiken haben, nicht immer erreicht", meint Waibel. Eigentlich kämen die ganz jungen Patientinnen seltener zu ihm in die Sprechstunde, sagt Waibel. "90 Prozent der Frauenärzte sind heute Frauenärztinnen - das ist auch etwas, was sich im Laufe der letzten Jahre verändert hat. Und wenn junge Mädchen die Wahl haben, gehen sie eher zu Kolleginnen." Dass der erste Besuch beim Frauenarzt heute früher sei, als noch vor 20 Jahren, habe einen ganz einfachen Grund: "Die Pubertät hat sich auch nach vorne verschoben. Mit 12, 13 - manchmal sogar schon mit 11 Jahren bekommen Mädchen heute ihre Periode. Das war zu Beginn meiner Berufslaufbahn bis zu drei Jahre später der Fall." Und noch eine Veränderung zu früher hat Martin Waibel wahrgenommen: Die jungen Frauen seien zwar selbstbewusster, aber gleichzeitig auch unsicherer geworden. "Das liegt meiner Meinung nach vor allem daran, dass Fragen weniger innerhalb der Familien geklärt werden können. Früher haben Mutter und Oma viele Unsicherheiten genommen, indem sie aus eigener Erfahrung erzählt haben. Dafür bietet sich innerhalb der Familien heute einfach weniger die Gelegenheit." Eine weitere Verschiebung gebe es bei der Familienplanung. "Es ist einfach normal geworden, dass Frauen mit 35 Jahren ihr erstes Kind bekommen - das ist heute die Regel, obwohl eine solche Schwangerschaft im Mutterpass schon als Risikoschwangerschaft angesehen wird", erklärt Waibel. Durch die medizinisch-fachliche Brille betrachtet, sei dies eigentlich nicht wünschenswert, denn in der Zeit zwischen 20 und 35 Jahren sei für Frauen eigentlich das optimale Alter, um Kinder zu bekommen. "Die gesellschaftliche Entwicklung ist in den letzten Jahrzehnten jedoch in eine andere Richtung gegangen. Oft passt ein Kind aus beruflichen Gründen und/oder in der Beziehung nicht, und erst später, mit 35 bis 40 Jahren, wird der Kinderwunsch vorrangig. Vieles andere wird plötzlich hintenan gestellt. Das ist bei Frauen meist ausgeprägter als bei Männern", so Waibels Erfahrung. Nicht immer funktioniere das Schwangerwerden wie erwartet. Und es würden - nicht zuletzt, weil die Zeit dränge - zusätzliche, den Schwangerschaftseintritt unterstützende Maßnahmen notwendig. "Kinderwunschzentren gibt es heute mehr als früher - weil der Bedarf gewachsen ist", informiert Waibel. Und auch bei den älteren Patientinnen gebe es aus seiner Sicht die Tendenz zur Unsicherheit: "Es kommt durchaus vor, dass Schwangere drei Mal in der Woche in die Sprechstunde kommen. Sie haben einfach Angst, irgend etwas falsch zu machen oder sind generell unsicher. Auch hier greift das System Familie weniger als früher."

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