Vor neun Jahren als Ein-Mann-Unternehmer gestartet: Dinko Muhic. - © Robert Becker
Vor neun Jahren als Ein-Mann-Unternehmer gestartet: Dinko Muhic. | © Robert Becker

Herzebrock-Clarholz Wie dieser Mann mit Retouren erfolgreich geworden ist

Bingo Germany: Mit seinem Unternehmen spielt Dinko Muhic in der Ersten Liga. Die Waren aus Insolvenzen und Überproduktionen - von der Gartenschere bis zum Dirndl - verkauft er in 42 Länder

Robert Becker

Herzebrock-Clarholz. Fünf seiner bisherigen neun "van-Heuss"-Läden hat er geschlossen oder weitergereicht in den letzten Wochen, aber Dinko Muhic ist guter Laune. "Viel Arbeit, wenig Brot", lacht der 40-Jährige, als er mit der NW über sein Geschäft spricht. Vor neun Jahren als Ein-Mann-Unternehmer gestartet, ist er mit seinem von Marienfeld nach Herzebrock-Clarholz umgesiedelten Betrieb weiter in der Erfolgsspur. Insbesondere das Retourengeschäft der großen Versender und Rückläufer aus Aktionsverkäufen von Kaufhäusern und Supermärkten sichern sein Geschäft. Seine Firma spielt in der Ersten Liga Als einer der fünf größten Zweitverwerter in Deutschland spielt seine Firma längst in der Ersten Liga. Über Namen spricht er nicht. Erst neulich hat ihn eine Kaufhauskette angeschrieben, weil in einem Fernsehbericht aus seinem Lager für eine Sekunde ein Logo zu sehen gewesen war. Da sind die großen Marken empfindlich. Warenüberhänge ("Overstock") spielen immer noch eine bedeutende, aber nicht mehr die ganz große Rolle, wie noch vor ein paar Jahren, sagt Dinko Muhic. Vieles, was trotz Schlussverkauf nicht unter die Leute gebracht wurde, landet in Clarholz. Zweitverwertung bedeutet insbesondere, dass diese Ware auf anderen Märkten als der EU weiterverkauft wird. Es handelt sich fast immer um Markenware Das Prinzip Zweitverwertung bekam für ihn hingegen zusätzliche Bedeutung, weil Online-Versender zurückerhaltene Waren nicht wieder ins Regal sortieren, sondern diese gleich an Vermarkter wie Bingo geben. Fast immer handelt es sich um Markenware. Auch hier ist das Ausland Ziel der Weitervermarktung, die Zollformalitäten werden für den Kunden organisiert. Vor dem Zoll sind viele kleine Schritte zu erledigen: Die Bingo-Mitarbeiter nehmen die Ware an, sichten und sortieren diese nach Art und Güteklasse, um sie nach einer kurzen Einlagerungszeit zu konfektionieren und erst dann weiterzuverkaufen. Manch ein Paket wurde vom Kunden nicht einmal geöffnet Dabei gibt es nicht selten Verwunderung: Manch ein Paket wurde vom Kunden nicht einmal geöffnet, sondern ging originalverpackt zurück zum Versender. Andersherum wurde mache Kleidung sogar schon getragen, was Abnutzung und Körpergeruch verraten. "50 LKW gehen jede Woche nach Bosnien", sagt Dinko Muhic. Bosnien war für ihn 2009 der Anfang. Muhic lernte damals den in Marienfeld auf Durchreise befindlichen Geschäftsführer der größten Handelskette Bosniens kennen. Bingo Tuzla (230 Märkte) lieh ihm quasi den Firmennamen. Muhic selbst stammt aus Bosnien, er kam während des Balkankriegs Anfang der 90er Jahre nach Gütersloh. In der Klosterpforte machte er seine Ausbildung. Nach und nach hat Muhic sich breiter aufgestellt Von Beginn an veräußerte er Ware aus Insolvenzen und Überproduktionen in seine alte Heimat und über seine Internetplattform Zengoes. Nach und nach stellte er sich breiter auf. Inzwischen geht die Ware in 42 Länder. Iran, Irak, Israel, Libanon, die Balkanländer, Russland und die Ukraine zählt er als weitere Hauptabnehmerländer auf. Woher er die Kontakte hat? "Über mein internationales Netzwerk", sagt er und grinst. Während der letzten zwei Jahre haben ihm die Aufträge einer deutschen Supermarktkette und eines deutschen Kaffeerösters große Zuwächse beschert. "Läuft eine Aktion aus, müssen die Märkte die Flächen schnell freimachen für die neue Ware. An dieser Stelle kommen wir ins Geschäft", erklärt Muhic. Auf einer Fläche von 23.000 Quadratmetern - davon 17.000 in Clarholz - kann er arbeiten und zwischenlagern. Der Zeitpunkt des Wiederverkaufs muss passen. "Im Winter die zurückgekommene Sommerware nach Russland zu schicken, das macht ja keinen Sinn", sagt er. Die Ware kauft der Marienfelder palettenweise Manchmal wissen Muhic und seine Mitarbeiter nicht, was genau angeliefert wird. Die Ware kauft der Marienfelder in großen Chargen an, meistens palettenweise. Von der Gartenschere bis zum Dirndl kann alles dabei sein. "In die Kartons zu schauen ist immer ein bisschen wie Weihnachten", sagt Dinko Muhic. Im Herbst hatte er einen ganz dicken Deal eingefädelt: 6.000 Paletten kamen von der OBI-Baumarktkette Österreichs. Sechs Mitarbeiter waren allein drei Wochen in Wien damit beschäftigt, die Ware aufzuladen. In Rheda-Wiedenbrück mietete er für den Umschlag einige Monate lang einen leerstehenden Baumarkt. Nicht alle Waren boomen Weil mitunter auch Kleidung entsorgt werden muss, da sie als unverkäuflich eingestuft wurde, ist das Unternehmen seit dem letzten Jahr Mitglied im Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung. Aber nicht alles boomt. Den 2010 begonnenen Verkauf von Streusalz, das er exklusiv aus Tuzla bezog und beispielsweise an die Stadt München lieferte, hat er eingestellt. "Es ist bei uns zu warm", stufte Muhic den Absatzmarkt in Deutschland als wenig stabil ein. Neben der Expansion hat er einen geschäftlichen Traum: "Gastronomie, das wäre was", sagt er. Muhic und seine Frau Christina, mit der er das Unternehmen gemeinsam aufgebaut hat, haben beide in der Klosterpforte gearbeitet. Mit dieser Idee beißt der leidenschaftliche Golf-Spieler bei seiner Frau allerdings auf Granit. Sein Import-Export-Geschäft wird auf jeden Fall weiter in den Medien bleiben. Nach Lokalfernsehen und Tageszeitungen haben sich jetzt das Radio und der TV-Sender Kabel 1 ("Abenteuer Leben") angesagt.

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