Monika Edler-Rustige setzt sich unermüdlich und mit großer Sensibilität für Frauen, Familien und Migranten in Harsewinkel ein. - © Andreas Frücht
Monika Edler-Rustige setzt sich unermüdlich und mit großer Sensibilität für Frauen, Familien und Migranten in Harsewinkel ein. | © Andreas Frücht

Harsewinkel Gleichstellungsbeauftragte spricht über die „Me too“-Debatte und Sexismus am Arbeitsplatz

Außerdem geht es im Interview um die männliche Dominanz in Spitzenpositionen

Stefan Boes

Frau Edler-Rustige, Die „Me too"-Bewegung hat eine große gesellschaftliche Debatte über sexuelle Belästigung und Gewalt, aber auch über die Benachteiligung von Frauen ausgelöst. Wie haben Sie diese Debatte verfolgt? Monika Edler-Rustige: Ich habe diese Debatte mit großem Interesse verfolgt, aber auch mit einer Gelassenheit, weil ich ähnliche Kampagnen regelmäßig und häufig erlebt habe. Leider muss ich immer wieder feststellen, dass so etwas im Alltagsgeschäft schnell wieder untergeht. Da muss man aufpassen, dass Frauen hinterher nicht doch wieder den Kürzeren ziehen und gar keinen Gewinn daraus ziehen. An sich könnte es ja ein Gewinn sein: Prominente Frauen outen sich und andere Frauen werden dadurch ermutigt, im Nachhinein eine Vergewaltigung, Missbrauch oder sexuelle Übergriffe anzuzeigen oder Dinge anzusprechen, die im Berufsleben passieren. Diese Debatte scheint aber doch eine andere Wirkung zu haben als frühere. Edler-Rustige: Ja. Was dieses Mal neu war, war die sehr große Öffentlichkeitswirkung durch die neuen Medien. Daraus erhoffe ich mir positive Veränderungen. Hashtag-Debatten brechen Tabus. Frauen erfahren, dass sie nicht allein als Betroffene dastehen und wenden sich eher an Beratungsstellen. Hat die Debatte schon etwas bewegt? Edler-Rustige: Ich hoffe natürlich, dass Frauen dadurch immer wieder ermutigt werden. Interessant werden jetzt die Erfahrungen, die man hören wird. Ich hoffe, es werden langfristig weiterhin Tabus gebrochen. Wie häufig haben Sie in Ihren Beratungen mit Opfern von Sexismus und sexualisierter Gewalt zu tun? Edler-Rustige: Ich bin jetzt 20 Jahre hier. Die ersten acht bis zehn Jahre bin ich sehr häufig zu diesen Themen aufgesucht worden. Das ging dann bis hin zur Vermittlung an ein Frauenhaus, in der Nähe, oder wenn es angesagt war, weiter weg. Denn manchmal ist Gütersloh zu nah. Damals war die Regionalstelle vom Kreisjugendamt noch nicht in Harsewinkel. Seit die hier ist, ist das eine gute soziale Anlaufstelle in Harsewinkel. Seitdem kann ich auf kurzem Wege mit der Regionalstelle zusammenarbeiten oder Frauen direkt an die Stelle verweisen, wenn ihre Kinder gefährdet sind. Wo erleben Frauen sexuelle Übergriffe, eher in der Familie, oder eher im Berufsleben? Edler-Rustige: Vorrangig geht es um Gewalt in der Familie. Im Berufsleben gibt es mehr verbale sexistische Sprüche, die Frauen zum Teil einfach so wegstecken. Aber Frauen merken sofort, wenn irgendetwas nicht stimmt, wenn sie irgendetwas unangenehm berührt. Da gibt es unterschiedliche Charaktere. Die einen sagen: Das stecke ich weg, mit dem komme ich schon klar. Die anderen sind sensibler, haben ein anderes Bewusstsein. Schwierig wird es im Berufsleben, wenn Vorgesetzte zu Untergebenen sexistische Äußerungen abgeben oder ihnen zu nahe kommen. Dann wird es ganz schwierig für junge Frauen, oder auch für junge Männer, weil sie in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen und solche Vorgesetzte ihre Machtstellung missbrauchen. Wie viel wird deshalb auch verschwiegen? Edler-Rustige: Es wird ganz viel verschwiegen und tabuisiert, auch aus Scham und aus Angst vor Stigmatisierung. Und es wird mehr verschwiegen als aufgedeckt. Das ist ja das, was in der „Me too"-Debatte angeregt wurde, dass Frauen sich ermutigt fühlen, ihren Mund aufzumachen. Viele Frauen, die sexuell belästigt werden, denken ja: Was habe ich falsch gemacht, dass nur mir so etwas passiert? Dadurch, dass es öffentlich gemacht wird, wissen junge Leute, ich bin nicht die oder der Einzige. Man muss bei der Debatte aber auch sehen, dass sich viele prominente Frauen geäußert haben, die sich in einer relativen Sicherheit wiegen. Die sind beruflich abgesichert und materiell bestens versorgt, die können sich das dann erlauben. Das ist das Schwierige bei jungen Frauen und Männern. Die sind im Beruf in einem Abhängigkeitsverhältnis und wollen weiterkommen im Beruf. Was raten Sie Frauen und Mädchen, die Sexismus, Belästigung und Gewalt erleben? Edler-Rustige: Ich kann allen Frauen nur raten: Benennen Sie das Verhalten sofort und wehren Sie sich. Da es aber oft Überraschungsmomente sind, in denen sie herabgewürdigt werden und ein Mensch vollkommen sprachlos oder in Schrecken versetzt ist, kann ich mich vielleicht nicht sofort wehren, das ist das Schwierige. Dann kommt es darauf an, was genau und wo ein Mensch das erlebt. Sexuelle Belästigung kann zur Anzeige gebracht werden, Gewalt kann zur Anzeige gebracht werden. Mir ist aber eines ganz wichtig: Eine Frau kann nur den Weg gehen, den sie selbst verkraftet. Sie sind Beauftragte für die Gleichstellung von Mann und Frau. Wo liegen die größten Herausforderungen auf dem Weg zur Gleichstellung? Edler-Rustige: Wenn ich zurückblicke, kann ich sagen, es hat sich unglaublich viel verändert und verbessert für die Frau. Als größte Herausforderungen sehe ich nach wie vor die Angleichung der Gehälter und die Chancengleichheit auf allen Ebenen, die im Kindergarten anfängt und in Schulen und Betrieben weiter angestrebt werden muss. Wie ist Ihr Blick auf die Politik und Verwaltung in Harsewinkel? Im Bauausschuss zum Beispiel sitzen fast nur Männer. Edler-Rustige: Der Baubereich ist für viele Frauen erst einmal fremd oder abschreckend, weil sie eher in anderen Berufen tätig sind. Für mich ist der Baubereich aber spannend, weil es darum geht, wie ich als Stadtplaner eine Stadt kinder- und familienfreundlicher, seniorenfreundlicher und behindertenfreundlicher machen kann. Es wäre sehr wichtig, dass sich demnächst ein anderes Bild im Bauausschuss zeigen würde. Und im Großen und Ganzen: Die Vorgesetztenfunktionen in der Verwaltung sind durchweg fast alle männlich besetzt. Da muss sich in Zukunft mehr bewegen durch einen höheren Frauenanteil, damit mehr mit dem weiblichen, ganzheitlichen Blick für alle Generationen hingeschaut wird. Wie sieht es in der Wirtschaft der Stadt aus? Edler-Rustige: Es sind schon die Patriarchen, die die Firmen hier führen. In den Führungsgremien habe ich eigentlich immer nur männliche Namen gehört, auch in den kleineren Unternehmen. Da wünsche ich mir einen höheren Frauenanteil in wichtigen Positionen. Und ich wünsche mir solche Frauen, die die Gleichberechtigung voranbringen, sich solidarisch und kooperativ verhalten und nicht nur Geld und Karriere anstreben. Und ich würde mir wünschen, dass in allen Bereichen Personalentwicklungskonzepte und transparente Stellenbesetzungsverfahren durchgeführt werden und in die Privatwirtschaft auch die Quote eingeführt wird.

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