Experten: Cristian Pinnes (DGB, v. l.), Raluca-Florina Gheorghe (DGB) und Armin Wiese (NGG) beraten Leiharbeiter in der Fleischindustrie. - © Nicole Hille-Priebe
Experten: Cristian Pinnes (DGB, v. l.), Raluca-Florina Gheorghe (DGB) und Armin Wiese (NGG) beraten Leiharbeiter in der Fleischindustrie. | © Nicole Hille-Priebe

Harsewinkel Stadt Harsewinkel will Leiharbeit stärker beobachten

Fleischindustrie: Der Haupt- und Finanzausschuss beschäftigt sich weiterhin mit der sozialen Lage der Leiharbeiter, die in der Stadt leben

Nicole Hille-Priebe

Harsewinkel. Obwohl die Vorhänge geschlossen sind, ist es im Sitzungssaal des Rathauses am späten Mittwochnachmittag drückend warm. Entsprechend gereizt und ungeduldig ist die Stimmung, in der die Vertreter aus Politik und Verwaltung die Tagesordnung des Haupt- und Finanzausschusses beackern. Unter anderem geht es um ein Thema, das viele Bürger in Harsewinkel interessiert: Die Wohnsituation und soziale Lage der etwa 300 Leiharbeiter aus der Fleischindustrie, die in ihrer Stadt leben. Immer wieder machen Gerüchte über prekäre Verhältnisse und sklavenähnliche Bedingungen, unter denen die meist aus Polen, Rumänien und Bulgarien stammenden Menschen leiden, die Runde. Deshalb wollten die Politiker quer durch alle Fraktionen genauer wissen, was sich hinter den verschlossenen Türen der "wohnheimähnlichen Unterbringung", wie es im Amtsdeutsch heißt, abspielt. Im Klartext geht es um Überbelegung, Abzocke bei der Miete und miese Wohnverhältnisse. Bereits im Februar hatte sich der Ausschuss mit einem Antrag der CDU-Fraktion, die Situation in den insgesamt 13 betroffenen Objekten vor Ort weiter zu beobachten, beschäftigt. Daraufhin war ein Angebot seitens der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) gekommen, die Stadt bei den Beratungen zu unterstützen. Nun soll also ein Anfang gemacht werden, aber der ist bekanntlich nicht immer ganz leicht. In diesem Fall ist er zumindest zäh. Noch bevor auch nur einer der drei angereisten Gewerkschaftsvertreter ein Wort sagen kann, will der CDU-Fraktionsvorsitzende Heinz Bünnigmann "in Anbetracht des Wetters" bereits sicherstellen, dass es nicht darum geht, "wie es in Bulgarien oder auf dem Mond ist, sondern ganz konkret in Harsewinkel". Und als hätte er es mit seiner Ungeduld provoziert, bekommen die Ausschussmitglieder von dem Bielefelder NGG-Gewerkschaftler Achim Wiese tatsächlich zunächst eher Allgemeinplätze zu hören. "Wir hören von Ausbeutung, dass der Mindestlohn umgangen wird und Schlafplatzgebühren erhoben werden" "Wir stellen fest, dass es nicht nur Saisonarbeiter, Spargelstecher und Erdbeerpflückerinnen sind, die hier ankommen. Immer mehr Menschen richten sich auf Dauer hier ein", trägt Wiese vor. Spezielle Hilfsangebote für Menschen aus Osteuropa seien lange Zeit eher die Ausnahme gewesen. "Das hat sich in den letzten zwei Jahren stark geändert." Man habe erkannt, dass man sich um diese Menschen kümmern müsse - so, wie es die beiden Juristen vom DGB, die er heute im Schlepptau hat, tun. Raluca-Florina Gheorghe und Cristian Pinnes berichten von zwei Fällen aus Harsewinkel, bei denen es um Lohnprellung und eine Inobhutnahme durch das Jugendamt geht. Den Politikern ist das zu wenig. Neben Bünnigmann fragt sich auch SPD-Fraktionssprecher Reinhard Hemkemeyer, ob er "in einem Paralleluniversum" lebe. "Wenn ich Ihnen zuhöre, Herr Wiese, dann haben wir gar keine Probleme. Aber unsere Wahrnehmung vor Ort ist anders. Wir hören von Ausbeutung, dass der Mindestlohn umgangen wird und Schlafplatzgebühren erhoben werden." In seiner Antwort bleibt Wiese unbestimmt: "Natürlich ist nicht alles in Ordnung, aber es hat sich einiges gebessert. In Harsewinkel ist die Situation besser als anderswo." Ob die Zusammenarbeit zwischen Politik und Gewerkschaft Zukunft hat, ist offen.

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