Chancen für die Zukunft: Energie-Rebell Dr. Michael Sladek wird in Harsewinkel berichten, wie in Schönau die Energiewende gelang. - © Albert Josef Schmidt
Chancen für die Zukunft: Energie-Rebell Dr. Michael Sladek wird in Harsewinkel berichten, wie in Schönau die Energiewende gelang. | © Albert Josef Schmidt

Harsewinkel "Die Energiewende funktioniert": Michael Sladek im Interview

Der Energie-Rebell ist am 20. November zu Gast bei der Bürgerenergiegenossenschaft "Sonnenwende"

Richard Zelenka

Harsewinkel. Das Thema Windenergie polarisiert und weckt Emotionen. Während die Bürgerinitiative "Lebenswertes Harsewinkel" das laufende Verfahren zur Ausweisung von Windkraftvorrangflächen mit Argwohn beäugt und durch die Rotorriesen negative Auswirkungen wie Lärm, Schattenwurf, Lichtreflexionen und Verspargelung der Landschaft befürchtet, setzen die Aktivisten der Bürgerenergiegenossenschaft "Sonnenwende" auf die erneuerbaren Energien. Ihr Anteil vor Ort soll kontinuierlich wachsen mit dem ehrgeizigen Ziel, eines Tages die Selbstversorgung mit Strom und Wärme zu erreichen. Die Menschen in Harsewinkel sollen möglichst eng an der Entwicklung neuer Projekte der regenerativen Energien beteiligt werden und auch am Ertrag partizipieren. Es ist möglich. Das zeigt die Kleinstadt Schönau im Schwarzwald. Dort sind die "Stromrebellen" zu Hause, denen bereits 1997 das Kunststück gelang, das Stromnetz ihrer Stadt in eigener Regie zu übernehmen - eine Erfolgsgeschichte, deren treibende Kraft das Ehepaar Ursula und Michael Sladek ist. Der Landarzt ist Gründer der Elektrizitätswerke Schönau. Er kommt am 20. November nach Harsewinkel und wird im Rahmen einer "Sonnenwende"-Informationsveranstaltung über das Schönauer Modell berichten. Die Neue Westfälische hatte Gelegenheit, mit Michael Sladek über seine Erfahrungen zu sprechen. Herr Sladek, warum nennt man die Schönauer "Stromrebellen"? Michael Sladek: Wir bekamen den Titel "Schönauer Stromrebellen" durch die Medien, die unseren jahreslangen Kampf, das Schönauer Stromnetz aus den Klauen der Monopole zu entreißen, immer als friedliche, aber auch sehr kämpferische Rebellion erlebt haben. Zwei Bürgerentscheide, langwierige Verhandlungen und gerichtliche Auseinandersetzungen waren notwendig, bis die Elektrizitätswerke 1997 das Schönauer Stromnetz übernehmen konnten. Wie ist aus dem Landarzt ein bundesweit anerkannter Energieexperte geworden? Sladek: Nach dem Super-GAU von Tschernobyl wurde mir schlagartig wieder bewusst, dass ich ja schon während meines Medizinstudiums gelernt hatte, dass Radioaktivität für den Menschen eine tödliche Strahlung ist. Deshalb gab es für mich, meine Frau und die vielen engagierten Mitstreiter nur eine Antwort: schnellstmöglicher Schluss mit der Atomenergie. Da aber Politik und Wirtschaft hartnäckig an dieser Technologie festhielten, gab es nur eins für uns: Das Heft des Handelns selbst in die Hand zu nehmen und die notwendigen Strukturen für einen Ausstieg aus der Atomenergie und für eine klimafreundliche Energiepolitik zu schaffen. Was ist Bürgerenergie und warum ist sie so wichtig? Sladek: Bürgerenergie ist die Kraft und die Energie, die Bürger einsetzen, um die Energiewende schließlich möglich zu machen. Das ist das vielfältige ehrenamtliche Engagement auf den unterschiedlichsten Ebene, das ist das große Wissen, das sich die Bürger aneignen und das ist die finanzielle Beteiligung der Bürger an den Energienetzen und den Energieerzeugungsanlagen. Nur über die direkte Bürgerbeteiligung kann die Energiewende gelingen: Es ist die demokratische Teilhabe, es ist die Partizipation, es ist die Investitionsbereitschaft. Wo ist die Verbindung zu Harsewinkel und warum wollen Sie sich hier für Windkraft und Bürgerbeteiligung einsetzen? Sladek: 2002 hatte ich bei einem Stromseminar Stephan Rieping kennengelernt und ich fand die Arbeit der Agenda Gruppe in Harsewinkel toll. So haben wir im gleichen Jahr noch eine Kooperation geschlossen. Windkraft ist eine der wichtigsten Standpfeiler, auf denen wir die Energiewende aufbauen. Jeder windhöffige und umweltverträgliche Standort muss erschlossen werden, um unser großes Ziel zu erreichen. Ich weiß um den zunehmenden Widerstand von Menschen, die sich gegen die Windenergie einsetzen. Um aus Gegnern Befürworter zu machen, braucht es vieler Informationen, vieler Gespräche; vor allem aber muss man das Vertrauen gewinnen. Das ist ein langer Prozess, und manche Gegner sind überhaupt nicht zu erreichen. Das kann und darf aber keine guten Windstandorte verhindern. Wo steht die Bürgerenergiewende zur Zeit? Sladek: Wir stehen vor der entscheidenden Weichenstellung: zentrale Strukturen (Monopole und Großkonzerne) oder dezentrale Strukturen (Bürgerenergie). Dieser Kampf ist noch nicht entschieden, gerade versucht die Berliner Politik mit ihren neuen Gesetzen, die Monopole wieder zu stärken. Ab 2016 übernehmen die Stadtwerke das Verteilnetz in Harsewinkel. Was hat das für Vorteile für die Bürger? Sladek: Das Stromnetz im kommunalem Besitz zu haben und auch den Betrieb und die Versorgung der Bürger selbst in der Hand zu haben, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, um über die neue und innovative Netzstruktur eine Vielzahl von Dienstleistungen zu erbringen. Der Netzbesitz ist einerseits für die echte Energiewende und anderseits moderne Dienstleistungen für die Bürger dringend notwendig. Dafür muss man aber selbst in die Betriebsführung einsteigen oder bei einem Pachtmodell einen unabhängigen Partner haben, der nicht von Atom- oder Kohleunternehmen stammt.

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