Ideengeber: Meinhard und Leonhard Sieweke (v. l.) haben ein Konzept gegen das Insektensterben erstellt. - © Richard Zelenka
Ideengeber: Meinhard und Leonhard Sieweke (v. l.) haben ein Konzept gegen das Insektensterben erstellt. | © Richard Zelenka

Harsewinkel So kämpft Harsewinkel gegen das Insektensterben

Auf öffentlichen, privaten und gewerblichen Flächen sollen Wildblumenwiesen angelegt werden. Dort finden Bienen und andere Bestäuber neue Lebensräume. Im Rathaus wurde das Thema zur Chefsache erklärt

Richard Zelenka

Harsewinkel. Das verheerende Insektensterben ist ein großes Thema - auch in Harsewinkel. Es prägt seit Wochen die öffentliche und politische Diskussion. Gleich drei Punkte auf der Tagesordnung der jüngsten Sitzung des Umweltausschusses befassten sich mit dem Dahinraffen von Biene, Falter & Co. Mit einem Bündel von Maßnahmen soll nun in einer konzertierten Aktion der Versuch unternommen werden, die Umweltkatastrophe vor Ort zu stoppen oder zumindest abzumildern. Ein Leuchtturmprojekt ist dabei bekanntlich die Umwandlung der Kompensationsflächen im Marienfelder Kuhteich zu einer Wildblumenwiese, auf der die Bestäuber neue Lebensräume finden können. In der Sitzung ging es zunächst um die Details von Einsaat und Pflege der drei Flächen mit einer Größe von insgesamt 30.000 Quadratmetern. Außerdem stand ein Bürgerantrag von Werner Eschen unter der Überschrift "In Harsewinkel blüht was" zur Debatte. Seine Forderungen - den Bürgern eine größere Menge "qualitativ guten und geeigneten Blumensamens" zum Selbstkostenpreis anzubieten sowie öffentliche Parkflächen zum Teil in Blumenwiesen umzuwandeln - erledigen sich quasi von selbst, weil sie auch Bestandteil eines weiteren Antrages der Brüder Meinhard und Leonhard Sieweke sind, die ein umfangreiches Strategiepapier zur Rettung der bedrohten Insektenwelt vor Ort ausgearbeitet haben (wir berichteten). Welche Bedeutung diesem Thema mittlerweile beigemessen wird, zeigt die Tatsache, dass es im Rathaus zur Chefsache erklärt wurde: Bürgermeisterin Sabine Amsbeck-Dopheide formulierte die Beschlussempfehlung an den Fachausschuss, die am Ende auch einmütig befürwortet wurde. Darin zeigt sie Punkt für Punkt auf, wie das Konzept der Sieweke-Brüder auf lokale Ebene umgesetzt werden sollte. Die meisten Vorschläge der beiden wurden wörtlich oder in leicht abgewandelter Form übernommen. In einem Punkt will man allerdings nicht dem Wunsch folgen: Die Dokumentation und Überwachung der Flächen solle nicht an Paten übertragen werden, sondern in Regie der Stadt erfolgen. "Der Bauhof pflegt die städtischen Flächen nach den Pflegestandards, die dem Umweltausschuss vorgelegt und von diesem beschlossen wurden. Die Organisation, die Einhaltung der Pflegestandards und deren Kontrolle obliegen dem Leiter des Bauhofes, der die Erledigung dokumentiert", heißt es in dem Beschlussvorschlag. Der Vorwurf der Antragsteller, die Stadt habe die Fläche C (gegenüber der Marienfelder Sporthalle) noch nicht eingesät, hat sich erledigt. Die Einsaat erfolgte nach gründlicher Bodenvorbereitung am 18. Mai nach den Vorgaben der Unteren Landschaftsbehörde des Kreises Gütersloh, schreibt Amsbeck-Dopheide. Flächen A und B Auch die Flächen A und B im Kuhteich würden nach den gleichen Standards bewirtschaftet. Die Ankündigung, die Ansitze für die Greifvögel würden entsprechend der Anregung der Brüder Sieweke entfernt, sorgte im Ausschuss für eine kurze Diskussion. "Warum sollten wir hier in die Natur eingreifen?", fragte Gunhild Hinney (SPD). Fläche D Dieses Areal, das sich direkt neben der Fläche C befindet, wurde von den Siewekes als Ergänzung ins Spiel gebracht. Das Gelände soll nach den gleichen Vorgaben gepflegt werden wie die anderen Flächen auch. Parkanlagen In den beiden Stadtparkbereichen Moddenbachtal und Michel-Vauthrin-Park seien bereits in der Vergangenheit Wildblumenflächen angelegt worden. Zukünftig würden weiterhin geeignete Flächen in Parkbereichen mit Wildblumensamen eingesät oder renaturiert, so die Bürgermeisterin. Bei größeren Flächen und Maßnahmen werde der Umweltausschuss zuvor beteiligt, insbesondere dann, wenn dadurch die bisherige Nutzung der öffentlichen Fläche "wesentlich beeinträchtigt oder der Gesamteindruck verändert" würde. Firmengelände Feuerwehrumfahrten und Firmengelände müssten bauordnungsrechtlichen Anforderungen entsprechen, weil sie befahrbar sein müssten für entsprechende Achslasten. Die Kommune dürfe hier keine Vorgaben machen. Die Verwaltung erklärt sich aber bereit, alle Firmeninhaber zu unterstützen, die Interesse an der Einsaat einer Wildblumenfläche haben. Private Grundstücke Die Verwaltung werde auch weiterhin Interessenten bei ihren Bemühungen, Wildblumenflächen anzulegen, unterstützen. Es seien bisher 900 Kleinpackungen Saatgut zur Anlage von Flächen in der Größe von zwei Quadratmetern und vier Samenpackungen für größere Flächen von 100 bis zu 1.600 Quadratmetern an Privatleute abgegeben worden. Dieses Vorgehen werde durch Öffentlichkeitsarbeit begleitet. Vorgesehen seien Themen wie "Kein Gift im Hausgarten", "Mut zur Wildnis" oder "Eine Bleibe für Insekten". Biogas und Schafe Der Vorschlag von Leonhard und Meinhard Sieweke zur Senkung der Bewirtschaftungskosten wird aufgegriffen. Die Verwaltung wird das Interesse von Biogasbetreibern an der Mahd erfragen und prüfen, ob eine Beweidung der Flächen durch Schafe sinnvoll und wirtschaftlich sei. Bienenhotels Das gewünschte Aufstellen von Wildbienenhotels werde seitens der Verwaltung im Einzelfall überprüft. Gegebenenfalls würden an diesen Nisthilfen Informationstafeln aufgestellt. Eine Einfriedung der Flächen sei hingegen zu aufwendig. Finanzierung In ihrem Konzept regen die Brüder Sieweke die Einrichtung eines Fonds an, der aus städtischen Mitteln und privaten Spenden gespeist würde. Die Bürgermeisterin führt aus, dass zur Zeit der Blumensamen für private Interessenten aus den Mitteln für die lokale Agenda 21 in Höhe von 4.000 Euro bezahlt werde. Der Umweltausschuss könne darüber entscheiden, ob darüber hinaus Haushaltsmittel zur Verfügung gestellt werden. Für eventuelle Spenden werde die Stadt Spendenbescheinigungen ausstellen. Pädagogische Effekte Es seien bereits beispielhafte Flächen, so zum Beispiel an der Astrid-Lindgren-Schule sowie im Michel-Vauthrin-Park, angelegt worden. Eine weitere Anfrage einer Kita liege bereits vor, die auf einem benachbarten städtischen Grundstück eine Bienenwiese anlegen möchte. Schulen und Kindergärten würden weiterhin bei der Vermittlung der ökologischen Wichtigkeit von Insekten unterstützt, betont die Bürgermeisterin.

realisiert durch evolver group